Tasmanien : Wo die Welt auf dem Kopf steht

Tasmanien, das südliche Anhängsel Australiens, reizt alle Sinne – auf Weingütern und in faszinierender Natur. Zudem lockt an 300 Tagen im Jahr die Sonne.

Stefanie Bisping
Tasmanien
Schöne Aussichten. Im Freycinet-Nationalpark genießen die Besucher den Blick auf die "Wineglass Bay". -Foto: Imago

Mehr tot als lebendig stolpert in Hobart aus dem Flugzeug, wer Tage zuvor in Europa an Bord ging. Zwei Tage zuvor, um genau zu sein. Der eine Tag ging irgendwo unterwegs verloren. In Singapur war er noch da. In Melbourne nicht mehr. Es ist rätselhaft, aber in diesem watteartigen Zustand nicht zu ergründen. Da ist man nun in Tasmanien, am Ende der Welt, wo Luft und Regen so sauber sind wie nirgends sonst auf der Erde, die hier in jeder Hinsicht Kopf steht. Die Autos fahren links. Hügel voller Schafe erinnern an Cornwall, das bunte Blühen an Südfrankreich, schroffe Berge und tief blaue Seen an Schottland. Schilder warnen vor kreuzenden Kängurus, und gewiss lauern überall giftige Schlangen.

Immerhin: Wenn die innere Uhr stehen geblieben ist, muss man beim Planen von Weinproben keinen Gedanken an Tageszeiten verschwenden. Blicklos schauen wir auf die Rebstöcke des Coal Valley Vineyard vor der Pittwater Bay und probieren Cabernet Merlot und Pinot Noir, einer besser als der andere. Weinbau begann auf Tasmanien als Hobby und ist heute eine Industrie, der sich manch komfortables Vermögen verdankt. Die Weingüter besitzen schmucke Probierstuben, in denen zwischen den Weinen Austern und Jakobsmuscheln gereicht werden.

Benebelter noch als zuvor beobachten wir anschließend vor dem Haus, wie sich ein geheimnisvolles Tier in den Boden gräbt. Es ist rund, man sieht nur Stacheln. Was hat das zu bedeuten? Wir beschließen, nach einem Mittagsschlaf darüber nachzudenken. Es sind noch 15 Kilometer bis Hobart.

470 000 Menschen leben im australischen Bundesstaat Tasmanien, 200 000 davon in seiner Hauptstadt. Dort sitzt am Abend Brian Hall in „Mures Lower Deck“, einem Restaurant am Hafen, in dem die Gäste eine Nummer ziehen, um sich gebratenen Trevalla von der Theke zu holen, einen in tasmanischen Gewässern heimischen Fisch. Draußen schaukeln die Yachten, innen erzählt Brian aus seinem Leben.

Er ging mit der entzückenden Mary Donaldson, heute Kronprinzessin von Dänemark und neben Errol Flynn Tasmaniens berühmtester Spross, zur Schule und später zur Uni. Und zum Schulball. „Wenn es eine verdient hatte, Prinzessin zu werden, dann sie“, erklärt er und man merkt: Brian ist noch immer verrückt nach Mary. Den glücklichen Prinzen Frederik hat er bei einem Besuch der beiden auf der Insel kennengelernt. „Ein wirklich netter Mensch“, sagt er. „Natürlich hätte ich ihm trotzdem gerne eine reingeschlagen.“

Brian ist studierter Ökologe und im Nebenberuf Outdoor-Guide. Er weiß, dass wir nach unserer ersten Weinprobe nicht halluziniert, sondern einen Ameisenigel gesehen haben. Und er wird uns Tasmaniens Natur nahe bringen. Auf eine Begegnung mit dem Tasmanischen Teufel, jenem geheimnisvollen schwarzpelzigen Beuteltier, das es fertigbringt, binnen einer halben Stunde 40 Prozent seines eigenen Körpergewichts zu verschlingen, sollen wir dabei nicht zählen, mahnt Brian. Das sei zuverlässig nur im Zoo möglich.

Es beginnt recht urban, mit Port Arthur auf der Halbinsel Tasman, die nur durch den schmalen Streifen Eaglehawk Neck mit der Hauptinsel verbunden ist. Heute ist Tasman verwunschenes Land, in das Cottages und Blumengärten getupft sind, Butterfly Bush blau blüht und weiße Yachten auf dem Wasser schaukeln. Doch in der Frühzeit tasmanischer Besiedelung durch die Engländer war Port Arthur ein gefürchtetes Gefängnis.

Die Plastik eines Hundes erinnert an die Bestien, die flüchtende Gefangene zur Strecke brachten. Wer lieber schwamm, musste es mit kaltem Wasser und jeder Menge Haie aufnehmen. Damals bedeutete Tasmanien, die wilde Insel voller undurchdringlichem Regenwald, unheimlichen Eingeborenen und gefährlichen Schlangen, die Höchststrafe – und Port Arthur deren schlimmste Ausformung. Mit einer freien Überfahrt nach Van-Diemens-Land, wie die Insel in Gründertagen hieß, konnte in England schon rechnen, wer als Dienstmädchen ein paar Knöpfe geklaut hatte.

Wir schauen von oben in die Waterfall Bay, eine runde Bucht aus 50 Meter hohen Klippen. Unter uns segelt träge ein Albatros.

Zurück auf der Hauptinsel schauen wir auf dem Mount Wellington, Hobarts Hausberg, vorbei. Von hier öffnet sich der Blick auf die ganze Inselwelt des südöstlichen Tasmaniens. Wo 1803 die Siedlung Hobart begründet wurde, zog zuvor der größte tasmanische Aborigine- Stamm umher, der Oyster Bay Tribe. 30 Jahre später waren alle verbliebenen Ureinwohner aufgespürt und auf Flinders Island interniert worden. 1876 starb die letzte von ihnen, eine Frau namens Truganini.

1798 bestieg George Bass als erster Europäer den 1270 Meter hohen Berg. Wolken und starker Regen waren der einzige Lohn seiner Mühen. Charles Darwin bezwang Mount Wellington 1836 beim zweiten Versuch. Im Jahr darauf folgte die erste weiße Frau: Zwei Tage vor Heiligabend stärkte sich Lady Jane Franklin auf dem Gipfel mit einem Picknick aus einer Flasche Claret, gebratenem Geflügel, kalter Zunge und frischem Brot.

Nun gab es kein Halten mehr. Die Europäer kamen. Auf den Mount Wellington, auf dessen Gipfel heute eine Straße führt, und auf die Insel. 20 000 Deutsche und Österreicher sollen auf Tasmanien leben: der Natur und des selbst für australische Verhältnisse besonders entspannten Lebensstils wegen.

Wie Henny und Michael. Die Lehrerin und der Bauingenieur aus Berlin braten samstags auf dem Salamanca Market Würste. Deutsche Würste. Das Paar floh 1986 unter dem Eindruck der Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl aus Europa. Ihre Abschlüsse waren in Australien wertlos. Also sahen sie sich nach einer anderen Betätigung um. Doch so richtig in Schwung kam das Geschäft erst, als der Schauspieler Blacky Fuchsberger, bis zu seinem Umzug nach Sidney Fürsprecher der Insel und Mentor ihrer Neubürger, ihnen riet, mit den Würsten auch Zwiebeln zu braten. Ihr Duft werde die Menschen anlocken. Es stimmte. In Zweierreihen stehen die Leute um Brat- und Weißwürste an.

Wir sind noch nicht lange genug hier, um uns nach Bratwurst zu verzehren. Wir wollen wilde Natur und exotische Tiere sehen. Schließlich besteht ein gutes Drittel der Insel aus insgesamt 17 Nationalparks. Nach einer Verkostung in der Meadowbank Spring Winery, wo uns kräuteriger Sauvignon Blanc und nussiger Pinot Noir um mindestens einen Tag zurückwerfen, und traumhaften Ausblicken auf blaues Meer, das an weiße, menschenleere Traumstrände spült, erreichen wir über den Tasman Highway den Freycinet-Nationalpark an der Ostküste, eines der ältesten Schutzgebiete Australiens.

Die Halbinsel lässt sich per Kanu und zu Fuß erkunden. Wir beginnen mit einer Wanderung in hellstem Sonnenschein, getarnt unter Sonnenhüten, dunklen Brillen und einer soliden Schicht Sonnencreme. Denn über diesem wunderbaren Flecken Erde klafft ein großes Ozonloch. Brian ermutigt uns, ein bisschen zu lärmen und auf unsere Schritte zu achten: Es ist Brutzeit der Schlangen. Alle auf Tasmanien vorkommenden Arten sind giftig. Halb so wild, meint er: Seit 1976 habe es keinen Schlangenbiss auf der Insel gegeben.

An bizarren Felsformationen vorbei japsen wir bergan. Bis sich von einem Plateau zwischen Mount Amos und Mount Mayson der Blick auf die Wineglass Bay öffnet: ein makelloses, perfektes Rund aus weißem Strand an türkisfarbenem Meer. Wir folgen einem Pfad zum Picknick in der Bucht. Der Strand sieht schwer nach Südsee aus. Allein, zum Baden ist das Wasser zu kalt.

Abends sind unsere Beine schwer, doch wir sind nicht müde. Es muss an der reinen Luft liegen. Wir wollen Tiere beschleichen: bei einer Nachtwanderung auf dem Gelände der Freycinet- Lodge. Mit Taschenlampen ausgerüstet geht es durch die Finsternis zur Honeymoon Bay. Kaum haben wir das Foyer verlassen, da starrt uns schon ein Opossum am Wegrand an. Die Überraschung ist beiderseitig. Brian leuchtet in einen Baum, wo ein weiteres mit Jungtier auf dem Rücken sitzt. Im Gebüsch raschelt ein Wombat. Wir stolpern durch den Wald zum Strand. Ein Wallaby, der kleinere Verwandte des Kängurus, hüpft langsam davon. Über uns erstrahlt das Kreuz des Südens.

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