Trampen durch Europa : „Ziehen Sie uns ein Stück?“

Zwei Niederländer wollten von Utrecht nach Istanbul. Einen Wohnwagen hatten sie. Aber kein Auto.

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Irgendwo im Nirgendwo. Wer weiß, wann jemand hilft. Bei Würzburg mussten die beiden dreieinhalb Tage ausharren, bei 17 Grad minus.
Irgendwo im Nirgendwo. Wer weiß, wann jemand hilft. Bei Würzburg mussten die beiden dreieinhalb Tage ausharren, bei 17 Grad minus.Foto: Peter Bijl

„Hallo, ich bin Tjerk, Theatermacher aus Utrecht, ich will nach Istanbul.“ So hat Tjerk Ridder an vielen Tankstellen Europas Autofahrer angesprochen. Währenddessen stand er neben seinem bunt gestalteten Wohnwagen. Allerdings war kein Auto vorgespannt. Tjerk muss immer noch lachen, wenn er von seinem Projekt erzählt, von den Menschen, die ihn völlig verblüfft anschauten und ihn erst einmal für verrückt erklärten.

Niederländer und Wohnwagen, das ist ein Klischee, aber Niederländer nur mit Wohnwagen ohne Auto auf dem Weg nach Istanbul? Was soll denn das? „Wir kamen uns vor wie Asterix und Obelix mit Hinkelstein, aber ohne Zaubertrank“, sagt Tjerk heute. Zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl hat er das Projekt gestartet, mit von der Partie war noch die Dackeldame Dachs.

„Man braucht andere, um voranzukommen“, das ist das Motto des Kulturprojektes von Tjerk Ridder und Peter Bijl, das beide 2010 starteten und dessen Ergebnisse jetzt in dem Buch „Anhängerkupplung gesucht“ (Patmos, 160 Seiten, mit zahlreichen Fotos und einer DVD mit Filmszenen und Songs, 19,99 Euro) erschienen sind.

„Was bringt die Welt voran?“, fragte sich Tjerk, was geschieht, wenn ich mit meinem Wohnwagen an der Tankstelle stehe und mitgenommen werden will? Wie europäisch sind wir wirklich? Wie ist es um Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft in Europa bestellt?

Die beiden Reisenden sind von ihren Erlebnissen überwältigt. „Ob in Bulgarien oder in Deutschland, die Menschen bieten dir Hilfe an. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede. Frage ich nach der Anhängerkupplung, frage ich nach der Bereitschaft, mir zu helfen. In Deutschland hatten die Menschen öfter Sicherheitsbedenken, auf dem Balkan hat das niemanden gestört“, erzählt Tjerk.

Die Reise ging von Utrecht nach Essen, damals Kulturhauptstadt Europas, über Wien, Budapest bis nach Pecz in Ungarn. Die zweite Etappe führte von Pecz durch Kroatien nach Belgrad, Sofia und schließlich nach Istanbul. Die kürzeste Wartezeit an der Tankstelle betrug fünf Minuten, die längste dreieinhalb Tage bei minus 17 Grad, bei Würzburg. Das sei schon hart gewesen.

Von großem Nutzen erwies sich Dackeldame Dachs. „Oft haben die Menschen zuerst den Hund gesehen, ihn dann gestreichelt, es entwickelte sich ein Gespräch, wir erklärten das Projekt und meistens kam dann doch die Frage: Und wo ist Euer Auto?“

Kroatische Grenzbeamtin zeigte sich besonders hilfsbereit

Die Menschen, die hilfsbereit waren, wurden von Tjerk zu einem Gespräch in den Wohnwagen eingeladen, wenn es die Sprachkenntnisse zuließen. „Ich habe sie nach ihren Träumen gefragt. Sie sollten sie aufschreiben, und dann wurden sie in einer Konservendose versiegelt, mit Haltbarkeitsdatum. An jenem Tag sollen sie beginnen, ihren Traum wahr zu machen. Die Dose bekamen sie zur Erinnerung mit auf den Weg.“

Eine Reise durch Europa ist inzwischen viel einfacher geworden, aber interessant wurde es an den noch existierenden Grenzen. Kurioserweise, so erzählen die beiden, habe man sie oft vor dem jeweiligen Nachbarn gewarnt. Natürlich völlig unbegründet.

Hoffen auf eine Anhängerkupplung: Peter Bijl und Tjerk Ridder
Hoffen auf eine Anhängerkupplung: Peter Bijl und Tjerk RidderFoto: Kurt Groh

Von Ungarn nach Kroatien haben sie mangels Auto ihren Wohnwagen einfach über die Grenze geschoben. Auf der anderen Seite konnten sie sich dann wieder anhängen lassen. Besonders hilfsbereit zeigte sich eine kroatische Grenzbeamtin am Übergang zu Serbien. Die Niederländer sollten sich neben den ankommenden Autos aufstellen und ihr durch ein Kopfnicken Bescheid geben, welcher Wagen über eine Anhängerkupplung verfüge. Dann konnte sie die Bitte der Niederländer übersetzen und an die betreffenden Autofahrer richten.

Tatsächlich wurden sie mitgenommen, von Serben. Eine Verständigung war unmöglich. „Dann kommen wir am serbischen Kontrollpunkt an, wo uns fünf schwer bewaffnete Soldaten erwarten. Zwei Niederländer in einem serbischen Auto mit einem niederländischen Anhänger. Das machte diese Beamten ratlos. Wahrscheinlich, um weitere Komplikationen zu vermeiden, haben sie uns einfach weiterfahren lassen“, erzählt Tjerk. Hinter der Grenze hätten sie im Auto gemeinsam und lauthals gelacht.

Sie haben Kultur-, Sprach- und Landesgrenzen überwunden und stellen den Europäern jenseits aller Vorurteile ein gutes Zeugnis aus. „Man braucht andere, um voranzukommen“, sie haben bewiesen, dass es klappt. Die Hilfsbereitschaft war immer da.

Ein Niederländer hatte ihnen in Nijmegen versprochen, wenn sie tatsächlich Istanbul erreichen sollten, dass er sie dort abholen und zurückschleppen werde. Und so kam es. Auf der Rückreise besuchten sie einige ihrer neuen europäischen Bekannten. „In Zeiten der Krise neigen die Menschen dazu, sich zurückzuziehen. Daher ist es wichtig, dass wir uns ständig an das Wesen Europas erinnern“, sagt Tjerk.

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