TIPPS FÜR NORWEGEN : Moschusochsen sind Gourmets In anderthalb Stunden von Berlin nach Oslo

Eine Safari in Norwegen kann eine Menge Spaß machen – vorausgesetzt, man hat Regenjacke und Gummistiefel im Gepäck

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Wo ein Wille ist, ist ein Steg. Das Dovrefjell ist ideal für Wanderungen – auch wenn die Beschilderung eher sparsam ist. Foto: Hella Kaiser
Wo ein Wille ist, ist ein Steg. Das Dovrefjell ist ideal für Wanderungen – auch wenn die Beschilderung eher sparsam ist. Foto:...

Terje Rian, unser Guide, weiß eine Menge über Moschusochsen. Nur eins hätte er vielleicht nicht erzählen sollen: „Die Tiere sind 60 Stundenkilometer schnell.“ Und wenn dieser schwarzbraune Koloss, der dort hinten vor einer einigen Zwergbirken steht, nun plötzlich auf uns zu sprintet? Er schaut doch genau in unsere Richtung. Eben noch sind wir munter und fröhlich plaudernd hinter Terje hergestapft, nun zögern wir, verharren still. Doch der zottelige Riese hat seinen dicken Kopf schon wieder gesenkt und frisst, was unter ihm wächst: Flechten, Moose, Kräuter. „Moschusochsen sind Gourmets“, sagt Terje und fügt, mit Blick auf unsere ängstlichen Gesichter hinzu: „Es sind sehr friedliche Tiere.“ Nur zur Brunftzeit kämpften die Bullen gern gegeneinander und rammten sich schon mal die Hörner in die Seiten. „Gegenüber Menschen sind sie nicht aggressiv“, versichert Terje, „doch 200 Meter Abstand sollte man immer zu ihnen einhalten.“ Aus unserer Gruppe will sowieso keiner näher ran.

Der Nationalpark Dovrefjell-Sunndalsfjella ist kein Zoo. Das mächtige Bergmassiv, geprägt durch zahlreiche Moore, ist eines der größten Wildnisgebiete des Nordens. Ende der 40er Jahre wurden 16 Moschusochsen aus Grönland importiert und hier ausgewildert. Das Experiment hat geklappt. Mittlerweile leben rund 200 dieser Tiere im Dovrefjell. Urzeittiere, gewappnet gegen große Kälte. Ihre Unterwolle sei achtmal so warm wie Schafswolle und so weich wie die von Kaschmirziegen, erzählt Terje. „Die Astronauten der Nasa hatten Unterwäsche aus Moschuswolle“, weiß er.

Unterwegs auf den schmalen Pfaden bückt sich Terje immer mal wieder, um auf rotgestreifte Käfer zu zeigen, auf winzige lila Blüten oder merkwürdig ausgefranste Blätter. 350 Moos- und Flechtenarten gibt es im Dovrefjell und im Nachbargebirge Rondane. Eine archaische Landschaft mit mehr als 2000 Meter hohen Gipfeln, die auch Maler und Dichter fasziniert hat. Die Schriftstellerin Sigrid Undset beschrieb sie aus der Sicht ihrer Romanfigur: „Kristin starrte mit großen Augen, noch nie hatte sie gedacht, dass die Welt so groß und weit sein könnte: Es gab viele Täler und noch mehr Berge. Wohin das Auge sah, Bergweiden, Waldteppiche und weit am Horizont blaue Berge mit weißen Flecken, Schneefelder, die sich mit graublauen Sommerwolken vermischten.“ Alles wahr. Mittendrin picknicken wir und schöpfen unsere Getränke aus einem Wildbach. Köstlich, dieses Wasser. Wir stoßen an damit, auf „unsere“ Moschusochsen.

Der Safaritag zuvor allerdings war ein echter Flop. Nicht nur wegen des ekligen Nieselregens. Mit Quads sind wir bei Oyer über Stock und Stein losgefahren, um Elche zu sehen. Keiner hat sich blicken lassen. „Ist das ein Wunder, wenn man mit diesen lauten Dingern daherkommt?“, hatte eine aus der Gruppe gemault. 300 000 Elche gibt es in Norwegen, und nun kommt uns keiner vor die Linse.

Lars Tvete, der Chef vom Venabu Gebirgshotel, hat Mitleid und geht mit uns per Geländewagen gegen Abend noch mal auf Pirsch. „Aber dann verschrecken wir die Tiere doch sowieso wieder“, sagt einer aus der Safari-Gruppe. Lars lächelt und erklärt: „Im Gegenteil, Elche mögen Motorgeräusche, das macht sie neugierig." Wer Elche sehen wolle, dürfen den Motor nicht abstellen. „Erst Stille macht die Tiere argwöhnisch“, bekräftigt der Norweger, „dann versteckten sie sich.“ Wir spähen in die Dämmerung – nichts. „Da ist was Dunkles“, ruft jemand aufgeregt. Ach, nur eine ganz gewöhnliche Kuh.

Kein Elch würde sich nach Lom verirren. Viel zu geschäftig geht es in der Kleinstadt zu. Hier kreuzt die Reichsstraße 55 die Reichsstraße 15. Eine Million Touristen kommen jährlich durch Lom, eine stattliche Zahl für norwegische Verhältnisse. Viele Menschen halten hier an, denn der Ort hat etliche Attraktionen. Eine beeindruckende Säulenstabkirche aus dem 12. Jahrhundert zum Beispiel oder das Fossheim Steinsenter, wo man Thulit, den rosafarbenen Nationalstein Norwegens bewundern (und erwerben) kann, aber auch Mammutzähne, Fossilien oder Schachbretter aus Stein werden verkauft.

Das Interessanteste an Lom jedoch ist das Gebirgsmuseum. Auch die Geschichte des norwegischen Alpenvereins ist hier dokumentiert. Er hatte seine eigenen Gesetze. Der Schriftsteller Aasmund O. Virje urteilte Mitte des 19. Jahrhunderts: „Das ist kein Alpenverein nach englischem Muster, denn wir wollen nicht so sehr auf steile Bergzinnen klettern und uns das Genick brechen. Wir wollen lieber um uns sehen und die frische Bergluft genießen.“

Wir wollen weiter auf Safari. Rentiere stehen auf dem Programm. In der Region Valdres sollen besonders viele leben. René, Chef vom Boflaten Camping, ist Experte für diese Geweihträger und soll uns hinführen. Über eine holprige Piste fahren wir mit einem Landrover höher und höher hinauf. Wer Rentiere aus dem Auto sehen will, hat schon verloren. „Die Tiere sind sind scheu, wir müssen uns vorsichtig zu Fuß nähern“, warnt René. Also: alle aussteigen. „Dort hinten könnten welche sein“, sagt der Kenner und geht voraus. Über feuchte, sehr feuchte Wiesen. Natürlich hat keiner von uns an Gummistiefel gedacht. Nun fängt es auch noch kräftig an zu regnen. Wir geben auf. Kaum zurück am Auto, steht plötzlich, wenige Meter entfernt, ein Rentier auf dem Weg. „Es ist Vater Rentier“, flüstert René. „Der Bock sichtet das Gelände und wenn er signalisiert ‚alles in Ordnung‘ kommen Frau und Kinder hinterher.“ Tatsächlich, zack, zack springen drei, vier Tiere über den Weg. Leider zu schnell für unsere Kameras.

Fehlt nur noch ein Elch. Auf der Rückfahrt nach Oslo schauen wir angestrengt aus den Busfenstern. Plötzlich ruft einer: „Stop.“ Hat er einen Elch entdeckt? „Na ja, da ist dieses Schild, ich würde es gern fotografieren“, murmelt er. Elche auf den nächsten zwei Kilometern, warnt das Verkehrszeichen. Alle steigen aus, um es abzulichten. Gut möglich, dass „ein König des Waldes“ uns dabei beobachtet – und sich köstlich amüsiert.

ANREISE

Von Berlin-Schönefeld aus mit Norwegian. Für Ende August fanden wir einen Preis von rund 150 Euro inklusive aller Abgaben. (www.norwegian.no).

Ein Auto ab Oslo für eine Woche, zum Beispiel ein VW Polo, kostet 338 Euro.

(www.billiger-mietwagen.de)

UNTERKUNFT

Venabu Gebirgshotel, Doppelzimmer/Halbpension: 102 Euro pro Nase; Internet: www.venabu.no,

Berghotel Oigardseter, Hovringen, Doppelzimmer/Vollpension ab 83 Euro pro Person; Internet: www.oigardseter.no

Nordal Turistcenter, Lom; Doppelzimmer 137 Euro; Internet: www.nordaltu ristsenter.no

AUSKUNFT

Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Telefon: 01 80/ 500 15 48 (0,14 Euro pro Minute), Internet: visitnorway.de,

www.fjellnorway.com

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