TIPPS FÜR TAIWAN : Versöhnung am Gipfel

Bergwanderer sind fasziniert von Taiwan. Mehr als 200 Dreitausender erheben sich im Zentrum der Insel

Dirk Wegner
Gut beschildert. Wer die Zeichen deuten kann, dürfte sich in der Bergwelt Taiwans kaum verlaufen. Foto: Dirk Wegner
Gut beschildert. Wer die Zeichen deuten kann, dürfte sich in der Bergwelt Taiwans kaum verlaufen. Foto: Dirk Wegner

Noch sind wir nicht oben. Noch windet sich unser Gefährt die schmale Straße an der Bergflanke hinauf in Taiwans Gipfelwelt. Etwa auf halbem Weg zwischen Puli und dem Mount Hehuan liegt Cingjing. Zeit für einen Zwischenstopp, auf 2000 Meter. Auch die Wolken, so scheint’s, verschnaufen und legen sich den hohen Gipfeln jenseits des Tals wie Halskrausen um die Schultern. Also Beine vertreten und dabei die in Schaumstoff eingewickelten Pfirsiche prüfen, die am Straßenrand auf Käufer warten.

Wir sind im zentralen Bergmassiv des anderen China, jener Republik, die in diesem Jahr ihren 100-jährigen Geburtstag begeht. Eigentlich kurios, da sie erst 1949 auf der damaligen Insel Formosa ihr Staatsgebiet deklarierte. Doch es wird des Sieges der nationalistisch-republikanischen Bewegung Sun Yat-Sens gedacht, die 1911 zur Abdankung des Kaisers und zur Gründung der Republik China führte.

Seit wir vor zwei Stunden die tropische Ebene verlassen haben, ist es kälter geworden. Am Halt der Hochgeschwindigkeitsbahn in Taichung stieg unser Bergführer Cheng Tie-qing zu. Wettergegerbtes Gesicht, Kompass und Messer am Gürtel, derbe Bergschuhe, ein Outfit, das auf den ersten Blick Erfahrung signalisiert. Dabei kann von nüchterner Routine auf den mehr als 200 Dreitausendern, die sich im Zentrum der Insel erheben, längst nicht die Rede sein. Hier gibt es viel Neuland zu entdecken. Das Interesse am Bergwandern steigt, sowohl international als auch national.

Für Wanderungen auf mehr als 3000 Meter ist ein Bergführer Vorschrift und für bestimmte Touren sind vorab Genehmigungen einzuholen. Doch der Aufstieg auf die schönsten 100 Gipfel gilt bereits als Messlatte unter den taiwanesischen Alpinisten. Viele dieser Berge sind trotz großer Höhe ohne spezielle Klettertechnik oder Ausrüstung begehbar, einige in wenigen Stunden, die abgelegenen nach mehrtägigem Fußmarsch. Nötig ist auf jeden Fall eine gute Kondition, von Vorteil ist ein Dolmetscher, denn in den kleinen Dörfern im Hochland wird fast nur Chinesisch gesprochen.

In Cingjing essen wir bei Gao Yun. Bunt ist das Menü, das sie serviert: weißer Klebreis, grüne Salatblätter zum Einwickeln von scharf gewürztem Fleisch, gelbes Gemüse in roter Sauce, Garnelen am Spieß, Fisch kross gebraten, zum Nachtisch in Fett ausgebackener Käseteig, der in Honig getaucht wird. Dazu gibt es traditionellen Oolong-Tee, der wie eine Mischung aus grünem und schwarzem Tee schmeckt. Mit grazilem Gang schwebt Gao Yun, die „hohe Wolke“, so die Bedeutung ihres Namens, durch den Raum. Früher war sie Tänzerin, heute zeigt sich ihr Kunstsinn im Design ihrer Speisen und Schlafplätze. Etwas Jugendstil, ein bisschen Hundertwasser, leuchtende Farben, buntes Glas, viel Holz, jedes Möbel ein Unikat.

Auch ihr „Lover’s Treehouse“ ist einzigartig. Das kleine runde Baumhaus ragt aus den Büschen ihres Grundstücks, ein Juwel im Grünen. Über dem Dach thront eine luftige Holzterrasse auf Stelzen, ein Ausguck wie an Deck eines Piratenschiffs. Ob sie sich als Chinesin vom Festland hier wohl fühle? Ja, fremd fühle sie sich nicht. „Hier leben viele Menschen, die wie ich aus der Provinz Yunnan kommen“, sagt Gao Yun höflich lächelnd.

Ohne es zu wollen, ist mit der Antwort die Kluft zwischen den beiden Chinas thematisiert. Denn aus Yunnan stammen auch viele Veteranen, die in den chinesischen Bürgerkriegen kämpften und mit Chiang Kai-shek 1949 auf die Insel kamen. Heute nähern sich das große und das kleine China wieder an. „Wandel durch Versöhnung“, nennt es Präsident Ma Ma Ying-jeou. Von den alten Veteranen, die erst gegen die Japaner und dann gegen Mao Zedong kämpften, wurden einige im nahen Bo-Wang-Village angesiedelt. Sie waren es, die die Berghänge rund um Cingjing kultivierten, die auf dem kargen Boden fruchtbare Farmen für Pfirsiche, Birnen und Kiwis anlegten und Graslandschaft für Kühe und Schafe absteckten. In diesem taiwanesischen Hochland, das an die Schweiz erinnert, entstehen heute zunehmend Unterkünfte für Touristen, die in den kommenden Jahren verstärkt die ganz hohen Gipfel in Angriff nehmen werden.

Wir fahren weiter. Mit jedem Höhenmeter nimmt die Temperatur ab. Auf dem Pass in 3275 Metern sind es nur noch zehn Grad, dazu pfeift ein schneidend kalter Wind. Mit dem Bus ist die Höhe in wenigen Stunden geschafft. Der Körper rebelliert. Die Straße ist auf den letzten Metern noch schmaler geworden, manche Bergrücken sind komplett kahl, aber die Luft ist kristallklar.

Unsere Endstation steht in 3150 Metern Höhe. Die renovierte Songsyue Lodge, Taiwans höchstes Hotel, soll ein Ferienhaus von Chiang Kai-shek gewesen sein. Auf den Schildern am Eingang prangen strenge Regeln: keine Getränkebecher, Hunde, Fahrräder und Zigaretten. Dafür gibt es ein Bett, etwas zu essen und Informationen über die Berge, leider nur auf Chinesisch. Die Lodge ist dicht an den Hang gebaut. Die eine Hälfte der Zimmer bietet eine fantastische Sicht ins Tal. Wer dagegen gegenüber einquartiert wird, kann vom Fenster aus die steil aufragende Felswand mit der Hand berühren.

Praktisch vor der Haustür liegt der Hehuan Jian Shan, ein kahler, unscheinbarer Hügel. Ein Aufstieg am späten Nachmittag ist doch nicht der Rede wert. Denkste. Bei dem kurzen Stück steil bergauf kommen etliche Verschnaufpausen raus. Kein Wunder, wir sind auf einer Höhe von über 3000 Metern. Zurück in der Lodge zeigt uns Michelle, unsere Begleiterin aus Taipeh, sicherheitshalber noch den Sauerstoffapparat im Notfallzimmer. „Erst die Maske mit Spray desinfizieren, abwischen, aufsetzen, grünen Schalter anknipsen, ruhig atmen. Dann wird alles gut.“ Trotz der beruhigenden Botschaft schläft es sich mit leichten Kopfschmerzen in der ersten Nacht schlecht. Praktisch für alle, die den Sonnenaufgang nicht verpassen wollen. Noch ist es draußen dunkel, doch einige sind längst auf den Beinen. Stellen ihre Kameras auf Stativen in Positur, um die ersten Sonnenstrahlen am Horizont einzufangen.

Langsam formen sich aus den dunklen Konturen Bergrücken, Felsen, Bäume und Wolken. Das Panorama ist atemberaubend. In das Klicken der Kameras mischen sich die Rufe erster Wandertrupps, die durch die klare Luft von den Berghängen widerhallen.

Bevor es auf den Mount Hehuan geht, gibt es Reisbrei, geschmorten Kohl und bunte Dumplings, Teigtaschen, zum Frühstück. Für europäische Mägen nicht unbedingt die gewohnte Fitnesskost. Aber sie wird reichen. Schließlich haben wir uns auf die kürzere Variante der Tour geeinigt. Nur gut zwei Kilometer sind es noch bis zum Nordgipfel des Mount Hehuan auf 3422 Metern Höhe.

Unser Bergführer zeigt uns auf einer Übersichtskarte freundlich lächelnd das Ziel. Zwischen alpinen Sträuchern geht es gleich steil bergauf. Der Weg ist gut beschildert, unklar bleibt, welche Aufgabe Cheng in dem übersichtlichen Terrain hat. Lehrreiche Exkurse über die Bergwelt scheitern nicht nur an der Sprachbarriere. Trotz professioneller Ausrüstung offenbart sein keuchendes Atmen nur begrenzte Fitness.

Also einen Gang zurückschalten und selbst genau hinschauen. Die langsam verblühenden Azaleen haben noch immer die Kraft, ganze Hänge in rot-bunte Teppiche zu verwandeln. Dazwischen suchen blaue Enzianblüten in den Felsnischen Schutz vor dem kräftigen Wind.

Dank der komfortablen Straßenanbindung sind in dieser Höhe am Wochenende alle Generationen unterwegs. Es irritiert nur, dass die stets lächelnden Gesichter von Jung und Alt jegliche Anstrengung vermissen lassen. Selbst mit fast 3500 Metern zählt anscheinend für sie der Mount Hehuan zu den leichteren Gipfeln.

Irgendwann ist es dann geschafft. Man steht tief atmend über den Wolken und muss beeindruckt anerkennen: Was da rundherum an Gipfeln auftaucht, macht wirklich Lust auf mehr. Aber so richtig wohl erst, wenn beides, Leib und Seele, in dieser Höhe angekommen sind.

ANREISE

Zeitlich schnellste Variante von Berlin aus: Mit Air Berlin / China Airlines über Wien nach Taipeh. Ticketpreis für einen Flug Mitte Oktober: 923 Euro

100 JAHRE – 100 TOUREN

Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums hat Taiwan für Besucher 100 Routenvorschläge entwickelt, um die erstaunliche Vielfalt des Landes zu zeigen.

Informationen beim Taipeh Tourismusbüro (siehe unten).

VERANSTALTER

Spezielle Touren mit den Schwerpunkten Kultur, Wandern, Ökologie organisiert in Taiwan Barking Deer Adventures. Informationen im Internet unter: www.barking-deer.com

Im kommenden Frühjahr bietet der Hagener Veranstalter Wikinger Tours (Telefon: 023 31 / 90 47 41 eine 13-tägige Insel-Rundreise mit geführten Bergtouren an. Preis: ab 3298 Euro. Informationen im Internet: www.wikinger-reisen.de

AUSKUNFT

Taipeh Tourismusbüro, Rheinstraße 29, 60325 Frankfurt am Main; Telefonnummer: 069 / 61 07 43, im Internet: www.taiwantourismus.de

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