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Tirol : Nur der Hase darf kreuzen

17.01.2010 00:00 Uhrvon
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Spurrillen erwünscht. Vor dem zünftigen Langlauf im Tannheimer Tal werden die Loipen akkurat präpariert. - Foto: promo

Im Tannheimer Tal geht’s im Winter leise zu. Langläufer und Wanderer machen keinen Lärm. Und auch die Ballons am Himmel schweben still darüber.

Klick und noch mal klick. Die vordere Lasche ein wenig strammer gezogen, schon hat Sepp Sint seine roten Schneeschuhe unter die Wanderstiefel geschnallt. Eine kleine Gruppe deutscher und Schweizer Touristen macht es ihm nach. Monströs sehen sie aus, die Aluminium-Kunststoffgestelle, aber im Tiefschnee kommt man mit ihnen wunderbar voran, ohne einzusinken. „Geht einfach ganz normal vorwärts“, sagt Sepp. Ein wenig breitbeinig macht sich die Gruppe im Gänsemarsch hinter dem Bergwanderführer auf den Weg. Von Schattwald im Tannheimer Tal in Tirol geht es über schneebedeckte Felder und Hügel Richtung Vilsalp-Stausee. Teleskopstöcke helfen, die Balance zu halten.

„Wenn Neuschnee gefallen ist, hat es der Erste am schwersten“, erklärt Sepp: „Alle dahinter können der Spur folgen.“ Der Rahmen des Schneeschuhs ist hinten offen und kippt beim Herausheben. Ein Grund dafür, dass der Wintersportler nach kurzer Übungszeit über die weiße Fläche gleiten kann.

„Schon um 1900 war mein Vater mit Schneeschuhen unterwegs“, erzählt der ehemalige Zöllner. „Für Touristen gibt es das Schneeschuhwandern im Tannheimer Tal seit den 1970er Jahren. Damals waren es noch riesige Bambusgestelle.“

Da es mehrere Tage lang nicht mehr geschneit hat, aber in der Nacht 15 Grad unter null herrschen, ist die Schneeoberfläche leicht vereist. Es knirscht bei jedem Schritt. Am Vilsalpsee entlang geht es auf gefrorenem Weg abwärts. Schneeschuhe, die zusätzlich mit Stahlspikes ausgerüstet sind, geben in steilerem und verharschtem Gelände noch besseren Halt. Mit Raureif überzogene Äste ragen vom Ufer ins Wasser und geben dem schattigen kleinen See eine mystische Atmosphäre.

Nach kurzem steilen Anstieg stapft die Gruppe über verschneite Wiesen weiter bis zum Landhaus Rehbach. Keine Wolke trübt den blauen Himmel. Die Sonne lässt tausende Sterne auf dem gefrorenen Schnee tanzen. Schneeschuhwanderer hinterlassen Spuren – aber es sind nicht die einzigen in der Landschaft. Immer wieder kreuzen Fährten von Hirschen, Rehen und Hasen den Weg. Zwischen den Wiesen ist eine Langlaufloipe gespurt. Zahlreiche Menschen sind darauf unterwegs. „Der Vorteil des Schneeschuhwanderns ist, dass man nicht immer einer Spur folgen muss wie beim Langlauf“, sagt Carola aus Zürich. „Es ist eine tolle Alternative zum Langlauf, bei der man auch ganz schön ins Schwitzen kommt.“

In den sechs Ferienorten des Tannheimer Tals – Grän-Haldensee, Nesselwängle-Haller, Schattwald, Tannheim, Zöblen und Jungholz – leben 3100 Einwohner. Dazu kommen 7300 Gästebetten. Doch wer Remmidemmi und gigantische Diskos für den Après-Ski sucht, der ist hier falsch. Es ist das Tal für Familien und ruhige Genießer. 72 Kilometer geräumte Wege warten auf Winterwanderer. Das Loipennetz ist 140 Kilometer lang mit einem Höhenunterschied von maximal 50 Metern. Und wer Pisten hinunterdüsen will: 55 Kilometer sind präpariert.

Das 1100 Meter hoch gelegene Tal geizt nicht mit alljährlich wiederkehrenden Ereignissen: Internationales Ballonfestival und Ballonglühen, Schlittenhunderennen, Laternenläufe und auch eine Nordic-Fitness-Woche stehen auf dem Programm. Sechs „Ski-Kinderländer“ wie das Ice Age Kinderland in Tannheim, der Pumucklhang in Zöblen oder das N’Ice Bear Kinderland in Jungholz buhlen um die Jüngsten.

Vor ein paar Tagen kamen die ersten Kleinbusse mit Anhängern ins Tal. Zwei Wochen lang, bis zum 23. Januar, wird 25 Heißluftballons der Himmel gehören. Hobby-Ballonfahrer aus verschiedenen europäischen Ländern treffen sich in jedem Jahr in Tannheim, um einmal am Tag in die Luft zu gehen. Rudi Höfer, ein ehemaliger Polizist aus Schwäbisch Hall, organisiert das Festival seit 15 Jahren. „In den Bergen ist Ballonfahren nur im Winter möglich“, berichtet er, „man braucht Hochdruckwetterlage mit geringer Thermik.“ Für Einheimische und Urlauber, die mal hoch hinaus wollen, ist in dem einen oder anderen Weidenkorb immer ein Plätzchen frei.

Bevor die Fahrt beginnt, muss erst einmal gearbeitet werden. Pilot Peter Pohl und seine Crew vom Ballonteam Pik-As haben bereits den Korb vom Hänger gehoben und beginnen, die riesig erscheinende Ballonhülle auszurollen. Seine Frau Andrea schiebt eine Gebläsemaschine ans untere Ende der rot-gelben Hülle, die kalte Luft hineindrückt. Der lange Wulst wird dicker und nimmt Form an. Nun wird der Korb auf die Seite gedreht und eingehängt. Der Brenner erhitzt die Luft in der Hülle, bis sie warm genug ist und der Ballon sich aufrichtet. Drei, vier Mal zischt der Brenner, dann lässt die Bodencrew den Korb los.

„Glück ab und gut Land“, ruft Andrea, und schon steigt der Ballon lautlos hoch. Wie ein Fahrstuhl. „Zwei Meter pro Sekunde geht es aufwärts“, sagt Peter und kontrolliert ständig Windrichtung und -geschwindigkeit. Schon schwebt der Ballon über der weißen Barockkirche St. Nikolaus, der zweitgrößten Kirche Tirols. Drei andere Ballons sind bereits in der Luft. Weitere grüne, gelbe, blaue und weiße Nylonhüllen werden auf dem langsam kleiner erscheinenden Startplatz ausgerollt. Wenn der Wind aus Südwesten kommt, geht die Fahrt Richtung Schloss Neuschwanstein im Allgäu oder ins bayerische Oberland. Aber auch Alpenüberquerungen Richtung Italien haben schon stattgefunden. Doch dafür fehlt heute der ausreichende Wind.

Kein Laut ist zu hören. Nur ab und zu durchbricht das Geräusch des Brenners die Stille. „Schschsch“, faucht er. Aus 2500 Metern Höhe ist der Forggensee bei Füssen klar zu erkennen. Die Ballone drehen ihre Runden überm Tal. Sie werfen ihre Schatten auf den Halden- und Vilsalp-See, ziehen an den Bergspitzen Einstein, Gimpel und Rote Flüh vorbei. Auf dem 1862 Meter hohen Neunerkopf sausen Skifahrer die Hänge hinab. Paraglider schwingen sich in die Luft und gleiten zwischen den Ballons hindurch. Von der Bergstation der gelben Neunerkopf-Gondelbahn führt ein kurzer Wanderweg zum größten Gipfelbuch der Alpen. Wem die grandiose Aussicht gefallen hat, der kann sich später hier mit einem Dankesspruch verewigen.

Nach zwei Stunden Logenplatz am Himmel wird es Zeit, einen Landeplatz zu finden. Noch 200 Meter. Langläufer und Wanderer, bunte Farbtupfer in der Schneelandschaft, winken zum sinkenden Ballon hinauf. Auch Sepp ist wieder mit einer Gruppe unterwegs. Das Knirschen der Schneeschuhe ist deutlich zu hören.

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