Syrien : Auf Säulen gebaut

Geschichte aus fünf Jahrtausenden - Syrien gilt als größtes Freiluftmuseum der Antike.

Syrien Foto: laif
Ruinen in der antiken Stadt der Oase Palmyra. -Foto: laif

Sultan ist sauer. Wütend schleudert er den Kopf hin und her, bleckt die gelben Zähne und lässt ein gurgelndes Protestbrummen aus der Kehle steigen. Achmed zerrt an den Zügeln und schwingt drohend den Kamelstock. Vergeblich – der vierjährige Dromedarbulle bleibt unbeeindruckt und macht nicht die geringsten Anstalten aufzustehen. Schließlich ist es auch noch früh am Morgen, sehr früh sogar. Noch liegt tiefe Dunkelheit über dem Stadtrand von Palmyra im Nordosten Syriens. Und die Kälte der Wüstennacht, in der die Temperaturen oft bis an den Gefrierpunkt sinken.

Achmed, der 14-jährige Sohn des Kameltreibers, trägt dicke Handschuhe und einen braunen Kapuzenmantel, der ihm bis zu den Füßen reicht, sein Vater hat gleich mehrere Pullover übereinander gezogen. Ihre gemeinsamen Anstrengungen haben endlich Erfolg. Als Sultans Gefährten längst auf ihren vier Beinen stehen, erhebt auch er sich. Die kleine Karawane setzt sich in Bewegung.

„Ein Kamelausflug in die Wüste, um bei Sonnenaufgang die Ruinen von Palmyra zu sehen – das ist ein Erlebnis, das man nie vergisst“, hatte Hassan, unser Fremdenführer, gesagt. An seine Worte müssen wir denken, als wir schweigend in die Morgendämmerung reiten und uns mit vor Kälte zitternden Händen an den Sattelknauf klammern. Der Tag kommt schnell, fast ohne Übergang: Ein schmaler Streifen am Horizont, erst violett, dann rot und gelb, und schon liegt die syrische Wüste in hellem Sonnenlicht. Die bröckelnden Lehmmauern, die Palmengärten und Bananenplantagen, die heute die Oasenstadt Tadmur, das einstige Palmyra, säumen, sind zurückgeblieben – vor uns, golden angestrahlt, wachsen schlanke Säulenreihen aus dem Sand, Reste von Tempeln und Theatern, kilometerlange Kolonnadenstraßen mit Stadtmauern und mächtigen Toren.

Palmyra, vor zwei Jahrtausenden Hauptstadt eines Reiches, das von Kleinasien bis Gibraltar reichte, bevor es im 3. Jahrhundert durch den römischen Kaiser Aurelian zerstört wurde, ist nur einer der vielen Höhepunkte, die den Urlauber auf seiner Reise durch das arabische Land erwarten. Fünf Jahrtausende Weltgeschichte sind über Syrien hinweggezogen. Kulturen kamen und gingen – Babylonier, Hethiter, Phönizier, Perser, Griechen und Römer. Syrien, das Tor zum Orient, wurde zur Wiege menschlicher Zivilisation: Hier ritzten Menschen das erste Alphabet in eine Tontafel, hier wurden die ersten Städte aus Stein erbaut, die ersten Haustiere gezüchtet, die erste christliche Kirche errichtet. Und – kurios genug – die ersten Steuerlisten geschrieben.

„Wir besitzen das größte Freilichtmuseum der Antike“, sagt Hassan. Allerdings: Es ist ein Museum im Wartestand. Kaum mehr als 200 000 westliche Touristen wurden im vergangenen Jahr in Syrien gezählt, die meisten von ihnen aus Frankreich und Italien. „Liegt es daran, dass viele Menschen politische Vorurteile gegen uns haben?“, fragt Hassan. „Weil uns Amerika jahrelang als Schurkenstaat verteufelt hat? Oder weil wir ein sozialistisches Land sind?“

Seit einigen Monaten gibt es Anzeichen dafür, dass die Regierung in Damaskus bereit ist, einen politischen Kurswechsel zu vollziehen. Pragmatismus statt Sozialismus. Einer der Schwerpunkte soll dabei der Tourismus sein. Denn das Land braucht Devisen – für den Bau neuer Straßen und neuer Hotels (bisher eine der Unzulänglichkeiten Syriens).

Schönste Jahreszeit für einen Urlaub in Syrien: der Herbst. Die Gluthitze des Sommers ist vorüber, in den kleinen Dörfern, die wir auf unserer Rundreise streifen, duftet es nach Minze und Oleander, Garben von goldgelben Datteln hängen in den Zweigen der Palmen, in ihrem Schatten reifen Zitronen und Orangen. Es ist der „fruchtbare Halbmond“, jene grüne Steppenlandschaft, die sich von den Golanhöhen an der israelischen Grenze im Süden im Halbkreis bis in den Norden des Landes erstreckt. Wüste, in fruchtbares Ackerland verwandelt: Jungen und Mädchen in Schuluniformen arbeiten auf den Feldern, bewässern die Pinien und Zypressen am Straßenrand. Freiwillig, sagt Hassan – und muss dann doch zugeben, dass der Aufbau des Landes Teil der sozialistischen Schulerziehung ist.

Wir haben unsere Tour in Damaskus begonnen. Orientkenner halten die syrische Metropole mit ihren etwa zwei Millionen Einwohnern für die schönste Stadt Arabiens. Das muss lange her sein. Längst ist der Fortschritt eingezogen. Überall wütet die Abrissbirne, schafft Platz für neue Hochhäuser und moderne Wohnviertel, die am Stadtrand unaufhaltsam die Berghänge hinaufwachsen. Bürotürme aus Stahl, Glas und Beton umzingeln die alten Moscheen mit ihren schlanken Minaretten und glänzenden Alabasterkuppeln. Banken, Boutiquen und Shoppingmalls mit funkelnden Neonreklamen verdrängen die Altstadt mit ihren kleinen, verwinkelten Gassen, den überdachten Suks und mittelalterlichen Häusern. Kolonnen gelber Taxis schieben sich durch die Straßen, aus den Autoradios dröhnt lauter Technosound durch Hitze, Staub und Abgase. In diesem Chaos scheint selbst die große Omaijaden-Moschee noch eine Oase der Stille zu sein. Tausende von Menschen haben sich im Gebetshof versammelt – Gläubige und Ungläubige, fromme Pilger und Touristen. Und doch gleicht der Platz, ein 200 Meter langes, von Arkaden umgebenes Rechteck, über dem senkrecht die Sonne steht, eher einer turbulenten Piazza als einem stillen Tempelhof: Kinder jagen auf dem weißen Marmorboden ihrem Ball nach, Frauen, den schwarzen Tschador über den Kopf gezogen, stehen plaudernd in kleinen Grüppchen zusammen. Auf den Bänken im Schatten der Säulen halten Männer ihren Mittagsschlaf, andere zerteilen Wassermelonen oder verspeisen seelenruhig ihre gefüllten Fladenbrote.

Die Große Moschee von Damaskus, im 8. Jahrhundert auf den Ruinen eines römischen Jupitertempels und den Resten einer christlichen Kirche errichtet, ist ein Ort der Integration. Keine Spur von Intoleranz oder religiösem Fanatismus. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, offen und herzlich. Sie bilden eine Patchwork-Gesellschaft aus vielen ethnischen und religiösen Gruppen, doch die verwirrend vielen Glaubensrichtungen haben nicht zur Zwietracht, sondern eher zu einem toleranten Miteinander geführt. Fünfzehn Prozent der fast zwanzig Millionen Einwohner sind Christen, die stolz darauf sind, dass Syrien das erste christliche Land der Welt war.

Der Euphrat, längster Strom Mesopotamiens, ist die Lebensader des Landes. Ohne jeden Übergang wechselt im Norden die arabische Wüste in grünes Ackerland. Endlose Olivenhaine überziehen den fruchtbaren Boden, Plantagen mit Dattelpalmen und Pistazienbäumen erstrecken sich bis zum Horizont. Aleppo, genau im Zentrum dieser Oase zwischen Euphrat und Mittelmeer, nimmt für sich in Anspruch, die älteste ständig bewohnte Stadt der Welt zu sein – älter als Damaskus. Reich und berühmt war die Stadt am Schnittpunkt uralter Handelswege schon vor Jahrtausenden. Heute gilt sie als wichtigstes Wirtschaftszentrum Syriens, Anziehungspunkt für Arbeitsuchende aus dem ganzen Land. Innerhalb weniger Jahre ist die Einwohnerzahl auf fünf Millionen gestiegen.

Moderne Hotels, elegante Boutiquen und teure Restaurants zeugen von lebhafter Geschäftstüchtigkeit der Aleppiner. Kein Wunder, dass der mittelalterliche Suk noch immer das Herz der Stadt ist. In den kilometerlangen Kuppelgewölben taucht der Besucher in eine andere Welt, in ein Labyrinth aus engen, verwinkelten Gassen, das keinen Anfang und kein Ende kennt. In dem es wogt und brodelt von Bildern und Farben, von fremdartigen Düften und Geräuschen ...

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