Tangermünde : Fahnen in allen Gassen

Im September zelebriert Tangermünde die Tausendjahrfeier. Zum zweiten Mal. 1933 wurde das Jubiläum schon einmal begangen.

Stefan Berkholz
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Neustädter Tor. Es gehört zu den schönsten mittelalterlichen Toranlagen im norddeutschen Raum. -Foto: Berkholz

Tangermünde feiert in diesen Tagen. Eine Brücke über die Elbe wird eingeweiht, die Bevölkerung steht dicht gedrängt und schwer begeistert am Rande, im Städtchen wird gewinkt, Festtagswagen rollen. Das „Rothenburg an der Elbe“ hat sich ordentlich herausgeputzt. Der Anlass: Tangermünde wird 1000 Jahre alt. Und das Lokalblatt, der „Tangermünder Anzeiger“, schwärmt: „Keine Straße, kein Häuschen, kein Fenster ohne Schmuck, Fahnen und Fähnchen zu tausenden, Girlanden eine hinter der anderen, Inschriften, Symbole, Blumen. Ein prachtvolles, nie geschautes Bild. Und dann die Festbeleuchtung am Abend –! Worte fehlen fast, um auszudrücken, was das freudetrunkene Auge in der Lichtflut der Strahler erschaute.“

Das klingt etwas altbacken und zu weihevoll vielleicht, und es stammt auch tatsächlich aus einer anderen Zeit. Das Zitat ist vom September 1933. Die neue Ära unter Hitler setzte kurzerhand eine Tausendjahrfeier an – verbürgt war sie nicht. Ein Anlass war gesucht worden, die neue Elbbrücke war einzuweihen, und da das neue Regime ohnehin keinen Wert auf Wahrhaftigkeit legte, gab man dem Ganzen eine wohlklingende Bezeichnung. So begann das neun Tage dauernde Fest am 9. September 1933. Dabei ging es zum einen um die Geschichte und Identität des Städtchens, zum anderen aber um den Machtanspruch der neuen Uniformträger.

Heute nun, 76 Jahre später, kommt es zur zweiten Tausendjahrfeier. Tangermünde wiederholt das Fest. Erneut wird gefeiert, diesmal aber urkundlich verbürgt, wird betont. Denn die Burg Tangermünde – „dort, wo der Fluss Tanger in die Elbe mündet“ – wurde erstmals im Jahr 1009 von einem Bischof namentlich erwähnt. Die Schrift des Chronisten hat sich erhalten, und somit gilt nun 2009 als Jubiläumsjahr. Seit März wird schon eingeweiht und gefeiert und ausgestellt und veranstaltet. Doch die eigentliche Festwoche beginnt am 6. September, wie damals beinahe, unter Hitler.

Das Städtchen – eine Augenweide. Malerisch über den Elbauen gelegen. Große Teile der mittelalterlichen Befestigung sind erhalten, viele Türme und Tore. Von der Burg hat man einen weiten Blick über die Elbe bis nach Jerichow. Und vom Schlosshotel auf dem Burgberg zum Beispiel kann man das Panorama auf bequemen Korbstühlen bei Kaffee und Kuchen genießen.

Die alten Bürgerhäuser innerhalb der Stadtmauer stehen, manche bucklig und krumm, jedoch stolz, in Reih und Glied. Man kann Inschriften aus grauer Vorzeit entziffern, geschnitzte Rundbogentüren mit Sitznischen betrachten, Fachwerk und Backsteingotik bewundern, Hauswappen, Symbole, verwinkelte Gassen, Kopfsteinpflaster.

Das Städtchen mit seinen etwa 10 000 Einwohnern wirkt wie eine Kulisse, wie geschaffen für den Film. Und in der Tat wurden hier zu DDR-Zeiten diverse Defa- Filme gedreht. Filmleute sparen sich auch heute gern teuren Kulissenbau und drehen lieber am authentischen Ort. Vieles hat sich wie durch ein Wunder original erhalten. Selbst die DDR hegte und pflegte Tangermünde seit dem 1975 erlassenen Denkmalschutzgesetz. Und da mehr als 75 Prozent der Häuser in der Altstadt in Privatbesitz blieben, wie der Bürgermeister stolz verkündet, trug auch dies zur liebevollen und behutsamen Traditionspflege bei.

Auch das Rathaus aus dem 15. Jahrhundert, direkt im Zentrum gelegen, steht noch so, wie die Schriftstellerin Ricarda Huch es 1927 vorfand. „Der Backsteinbau des Rathauses liegt inmitten der Stadt wie eine allerschönste Prinzessin in der Felsenburg eines Riesen“, schwärmte die Erzählerin in ihren „Lebensbildern deutscher Städte“, in denen sie alte, nahezu unveränderte mittelalterliche Orte porträtierte. Und Ricarda Huch ergänzte: „Mit seinen bunten Giebeln und arabeskenhaften Rosen scheint es aus einem Märchen von Tausendundeiner Nacht hierher versetzt zu sein, und man meint, es müßten verschleierte Frauen aus Damaskus und weise Kadis darin aus- und eingehen.“

In eine solche Märchenwelt passen keine schreienden Werbebotschaften oder überdimensionierten Firmenschilder der Neuzeit. So werden diese heute in Tangermünde sehr zurückhaltend angebracht. Und wenn Baulücken geschlossen werden und Neubauten in der geschützten Altstadt entstehen, dann wirken manche auf den ersten Blick wie die Nachbarhäuser. Die Stadt sei heute „so schön wie wahrscheinlich in den letzten eintausend Jahren nicht“, vermerkt der Bürgermeister stolz in einem Grußwort.

Die opulente Festschrift widmet der ersten Tausendjahrfeier unter Hitler ein eigenes Kapitel. Damit kann man nun leicht vergleichen. Vor 76 Jahren war der 11. September 1933 beispielsweise für den „Jäger- und Schützentag“ reserviert. Das Schützenfest der Tangermünder Schützengilde von 1702 e. V. fand 2009 bereits am letzten Maiwochenende statt. Man würde gern mehr über die Geschichte und die Absichten dieses Schützenvereins, auch unter Hitler, erfahren. Dazu schweigt die Festschrift leider.

1933 war ursprünglich auch ein historischer Festumzug geplant – man verzichtete dann allerdings kurzfristig darauf. Diese Tradition wird 2009 nun wiederbelebt. Am Sonntag, dem 13. September, soll es zwei Stunden lang rundgehen im Städtchen. „1000 Jahre Geschichte in 15 Bildern“ werden versprochen.

Auch die Erzählung um Grete Minde lebt selbstverständlich weiter. Hatte es 1933 ein „Grete-Minde-Festspiel“ gegeben, fügt sich am kommenden 8. September die Premiere einer Oper mit dem Namen „Grete Minde“ an. Im September 1617 war Tangermünde fast vollständig abgebrannt, Margarete Minde wurde als Brandstifterin auf dem Scheiterhaufen qualvoll hingerichtet. Ob schuldig oder nicht, darüber streiten die Gelehrten bis heute. Theodor Fontane verewigte die tragische Gestalt in seiner Meisternovelle „Grete Minde“ von 1880. Nach dieser Vorlage sei nun die Oper der Neuzeit gestaltet, heißt es in der Ankündigung.

Es wird diesmal, zur zweiten Tausendjahrfeier Tangermündes, alles ganz anders, natürlich. Allerdings auch zum Wohle des Tourismus, damals wie heute. Der „Tangermünder Anzeiger“ vom 29. Mai 1933 betonte „die herausragende Bedeutung des Festes und der einzuweihenden Brücke für den Fremdenverkehr der Stadt“. In einer Hochglanzbroschüre von 2009 wird nun neudeutsch „das touristische Highlight in Sachsen-Anhalts Norden“ gepriesen. Es heißt, dass sämtliche Herbergen in der Festwoche bereits ausgebucht seien. Das schmucke Städtchen an der Elbe ist auch danach eine Reise wert.

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