Kuba : Der Comandante weiß von nichts

Wer noch originales Kuba erleben will, fährt mit dem Mietwagen durch den Westen der Insel, zu einsamen Stränden und offenen Menschen.

Martina Miethig
Auf eigene Rechnung. Immer schon verkauften Bauern einen Teil ihrer Produktion privat. Nun, so fordert Rául Castro, soll das kapitalistische Marktmodell ausgedehnt werden.
Auf eigene Rechnung. Immer schon verkauften Bauern einen Teil ihrer Produktion privat. Nun, so fordert Rául Castro, soll das...Foto: Miethig

Saftige Ananas warten verlockend in einer Holzbude an der Piste entlang der Nordküste. Mmmh, que rico, lecker. Ich kaufe gleich vier Stück. Joaquín Pérez will keine der begehrten Devisen-Pesos namens CUC von der Touristin, er nimmt lächelnd den einheimischen „Peso cubano“ – und legt noch eine Ananas für die Blondine obendrauf. Undenkbar in Havanna, wo es mittlerweile in der Bilderbuch-Altstadt vor Schleppern, Taschendieben, Heiratswilligen und den immergleichen Zigarre schmauchenden „Fotomodellen“ auf Devisenjagd nur so wimmelt. Wer im Westen Kubas unterwegs ist und noch ein bisschen originales Kuba kennenlernen will, sollte sich mit Zeit, Geduld und ein paar Worten Spanisch kreuz und quer treiben lassen mit Abstechern in die tiefste Provinz – in nahezu tourismusfreie Zonen abseits der bekannten Trampelpfade in Las Terrazas, Soroa und Viñales.

Vamos – los geht’s – auf zwei der schönsten Straßen Kubas. Von Havanna zuerst holpernd über den Circuito Norte nach Westen bis San Vicente: eine herrlich zeitraubende Alternative zur schnurgeraden und perfekt asphaltierten A 4, der „autopista“ Havanna – Viñales. Die Panoramastrecke führt zwischen Meer und Cordillera de Guaniguanico entlang, beim Auf und Ab zwischen den Städtchen Bahía Honda und La Palma möchte man alle 100 Meter anhalten und Fotos schießen: üppig grüne Flusstäler und Palmenhaine, „guajiro“-Bauern und Obstplantagen. Ein guajiro mit Machete und ausgefranstem Strohhut lädt mich beim Plausch am Wegesrand ein – am Wochenende spielt seine Rentnerband im Touristen-Mekka Viñales.

Aber ich habe schon Ruhe und Faulenzen gebucht auf Cayo Levisa, einem Inselchen in Sichtweite vor Palma Rubia: eine Handvoll Bungalows an einem circa drei Kilometer langen Strand, begrenzt von dichten Mangroven. Tagesbesucher aus Havanna und Viñales zieht es hier zum Schnorcheln ans vorgelagerte Korallenriff. Am Nachmittag wird es einsam, nachts lassen sich nur die Jutías, katzengroße „Baumratten“, auf den sandigen Wegen zwischen den Cabañas blicken.

Kuba: Der Sozialismus wird privat
Der Geist der Revolution ist noch lebendig. Auch die jüngsten Maßnahmen ändern daran nichts. Die Regierung sieht in ihnen keine grundlegende Reform, sondern eine Weiterentwicklung des Sozialismus.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Reuters
18.10.2010 15:59Der Geist der Revolution ist noch lebendig. Auch die jüngsten Maßnahmen ändern daran nichts. Die Regierung sieht in ihnen keine...

Das Städtchen Viñales, vor rund 15 Jahren noch ein verschlafenes Nest, ist heute an manchen Tagen regelrecht überschwemmt von Tagesausflüglern aus Havanna und Varadero. Immerhin: Die Häuschen strahlen in frischen Pastellfarben – der Tourismus scheint den rund 5000 Bewohnern gutzutun, kein Ort in Kuba hat mehr Privatpensionen, die „casas particulares“, mit Klimaanlage und Heißwasserduschen. Beides übrigens keine Selbstverständlichkeit in der kubanischen Provinz. Bisweilen „duscht“ man noch mit der Schöpftasse aus dem Eimer, dessen Wasser zuvor mit dem Tauchsieder erhitzt wurde.
Rund um das bezaubernde Unesco-Tal von Viñales mit seiner Patchwork-Kulisse aus grünen Tabakfeldern und kupferrotem Erdboden ist jede Strecke attraktiv, aber die kaum befahrene Straße nach Guane ist der Knüller: Das schmale Sträßlein schlängelt sich mitten durch den urzeitlichen Jurassic Park, haarscharf vorbei an jahrmillionenalten buckligen Kalkbergen und zigtausenden Höhlen der Sierra de los Órganos. Es geht vorbei an sattgrünen Tabakpflanzen, palmblattgedeckten Hütten und „secadero“-Trockenschuppen für die Tabakblätter. Aus den Tälern ragen himmelhohe kerzengerade Königspalmen. Landwirte treiben ihre Ochsen mit lautem „hohoo“ über die Felder.
In San Carlos wartet Fidel auf eine Mitfahrgelegenheit. Nein, nicht der alte Herr und einstige „Comandante en jefe“, nur ein Namensvetter, der 1979 in Halle in einer landwirtschaftlichen Kooperative gearbeitet hat. Sechs Monate DDR nur, aber Fidel schwärmt gleich los auf Deutsch: „Bier! Kartoffeln! Tanzen mit die deutsche Frau, jaaaaah!“ Fidels Freund pflanzt pfeilblättrige Malangas an, die mineral- und vitaminreiche Alternative zur Kartoffel. Er verrät seine Meinung zu den jüngsten Reformplänen von Staatschef Raúl Castro, wie die Landvergabe an Privatbauern: „Wir Kleinbauern haben nichts davon, wir haben nicht genug Maschinen, Düngemittel oder Leute. Wovon sollen wir das bezahlen – etwa von den Preisen, die der Staat uns zahlt?!“ Es klingt, als würde sich am Brachliegen von fast der Hälfte der Agrarfläche Kubas so schnell nichts ändern ...

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