Theater im Kraftwerk : Kopfüber in die Hölle

Das Kraftwerk Vockerode in Sachsen-Anhalt war ein Gigant der Industrie. In diesem Sommer liebt, leidet und tanzt Marquis de Sade darin.

Ilka Hillger
Kraftwerk
Neue Strahlkraft für ein altes Kraftwerk. In Vockerode ist für kurze Zeit lebendige Kunst eingezogen. -Foto: Promo

Seit kurzem geht es wieder auf kürzestem Weg in die Hölle – also abwärts. Gregor Seyffert nimmt diese Strecke an einer 40 Meter langen Eisenkette kopfüber hangelnd und sagt, dies sei ein Moment der Erholung. Wenn sich bei anderen der Angstschweiß schon vom bloßen Zuschauen einstellt, entspannt der Tänzer und Choreograf. Die Eisenkette hängt zwischen den Kesselhäusern des Kraftwerkes Vockerode. Über sieben Etagen ein Labyrinth aus Gitterrosten, Treppen und Plattformen, im Mittelpunkt gigantische Heizkessel. Zu Beginn der Wendezeit glühten sie noch. Dann wurde alles dunkel. Doch in diesem Sommer werfen Scheinwerfer wieder flackernd rotes Licht in das düstere Kraftwerk an der Autobahn 9 zwischen Dessau und Coswig und begleiten Seyfferts spektakulären Auftritt, mit dem das Cross-Genre-Aktionstheater „Marquis de Sade“ beginnt. Das „Kunstkraftwerk“, Sachsen-Anhalts ungewöhnlichster Event-Standort, ist bereit, Besucher zu empfangen.

Bis Ende Juli sollen die Zuschauer auf teils waghalsigen Pfaden durch das Maschinenhaus über die Heizkessel hinweg zu den Leitern und Plattformen kraxeln, die hier Parkett und Ränge ersetzen. Ihr Blick geht von den Gerüsten am Heizkessel direkt in die Abgründe einer Irrenanstalt, der letzten Station im Leben des Marquis de Sade – und hier Auftakt einer Produktion, die einen Ort in die Erinnerung zurückholt, der fast vergessen schien.

Enttäuschung bei den Einwohnern

In den Jahren 1999 und 2000 waren tausende Besucher nach Vockerode gekommen und hatten in den gigantischen Heizkesseln des Kraftwerkes beeindruckende Landesausstellungen gesehen. Damals war die Region Korrespondenzstandort der Weltausstellung Expo 2000, und der Bau, der zu DDR-Zeiten Energie bis nach Berlin lieferte, taugte vortrefflich, um Sachsen-Anhalts Geschichte abzubilden: die der Industrie und der Kultur gleichermaßen, erzählt an einem längst verwaisten Platz inmitten des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches. Der damalige Versuch, das Braunkohlekraftwerk einer neuen, kulturellen Nutzung zu erschließen, stimmte hoffnungsfroh. Doch die Euphorie der Jahrtausendwende zerstob wie die Erinnerung an die Expo.

In Vockerode, wo sich die Häuser im Schatten des gigantischen Kraftwerkes ducken, war man mal wieder enttäuscht. Wie schon so oft, freilich aus den verschiedensten Gründen. 1937 errichtet, um die Kautschukproduktion der Buna- Werke in Schkopau mit Strom zu versorgen, arbeitet Vockerodes Kraftwerk kaum zehn Jahre, dann wird der Industriebau samt seiner Anlagen 1945 bis auf die Grundmauern demontiert.

Moderne Anlage der DDR

Fünf Jahre später steht das Kraftwerk wieder, als eine der modernsten Anlagen der DDR und ganz dem Formenvokabular der Industriearchitektur der 50er Jahre verpflichtet. Der Superlativ indes hält nicht lange. Überall entstehen neue Großkraftwerke. Bald ist das in Vockerode nur noch eins unter vielen. In den frühen 90er Jahren ist die Technik so veraltet, dass nur die Schließung bleibt. Am 10. Oktober 1994 um 12 Uhr 08 wird das Kraftwerk Vockerode vom Netz genommen. Der Dornröschenschlaf des monumentalen Klinkerbaus an der Elbe währt bis zu den Ausstellungsjahren um die Jahrtausendwende und dann noch einmal sechs Jahre.

Dann kommt ein Visionär, dem die Bühnen der deutschen Stadttheater längst zu klein geworden sind. Ein Mann, der Tanz und Ballett ganz weit begreift, der ohne jedes Zögern künstlerische Grenzen überschreitet, wenn es nur seiner Idee dient: Gregor Seyffert. Der Tänzer und Choreograf findet mit dem Kraftwerk den perfekten Raum für sein Mammutprojekt „Marquis de Sade“ und stößt mit seiner Idee, drei Akte an drei Orten in dem Industriebau aufzuführen, gleichermaßen auf Skepsis und Begeisterung.

Eine morbide Industriekathedrale

Während die Begeisterung an dem Spektakel geblieben ist, hat sich die Skepsis gelegt. Die Unkenrufer sind stiller geworden, nachdem die wenigen Vorstellungen des Vorjahres so überaus gefragt waren, dass Compagnie-Chef Seyffert den Entschluss fasste, „Marquis de Sade“ noch einen Sommer tanzen, lieben und leiden zu lassen. Das Kraftwerk Vockerode ist bei dem Ganzen wie ein zweiter Hauptdarsteller. „Es verfügt über jenes kalte, unwirtliche, feindliche und brüchige Lebensklima, dass de Sade ständig entgegenwehte“, sagt Seyffert. „Im traditionellen Theater hätte ich den Marquis gar nicht so darstellen können wie in dieser kalten und morbiden Industriekathedrale mit ihren Winkeln und Abgründen.“

Was der Choreograf als morbide Industriekathedrale bezeichnet, fällt in diesen Tagen schon an der Autobahn 9 den Vorbeifahrenden auf. Blaue Neonröhren zeichnen die Kubatur des Kraftwerkes nach, das mit der Sprengung seiner vier weithin sichtbaren 140-Meter- Schornsteine vor sechs Jahren seines wichtigsten Wahrzeichens beraubt wurde. Schwerer aber wiegt noch, dass dem Kraftwerk vor einem Jahr der erst 1996 verliehene Denkmalstatus auf Betreiben des sachsen-anhaltischen Kultusministeriums aberkannt wurde.

Denken an die Zukunft

Das beunruhigt nicht nur die Vockeroder, sondern auch Gregor Seyffert und sein Team. Inzwischen hat er mit seinem Compagnie-Manager Thomas Guggi die Kunstkraftwerk Vockerode GmbH gegründet. Doch beide glauben, zu wissen: Solange Eigentümer Vattenfall am Kraftwerk festhält, hat der Industriebau eine Chance und seine kulturelle Nutzung eine Zukunft. Erst in diesem Jahr wurde durch Vattenfall die schon demontierte Stromversorgung im Kraftwerk erneuert. Auch in Hallen und Ecken, wo der „Marquis de Sade“ gar nicht spielt. „Das ist für uns ein Zeichen, dass hier in die Zukunft gedacht wird“, sagt Guggi.

Auch die Menschen aus Vockerode blicken nach vorn. Nur ein paar Wochen ist es her, da öffnete am Eingang des Kraftwerkes ein Café. Derzeit mischen sich dort die Ortsbewohner mit dem bunten Team der Inszenierung. Da sitzen dann Beleuchter aus Berlin neben ehemaligen Kraftwerkern und kommen ins Gespräch über einen Ort, der eine spannende Geschichte hatte und vielleicht einer ebensolchen Zukunft entgegensieht.

Vorstellungen „Marquis de Sade“ im Kraftwerk Vockerode bis 29. Juli an jedem Freitag, Sonnabend und Sonntag, Anfahrt über die A 9 in Richtung München, Abfahrt Vockerode

Informationen zur Produktion im Internet unter www.auch-du-kommst.de

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