Tegernsee : Ein Ruck geht durchs Tal

Am bayerischen Tegernsee erwacht ein neuer Tourismus. Stammgäste kehren zurück und auch junge Familien entdecken das traditionelle Urlaubsziel.

Stefan Quante

Wolfgang Neumaier holt die Netze mit kräftigen wie ruhigen Armzügen ein. Überraschungen sind heute Morgen um sieben nicht dabei – nur etwa 70 Renken, der Brot- und Butterfisch der Fischer vom Tegernsee. Neumaier hat heute den letzten Tag seiner Lehre – jetzt nur noch die Prüfung, dann ist er staatlich geprüfter Fischwirt. Ein Beruf mit Zukunft für einen 21-Jährigen? „Natürlich! Von meinen sechs Kollegen ist keiner älter als 25. Die Menschen wollen doch immer mehr Fisch essen. Und erst recht von hier, aus einem der saubersten Seen Europas.“

In dem jungen Fischer spiegelt sich alles wider, was sich heute rund um Bayerns Vorzeigesee tut: Verjüngung, Rückbesinnung auf die Werte der Natur und fröhlicher Glaube an die Zukunft des lange eher als gestrig geltenden Tegernseer Tals. Bayerns König Max I. Joseph hatte den Tourismus hier im Jahr 1817 zum Leben erweckt, als er die ehemalige Benediktinerabtei aus dem achten Jahrhundert zu seiner Sommerresidenz machte und ihm etliche Hofschranzen, Diplomaten und Künstler folgten. Heute herrscht wieder Aufbruchstimmung. Baukräne allenthalben, steigende Immobilienpreise in den gehobenen Lagen und willige Investoren, die Schlange stehen.

In Gmund will der bayerische Hotelmagnat Stefan Schörghuber auf dem Boden des idyllischen Gut Kaltenbrunn einen etwa 130 Zimmer großen Hotel- und Konferenzkomplex errichten. Und in Rottach-Egern hat Klaus Oechsner Graf von Moltke just für 12,5 Millionen Euro seinem Parkhotel Egerner Höfe zwei neue Gebäude angefügt. Äußerlich Bauernhöfe im klassischen Tegernseer Stil – innen mit neuester Technik ausgestattet und ebenso mutig wie traditionsbewusst designt: mit zehn Holzarten, zu Wandobjekten zerlegten antiken Bauernmöbeln und Stoffen aus Paris. Oechsner treibt nicht reiner Lokalpatriotismus an: „Ich glaube an ein qualitatives Wachstum des Tourismus in dieser Region. Viele von denen, die früher etwa nach Mallorca gegangen sind, kommen zurück.“ Und gerade die Jungen schätzten räumliche Nähe, Sicherheit und berechenbares Wetter.

Die Zahlen geben Oechsner Recht – seine Gäste sind im Durchschnitt 50 Jahre alt, fünf Jahre jünger als noch vor einem Jahrzehnt. Und viele kommen heute mit Kinderwagen und Mountain Bike, mit Bobby Car und Gleitschirm. In Gmund am nördlichen Seeufer kann man die Renaissance des Tals als angesagte Ferienregion früh morgens an der Zahl der Kitesurfer sehen. Früher verirrte sich mal einer aus der Landeshauptstadt hierher, heute sind es manchmal 20, die früh morgens die Fallwinde ausnützen.

Georg Overs, der neue Geschäftsführer der Tegernseer Tal Tourismus spürt einen Ruck durchs Tal gehen: „Wir wollen hier wieder ein Urlaubsgebiet für alle Altersstufen werden, auch für Kinder. Denn Urlaubsgewohnheiten werden schon in der Kindheit geprägt.“ Um die ganz jungen Gäste an den See zu locken, lässt sein Verband daher einen Teil seiner Website von einheimischen Schülern gestalten: „Die sagen ihren Altersgenossen, was sie hierher locken könnte.“

Investitionen in die Zukunft allerorten: Eine neue Sommerrodelbahn bei Gmund bietet schneelosen Nervenkitzel, die Seesauna in Tegernsee glänzt mit Wellbeing für alle in Bestlage, in Bad Wiessee lockt eine Driving Range mit See- und Bergblick – und dann ist da noch die geplante Naturkäserei Tegernseer Land in Kreuth. Genossenschaftlich ohne Bankkredit organisiert wird hier demnächst vor allem Bergkäse von Tegernseer Kühen produziert. Maximilian Manzenrieder, Aufsichtsrat und im Hauptberuf Direktor des Parkhotels Egerner Höfe, leuchtet die Begeisterung aus den Augen: „Wir wollen dort Premiumprodukte herstellen, aus wertvoller Heumilch. Wir müssen die Kühe dazu silagefrei füttern – sonst bekommen wir die gewünschte Qualität nicht hin.“ Und das bedeute auch, dass zukünftig noch Kühe auf Tegernseer Weiden zu sehen sein werden. „Denn die Überlebensfähigkeit unserer heimischen Milchbauern ist dadurch gesichert.“

Auch gastronomisch bekommt der See neuen Schub. Selbst in Bad Wiessee, dem biedersten Ort am See, gibt es jetzt eine Sushibar. In Tegernsee kocht Michael Fell in der neu gestalteten Villa am See auf hohem Niveau, Achim Hack hält die Dichterstub’n in den Egerner Höfen locker auf Sterneniveau, und mit Christian Jürgens ist ein kulinarisches Schwergewicht – zuletzt in Wernberg-Köblitz unter zwei Sternen tätig – in die Dienste der Althoff Privathotels getreten. Seit die Edelgruppe das größte Haus am See – das Seehotel Überfahrt – von Dorint-Sofitel übernommen hat, ist noch mehr Bewegung in den Hotelmarkt am See geraten. Restaurants, Küche, Lobby und Rezeption werden demnächst gründlich umgebaut und auf Spitzenniveau gebracht. Personal Assistants helfen bei der minutiösen Planung der Ferientage – Segelbootcharter, Hüttenreservierungen, Doppeldecker-Rundflug und was sonst noch alles dazu gehört. Allein, qualifiziertes Servicepersonal sei rar, klagt der Hotelier.

Die Sorge lässt sich zuweilen nachvollziehen. Da weigert sich etwa der Bootsvermieter in Bad Wiessee, seinen Kunden ein Taxi zu rufen: „Wir sind hier doch nicht die Taxizentrale!“ Aber es geht auch anders. Der Überfahrer zum Beispiel, ein 73-jähriger pensionierter Postbote mit Künstlernamen Bertel. Für 1,80 Euro rudert der lederbehoste Schnauzbartträger seinen Gast von Rottach-Egern ans andere Seeufer nach Tegernsee, lehnt Trinkgeld höflich ab und wünscht noch einen schönen Tag.

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