Reise : Tacktack auf dem Pflaster

Bars, Kunst und Geschäfte: Krakau hat Frauen viel zu bieten. Auf Stöckelschuhen kommen allerdings nur Polinnen zurecht

Uta Petersen
Hohe Kneipendichte in Kazimierz. Der einst jüdische Stadtteil – heute leben nur noch 200 Juden in Krakau – ist der Szenetreffpunkt schlechthin. Fotos: Mauritius Images
Hohe Kneipendichte in Kazimierz. Der einst jüdische Stadtteil – heute leben nur noch 200 Juden in Krakau – ist der Szenetreffpunkt...Foto: mauritius images

Knacks. Umgeknickt. Das Motto des Rundgangs „Krakau auf Stöckelschuhen“ hat eine der Teilnehmerinnen wohl zu wörtlich genommen. Welches Schuhwerk die Monarchen einst auf dem barocken Königsweg vom Matejko-Platz bis zur Wawelburg trugen, ist nicht überliefert. Heute dauert die Strecke geschlenderte 25 Minuten – wenn man sich nicht von den kleinen Quergassen ablenken lässt. Diese bergen kleine Idyllen: blühende Hinterhöfe und charmante Lädchen hinter dicken Holztoren. Der Zugang Rynek Glowny 6 präsentiert auf Wandfotos ihren Zustand zu kommunistischen Zeiten und weit davor. Seit langem wird gehämmert und geklopft, die Patina beseitigt. Nicht überall geht es rasch voran, langfristig ungeklärte Eigentumsverhältnisse lassen Abbruch oder Restaurierung nicht zu.

Der sichere Gang, zehn Zentimeter über dem Boden, ist den jungen Krakauerinnen überlassen. Nach der neuesten Mode gekleidet meistern sie ebenso graziös wie unerschrocken mit ihren High Heels Höhen und Tiefen des historischen Straßenpflasters. Während alte Mütterchen in Kittel und Pantoffeln aus ihren Wägelchen heraus frische Brezeln verkaufen, blickt die junge Frauengeneration optimistisch in die Zukunft. Mehrsprachig, global vernetzt und hervorragend informiert riskieren mehr und mehr Frauen mutig den Schritt in die Selbstständigkeit, erzählt Agneta Kawa. Gemeinsam mit Kasia Hoffmann hat sie eine Sprachschule gegründet, neben ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter wagen die beiden 31-jährigen Germanistinnen neue Wege und lenken den weiblichen Blick auf die berühmte Universitätsstadt.

Krakau hat den grünen Gürtel: 15 Minuten dauert eine Fahrt mit der Linie 13 oder 8 für wenige Cent um die Planty, die französisch inspirierte Parkanlage rund um die Altstadt. Zu Fuß sind es etwa 90 Minuten. Von der Dachterrasse des Hotel Stary herab ist beim Rundblick über Krakau keine Bausünde zu erkennen, harmonisch wirken die aneinander- geklebten Häuser.

Das bunte Leben findet in den sage und schreibe 400 Kneipen rund um den mittelalterlichen Marktplatz Rynek Glowny statt, größtenteils unterirdisch. Was kümmern uns also oben ehrwürdige Renaissance-Tuchhallen oder das Bernsteinüberangebot, wenn unterm Pflaster so viel los ist. Die Bars, Restaurants und Kneipen in den Gewölben sind spannend dekoriert – und schummrig. Polnische Küche wird kombiniert mit Jazz internationalen Formats. Verschwunden aus dem Straßenbild sind die finsteren Strohpuppen in braunen Mönchskutten und Kapuzen vor vielen Lokalen, Bäuerliches findet sich nur noch auf der Speisekarte. Schwergewichtig sind die lukullischen Vorlieben. Speck, Zwiebeln und Wurst, auch Bratkartoffeln, Rotkohl oder Schmalzbrot eignen sich kaum als Diätkost, doch „Przez zoladek do serca“ – Liebe geht durch den Magen, lernen wir. Leichte Salate werden dagegen im Camelot serviert – hier geht man gern zum Lachen in den Keller, wo sich ein renommiertes Kabarett befindet. Club Cien verlangt eher nach Eleganz, weder Jeans noch Turnschuhe. Einzige Unstimmigkeit in der Restaurant-Bar Piano Rouge: Das Piano ist nicht rot.

Die „Dame mit dem Hermelin“, von Leonardo da Vinci etwa um 1450 auf ein kleines Holzbrettchen gemalt, ist leider ausgezogen und wird erst 2012 nach der Renovierung des Czartoryski-Museums weiter Rätsel aufgeben. Schnelle Kunst zum Anfassen macht hingegen Iwona Siwek- Front. Ein Besuch im Atelier der 39-Jährigen lässt staunen: Direkt von ihrem kleinen Balkon aus in der ul. Wislna 8 saugt sie Eindrücke und Gehörtes ihrer Straße auf, setzt es unverzüglich um in einen Blog, in Comics, Kurzfilm, in Gemälde. Ihre frischen, fröhlichen Farben sind bei Krakauer Kunstliebhabern längst Kult. Iwona repräsentiert die sich ständig wandelnde Stadt, wenn sie beispielsweise einen Ausschnitt aus einem der vielen Mauergraffiti in Öl malt und ihm damit eine neue Aussage verschafft. Unten vor der Tür parkt die königsblaue Harley-Davidson der Künstlerin.

„Polen ist noch immer eine Kumpelgesellschaft“, bedauert Kunststudentin Agata Dukowska, „Männer allein treffen die wichtigen Entscheidungen und das gern beim Wodka. Die Frau gilt immer noch weitgehend als Schmuck.“ Der dritte Posten für die Rabbiner immerhin sei nun von einer Frau besetzt worden. Noch ausschließlich Männer bekleiden weiterhin abwechselnd den Posten des Turmbläsers auf der Marienkirche, der stündlich mit einer abbrechenden Fanfare einen Angriff der Tartaren von 1241 ins Gedächtnis ruft.

Gedränge herrscht vor der Galerie von Satiriker und Karikaturist Andrzeja Mleczko in der sw. Jana 14. Seine wöchentliche Karikatur findet stets große Beachtung. Heute im Schaufenster: Eine Frau steht am Herd, der Ehemann sitzt hinter ihr, hält die Kugel der Kette, die am Bein der Frau befestigt ist. Er sagt: „Ich helfe, wo ich kann.“ Trudno – schwierig, das Schlüsselwort zu diversen Fragen des Lebens. Um einer Veränderung des Bewusstseins besonders in Frauenfragen beizukommen, müssen wohl noch viele weitere Perlen an das folkloristische WunschpüppchenZadanica angenäht werden, wie es viele Krakauer Frauen hoffnungsvoll tun. Geheiratet wird noch immer gern. Rüschen und Schleifen tragen die kleinen Krakauer Mädchen, sobald es festlich wird – während es die älteren gern hauteng und minikurz mögen.

Das Tacktack vieler Absätze, das Hufklappern der Kutschpferde, das Klatschen der Klapkis – zu Deutsch: Flip-Flops –, das Rumpeln der Tram und Straßenmusiker gehören genauso zum Sound von Stare Miasto, der Altstadt, wie ein Duftmix aus Zuckerwatte, Pferdeäpfeln und Designerparfum. Ein gelungener Schuhkauf wird auch in der Krakauer Damenwelt gern sofort gefeiert, zum Beispiel in der sw. Tomaszo 21 im Häkeldeckencafé Ciasteczkaz Krakowa bei Kremówka-Cremetorte.

Die dichtgedrängte Kneipenszenerie im Ortsteil Kazimierz berührt und begeistert gleichermaßen. Der einst jüdische Stadtteil – heute leben nur 200 Juden in Krakau – ist der Treffpunkt schlechthin, auf ein Zywiec, ein Bier bis tief in die Nacht. Man sitzt im Singer an Nähmaschinentischen, steht im Cheder, der alten Knabenschule, an Stehpulten oder diskutiert lebhaft rund um den Plac Nowy. Der war einst blühender Handelsplatz für koscheres Fleisch, heute sind hier die angeblich besten Zapiekanki zu haben, eine Art Sandwich. Eine lange Anreise und drei Monate Wartezeit hat eine Teilnehmerin für einen ultratrendigen Pixie-Cut-Haarschnitt im Studio 1/1 bei den Kultfriseuren Jaroslaw Cwik und Magda Kuryj in Kauf genommen, zeit- und grenzenlos ist das Thema Schönheit.

Jede Krakauerin träumt von einem Besuch bei Dr. Irena Eris in einem ihrer beiden luxuriösen Spa-Hotels. International bekannter ist Helena Rubinstein, die Pionierin der Kosmetikwelt. Doch in der ul. Szeroka 12 verfällt ihr Geburtshaus.

Heimweg im Morgengrauen. In der Meiselsa 6 hält Wojciech Smetek mit der „Bäckerei meines Vaters“ Piekarnia Mojego Taty die jüdische Backkunst am Leben. Er zieht mit dem fünf Meter langen Schieber ein frisch gebackenes, duftendes Kastenbrot aus dem riesigen, steinalten Ofen. Wielki – großartig!

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