Traumurlaub : Reif für die Insel?

Ein Fleckchen Erde mit Wasser drumherum: In so ein Eiland kann man sich glatt verlieben. Henryk M. Broder, Elisabeth Binder und Harald Martenstein geraten mit anderen Tagesspiegel-Autoren über ihre Trauminsel ins Schwärmen.

AUFBRUCH ZUR FREIHEIT

Ich liebe Liberty Island, weil diese Insel ihrem Namen alle Ehre macht. Es ist mir nämlich gar nicht so wichtig, tatsächlich den Fuß auf die Insel zu setzen, auf der die Freiheitsstatue steht. Bei Licht betrachtet ist es dort ja sogar ziemlich rummelig unter den ganzen Touristenhorden. Aber den Anblick und die Assoziationen, die er hervorruft, liebe ich wirklich über alles. Es ist ganz gleich, ob ich sie vom Battery Park an der Spitze Manhattans aus betrachte oder beim Spaziergang durch den Hudson River Park. Manchmal fahre ich, nur um der besonderen Perspektive willen, mit der Staten Island Ferry und denke an die letzten Zeilen des Gedichts von Emma Lazarus („Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen, / hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore“). Dann stelle ich mir vor, für wie viele Menschen dieser Anblick der Wendepunkt in ihrem Leben war. Wie viele Hoffnungsstrahlen sich in dieser Figur sammeln. Wie viel Aufbruch und Neuanfang hat sie gesehen! Der Anblick von Liberty Island ist deshalb so eine tief reinigende Erholung, weil er mich immer mal wieder befreit vom modernen Zwang, alles ironisch sehen zu müssen. Diese Insel verkörpert für mich die Freiheit zum Pathos. Das (natürlich nur im Urlaub!) zu genießen, ist ungleich viel besser, als barfuß über den Strand zu schlappen. Elisabeth Binder

JEDER PUB EINE HAFENBAR

„Das ist doch keine Insel!“, sagen die Ahnungslosen. „Bloß weil du altmodischer Trottel immer mit der Fähre fährst!“ Also schön, ich bin ein altmodischer Trottel. England ist trotzdem eine Insel. „Das heißt Großbritannien!“ Nein, das heißt England. Schotten und Waliser sind Festländler mit erdschwerem Gang und diesem Blick in den Augen, der sagt: Ist mir schnurz, was hinter meinen Bergen kommt. Der Engländer hat den Seemannsschritt, die breitbeinige oder die um waagerechte Haltung bemühte steife Version; ein Schritt, der die Möglichkeit in Rechnung stellt, dass der Boden aus Planken bestehen könnte. Auf der inneren Landkarte, die er von seiner Welt hat, sind die Meere verzeichnet und alle Untiefen dazu. „My home is my castle“, ist ein kontinentales Missverständnis. Warum sind denn englische Häuschen bunt lackiert und pechschwarz kalfatert, als müssten sie nachts hinaus auf hohe See? Jeder ist sein eigener Kapitän; jeder Pub ist eine Hafenbar, wo der Fremde nach Woher und Wohin gefragt wird. Mitten in London riecht es manchmal nach Meer. Noch in Stratfort-upon-Avon kann, wer gute Ohren hat, das Tosen der Stürme nachklingen hören. Robert Birnbaum

FATA MORGANA UNTERM POLARKREIS

Island muss eine Fiktion sein, eine Fata Morgana unter dem Polarkreis. Wirklich geben kann es die Insel nicht, nicht als Staat, nicht als Gesellschaft, nicht als Ökonomie. Island, das ist doch nur eine Idee.

Ein Land so groß wie die frühere DDR, bewohnt von circa 300 000 Menschen, der Bevölkerung von Berlin-Mitte. Davon leben inzwischen etwa zwei Drittel in der südwestlichen Ecke des Landes, rund um die Hauptstadt Reykjavik. Von Reykjavik nach Keflavik, zum internationalen Flughafen, sind es etwa 50 Kilometer. Die vierspurige Autobahn wird von Baustellen gesäumt. Überall entstehen neue Wohnviertel, Shopping-Malls und Industriegebiete. Es sieht aus, als bauten die Isländer auf Vorrat, für eine Bevölkerung von vielen Millionen.

Dabei ist jeder zweite Isländer ein Künstler, ein Musiker, ein Schriftsteller oder wenigstens ein Geschichtenerzähler. Es gibt eine Handvoll großer Verlage, die kommerziell arbeiten, und eine Vielzahl kleiner Verlagswerkstätten. Nirgendwo in der Welt werden mehr Bücher produziert und gelesen, Bestseller erreichen Auflagen von 20 000 Exemplaren und mehr. Auch in anderen Bereichen besetzen die Isländer die ersten Plätze in der europäischen Statistik: bei den Geburtenraten, den Abiturienten, den Telefon- und Internetanschlüssen, den Einkommen und den Schulden.

Die Isländer sind die Italiener des Nordens. Mit einem schweren Hang zur Unpünktlichkeit, vor allem im Sommer, wenn es nie dunkel wird. Sie sind schlechte Planer und gute Improvisierer. Ganz Island ist ein Labor, in dem alles, was neu ist, ausprobiert wird, eher als in anderen Ländern, von Skype bis zum Wasserstoffantrieb für Autos. Weil sie keine Armee unterhalten und nur ein Loch in die Erde bohren müssen, wenn sie heißes Wasser brauchen, sparen sie viel Geld, mit dem sie Kaufhäuser in Skandinavien, Brauereien in Osteuropa und Telefongesellschaften in Entwicklungsländern kaufen. Und wenn man sie fragt, warum sie all das machen, dann sagen sie: „Wir arbeiten gerne“ und „Erst machen wir es, dann mögen wir es.“ Henryk M. Broder

SALZ UND SEELE

Die Augen schließen, träumen und sehen: wie die kleinen Häuser am blauen Horizont immer weißer und immer größer werden, bis das schnelle Schiff am Hafen festmacht; nun hast du wieder Land unter den Füßen – schmales, grünes, stilles Land, spartanisches Bleiben bei gebratenem Hering, Maischolle, Zander und Aal. Im Meer die Fische. In den Teichen die Frösche, wie sie die Backen aufblasen und immerzu nach Quark rufen, als Antwort schreit der Kuckuck Kuckuck, du schüttelst das Portemonnaie, weil das eine solide finanzielle Basis der nächsten Monate verheißt oder einen Lottogewinn samt langem Leben, und plötzlich bleibt er stumm, der Wahrsager und Glücksbringer, was nun? Da, auf der Wiese, steht ein Reh, vorn klappern die Hufe der Pferde, die das Betonband, das die drei Inselörtchen verknüpft, zertrampeln und zertrümmern. Dabei möchte man, dass hier nur Fahrrad gefahren wird, kein Auto, höchstens dieser Inselbus, wenn er die Idylle stört wie die zum Leben der Insulaner notwendigen und nicht von allen geliebten Touristen, die abends wieder fortfahren und so nie erleben, wie morgens zum Frühstück auf der satten Wiese das Huhn sein Ei in den Becher gackert, wie die Schwalben über das Pflaumenmus segeln, die Schwäne im Schilf die Hälse recken, wie eine grandiose Stille die Seele wäscht, und Freiheit ist am Strand und im Meer und in den Wiesen und Weiden bis zum Himmel und zurück auf dies Paradies auf Erden mit dem Geschmack nach Seele, Salz und Freiheit: Hiddensee. Lothar Heinke

ROTE SONNE, BLEICHER MOND

Schlagertexte sind oft doof. Aber manchmal steckt süße Wahrheit drin. „Wenn die rote Sonne versinkt und die bleiche Sichel des Mondes blinkt …“ Capri verzaubert. Sogar am Tage. Wenn die Ausflugstouristen kommen und alle links rumgehen, hinauf zur Villa Munthe, gehe ich rechts – und bin bald ganz allein. Wandle zwischen duftenden Blumenhecken, erspähe einen steinernen Adonis in einem Garten, eine Weinrebe auf dem Felsen und Kletterpflanzen, die sich in uralten Mauern verfangen. Und zwischendurch, immer wieder, blinkt tief unten das kobaltblaue Meer. Kein Wunder, dass Kaiser Augustus das viel reichere Ischia einst eintauschte gegen das rund zehn Quadratkilometer kleine Eiland im Golf von Neapel. Es gibt im Sommer viele schicke Menschen auf Capri, die in den zahlreichen teuren Boutiquen einkaufen. Und ein Glas Chianti auf der Piazetta hat seinen Preis. Doch der wahre Luxus der Insel ist die angehaltene Zeit. Zum 589 Meter hohen Monte Solero hinauf zuckelt ein Sessellift. Nur für eine Person ist jeweils Platz. Und oben steht man dann zwischen zwei antiken, rissigen Amphoren und schaut auf drei Felsen im Meer. Und man könnte schier platzen vor Glück. Hella Kaiser



FORMAT SEEPFERDCHEN

Die Insel, die ich meine, liegt im Mittelmeer und ist etwa 20 Kilometer lang. Sie hat die Form eines Seepferdchens. Sie besitzt Fahrradwege. Sie besitzt keinen Flugplatz. Die Straßen sind, bis auf eine, schlecht. Es gibt nur zwei größere Hotels, alle anderen Hotels sind klein oder mittel. Auf beiden Seiten der Insel liegen lange, fast unbebaute Strände mit Dünen. Man kann zehn Kilometer lang am Sandstrand entlangwandern. Es gibt keine Wassermotorräder, Wasserbananen und ähnlichen Schnickschnack. Von Zeit zu Zeit stößt man in den Dünen auf kleine Kioske, romantisch verlotterte Bretterbuden, in denen es Kleinigkeiten zu essen gibt. Jeder Kiosk hat sein eigenes Publikum und seine eigene Musik. Am Abend sitzt man an den Kiosken und schaut aufs Meer, wo die Sonne untergeht. Die Insel hat keine historischen oder kulturellen Sehenswürdigkeiten, aber eine bezaubernde Höhle, die ein großes Fenster zum Meer besitzt. Sie hat zwei Leuchttürme und eine Steilküste, denn an einem Ende verfügt die Insel über ein Hochplateau, auf dem ein Bauerndorf liegt, dort kommen selten Touristen hin, bis auf die beiden Markttage.

Die Insel war eines der großen Hippieparadiese der sechziger Jahre. Ein paar dieser Typen gibt es immer noch, sie sind jetzt um die siebzig. Es heißt, Bob Dylan habe längere Zeit hier gelebt, inkognito. Im August ist die Insel überfüllt mit Italienern, in den anderen Monaten gehört sie Ökos, Familien und interessanten Einzelgängern. Die Insel hat, bis auf den August, ein national sehr gemischtes Publikum, keine Nationalität überwiegt. Die Insel erinnert mich ein bisschen an Hiddensee, aber das Wetter ist besser. Es ist selten heiß. Viel Wind. Im Mittelmeer kenne ich keine bessere Insel zum Relaxen, und ich kenne einige. Die Insel heißt Formentera. Harald Martenstein

FÜR KÜNSTLER UND HASARDEURE

Ganz abseits und doch nicht völlig aus der Welt. Geht es besser für ein Plätzchen, wo man stille Tage genießen darf? Gewiss, von Berlin aus ist es ein gutes Stück Weges. Bis an die Westküste Kanadas muss man schon reisen. Und dann noch zweimal übers Wasser. Erst nach Vancouver Island hüpfen, dann nach Denman. Dort erschließt sich eine Welt, die man bereits verloren glaubte. Zwar wirbt der General Store neuerdings damit, dass er einen öffentlichen Internetanschluss zu bieten hat. Doch das Hier und Jetzt drängt sich nicht in den Vordergrund. Räder drehen sich, jedoch langsam. Und vor allem die Menschen sind so gestrickt, wie es im Entdecker- und Einwandererland Kanada vor 150 Jahren üblich war: hilfsbereit, offenherzig, tolerant. Sehr tolerant. Aussteiger, Ökos, Künstler, gestrandete Hasardeure, erfolgreiche Manager mit Sinn fürs einfache Leben – eine bunte Community. An menschenleere Strände spült jede Flut des Pazifiks neue, wundersame Dinge. Die kann man lediglich betrachten oder einsammeln. Wie die Austern im flachen Wasser – ab in den Eimer für die nächste Mahlzeit. Steht einem der Sinn nach Gesellschaft, das See-Kajak liegt vor der Tür. Zur Hafenkneipe des gegenüberliegenden Inselchens dauert’s nur eine knappe Stunde. Ach ja, auf dem Rückweg doch noch eben die Hummerfalle überprüfen. So ganz ohne Pflichten geht es eben auch hier nicht. Gerd W. Seidemann

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