Uganda : Folg’ mir zur Liane

Auch in Uganda sind Primaten gefährdet. Doch auf Ngamba Island leben sie gut geschützt - und lieben Besucher.

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Schimpanse huckepack. Eine Weile lassen sich die Tiere gern durch den Regenwald tragen. Dann wollen sie runter und spielen – mit...

Sieben Uhr morgens. Gerald stößt die Stahltür zur Wildnis auf. Sechs Männer und zwei Frauen in grünen Overalls, darunter vier ugandische Tierpfleger, der Rest Touristen, treten auf eine Lichtung. Es riecht nach feuchter Erde, Tau bedeckt das Gras, die Luft ist voll vom Kreischen der Papageien und Webervögel. Sattes Grün, Baumriesen, überwuchert von Schlingpflanzen – vor uns liegt der Regenwald. Hinter uns ein vier Meter hoher Zaun mit Strom führenden Drähten, der die Menschen dahinter vor den Lebewesen schützen soll, mit denen wir jetzt durch den Wald gehen wollen: Schimpansen.

Ich bin mit einer Touristengruppe auf Ngamba Island, einer Insel im Viktoriasee, 23 Kilometer entfernt vom ugandischen Festland. Seit zehn Jahren gehören hier 40 Hektar Regenwald allein den Tieren, genauer: 35 Schimpansen. Sie sind Waisen, viele von ihnen mussten miterleben, wie ihre Eltern abgeschlachtet wurden. Primatenfleisch gilt in manchen Regionen Afrikas als Delikatesse, gefangene Affenkinder lassen sich als Haustiere verkaufen. Die ugandischen Behörden beschlagnahmen jedes Jahr Schimpansen, die in kleinen Körben gehalten werden. Die Tiere sind oft abgemagert und von ihren Besitzern misshandelt worden.

Auf Ngamba Island finden sie ein natürliches neues Zuhause. Das Projekt finanziert sich aus Spenden und durch Touristen. Auf der Insel gibt es die weltweit einzigartige Möglichkeit, mit einer Gruppe von Schimpansen durch den Regenwald zu ziehen. Nirgendwo kann man – die nötigen Impfungen vorausgesetzt – unseren nächsten Verwandten in der Natur so nahe kommen.

Der Zaun in unserem Rücken trennt den kleinen Teil der Insel, auf dem die Tierpfleger wohnen, von der Welt der Affen. Der Schutz ist notwendig, weil Schimpansen, obwohl körperlich im Durchschnitt nur halb so groß wie Menschen, bis zu sieben Mal stärker sind als wir. Ein aggressiver Schimpanse kann einen Menschen durchaus umbringen.

Das Tor fällt zu, ich knöpfe den Overall auf, nehme aus meiner darunter verborgenen Hüfttasche eine Wasserflasche und trinke einen Schluck. „Was hast du denn da?“ Gerald, der Chef der Tierpfleger, schaut mich bestürzt an. „Eine Flasche mit Wasser.“ „Die musst du hierlassen – die Chimps werden sie dir wegnehmen und dir damit auf den Kopf hauen.“ Langsam wird mir ein bisschen mulmig, die Brille musste ich schon abgeben, mein Halstuch auch. Wie gefährlich ist dieser Ausflug? Ich werfe die Flasche auf die andere Seite des Zaunes.

Zwei Minuten später stehen die gesuchten Wegbegleiter vor der Gruppe im hohen Gras: acht Schimpansen, die im Gegenlicht schwarz wirken, Jungtiere, von den Tierpflegern ausgesucht, weil sie nicht aggressiv gegenüber Menschen sein sollen. Der kleinste Schimpanse, er reicht mir bis knapp über die Kniekehle, kommt mir entgegen und bleibt vor mir stehen. Sein Fell ist dunkelbraun, dicht und struppig. Am Kopf ragen zwei unbehaarte, ziemlich große Ohren heraus – und sein freundliches, schwarz gesprenkeltes Gesicht. Das Tier blickt mich an aus seinen braunen Augen. „Das ist Nakuu“, sagt Gerald. „Sie will mit dir gehen.“ Ich bin gerührt und aufgeregt. Was soll ich machen? Gerald sagt: „Dreh’ dich um und geh’ in die Hocke.“ Ich tue, was er sagt – und Nakuu schlingt Arme und Beine um mich. Ich spüre ihre behaarten Arme an meinem Hals, ihren warmen Atem in meinem Nacken. Mir wird bang, sie könnte mich jetzt erwürgen oder mein Genick brechen. Gerald scheint mir meine Gedanken anzusehen, er lacht aus vollem Hals. „Keine Angst, sie will, dass du sie Huckepack nimmst.“

Nakuu sei fünf Jahre alt und ein liebes Mädchen. Ich stehe – ein wenig mühsam – auf. Nakuu ist gut und gerne 15 Kilo schwer. Nach wenigen Metern schon steht mir der Schweiß auf der Stirn. „Wenn es dir zu anstrengend wird, nehmen wir sie dir ab.“ Gerald grinst immer noch.

Eine Frau führt einen Schimpansen an der Hand, zwei weitere Touristen tragen Affen auf dem Rücken, ich habe wohl Glück gehabt. Ein Mann hinter mir hat einen deutlich größeren Affen abgekriegt. „Der wiegt bestimmt 25 Kilo“, stöhnt er. Wir gehen einen schmalen Pfad entlang, der durch den Regenwald führt, ein Zweig versperrt mir auf Kopfhöhe den Weg, ich bücke mich – und spüre wie Nakuu sich Schutz suchend an meinen Rücken schmiegt, wie ein kleines Kind. Ich spüre ein tiefes Glücksgefühl, würde Nakuu am liebsten fest an mich drücken. Für einen Moment vergesse ich ihr Gewicht.

Rundherum ergibt sich ein skurriles Bild: Wir Menschen gehen, einige bepackt mit Schimpansen, den schmalen Pfad entlang. Links und rechts von uns zieht die Horde der übrigen Affen mit Geschrei durchs Unterholz. Dann gibt es einen riesigen Krach. Aikuru, ein Schimpansenweibchen, springt auf einen toten Baum, der kahl und ohne Äste am Wegesrand steht. Das Holz biegt sich weit in Richtung Boden, schnellt zurück – und bricht, der Affe wird ein paar Meter weiter auf den Boden geschleudert. Wüstes Geschrei – aber Aikuru steht sofort wieder auf und springt auf einen anderen, kleineren Baum. Äste knicken ab. „Sie sind keine nachhaltigen Bewohner des Regenwalds, unsere Chimps.“ Gerald schüttelt den Kopf. „Wenn sie hier draußen übernachten und sich jede Nacht einen Schlafplatz einrichten würden, wäre vom Wald bald nichts mehr übrig.“ Auf Ngamba betreten die Schimpansen jede Nacht freiwillig den Käfig. Dort warten Essen und Hängematten, es ist ein gemütliches Zuhause. Kein Tier muss hier hungern. Was indes auf der Insel wächst, könnte nur zwei Schimpansen ernähren.

Aber jetzt ist helllichter Tag, und die Schimpansen machen den Regenwald unsicher. Vor allem ärgern sie Dominik, den Fotografen. Yoyo, ein neunjähriges Weibchen, hat sich an ihn herangeschlichen – und greift blitzschnell nach dem Objektiv. Dominik schreit, zieht die Kamera weg – zwei Tierpfleger springen ihm zu Hilfe und verjagen die Schimpansen. Ab jetzt geht einer hinter und einer vor Dominik, um die Kamera schützen.

Ich bin erschöpft, setzte Nakuu auf dem Boden ab. Sie macht ein paar Schritte, greift eine Liane – und schwingt sich zu ihren Artgenossen in den Wald. Wenige Minuten später, Licht am Ende des Regenwald-Tunnels – vor uns liegt die Weite des afrikanischen Meeres: der Viktoriasee. Ein leichter Wind kräuselt die Wasseroberfläche, ein weißes Passagierschiff fährt in der Ferne vorbei. Weit weg ist der Außenbordmotor eines Fischerbootes zu hören – und ganz in der Nähe das Geschrei der Affen, laut, durchdringend, hektisch. Sie haben einen wohl vierzig Meter hohen Feigenbaum mit weit ausladendem Astwerk erobert, auf dem sie herumtollen und um Früchte streiten. Wir rasten ein paar Minuten am Ufer, dann gehen wir wieder los – nach wenigen Metern sind die Schimpansen an unserer Seite. „Für sie sind wir eine Gruppe“, sagt Gerald. „Deshalb folgen sie uns.“

Ich habe mich erholt und gehe in die Knie, um Nakuu Huckepack zu nehmen. Ich wende ihr den Rücken zu, doch nichts passiert. „Jetzt will sie nicht mehr“, sagt Gerald. Ich drehe mich wieder um zu ihr, sie streckt mir die Hand hin: glatte, helle Haut, dreigliedrige Finger, Fingernägel – wer einmal einem Schimpansen die Hand gegeben hat, weiß, dass uns Menschen nicht viel von ihnen unterscheidet. Nakuu die Hand zu geben ist, als ob ich einem Kind die Hand reichen würde – und genauso verhält sie sich auch. Jetzt hat sie eben keine Lust auf Erwachsene und spielt lieber mit ihren Freundinnen – sie macht einen Sprung und schließt sich den anderen Tieren an.

Wir gehen weiter. Ein Schimpanse drängt sich auf dem schmalen Weg an mir vorbei – und ich ertappe mich dabei, wie ich denke: „Wie unfreundlich, der hätte sich ja auch mal entschuldigen können!“ Yoyo hat derweil eine Frucht von einem Baum geholt, die aussieht wie eine Rispe orangefarbener Trauben. Jetzt springt sie auf den Boden, um sie zu essen. Doch mit lautem Geschrei stürzen sich zwei andere Tiere auf sie, ein Kampf um die Frucht ist entbrannt. Nach zwei Minuten steckt sich jeder Affe einen Teil davon in den Mund – und spuckt ihn gleich wieder aus. „Die Frucht ist ungenießbar.“ Gerald schmunzelt. „Viel Lärm um nichts, wie so oft bei den Chimps.“

Auf einmal machen die Schimpansen einen Bogen um den Pfad – sie hangeln sich links und rechts davon an Ästen entlang, ohne den Boden zu berühren. „Achtung!“, ruft Gerald. Quer über den Weg läuft eine Armee von Ameisen. Die Tierpfleger rennen, uns sagt Gerald, wir sollten schnell weiterkommen, mit möglichst wenigen Bodenberührungen. „Es tut furchtbar weh, wenn diese Ameisen dich beißen.“ Jetzt hüpfen wir durch den Wald. Zwei Minuten später krabbeln mir zwei Ameisen durchs Gesicht – zum Glück eine andere, weniger unangenehme Art der roten Insekten.

Schließlich stehen wir wieder an unserem Ausgangspunkt vor dem Zaun. Gerald nimmt Nakuu auf den Arm, krault ihr das Fell. Dann lässt er sie auf den Boden hinunter, packt Nakuus linke Hand und bedeutet mir, ich solle ihre rechte nehmen. Wir schaukeln sie hoch und höher, sie quietscht vor Vergnügen. Dann ist der Waldspaziergang beendet. Ich gebe Nakuu noch einmal die Hand. Sie schaut mich an, den Mund geöffnet, ohne die Zähne zu zeigen – sie lächelt. Was für ein wunderbares Tier. Ich winke ein letztes Mal, dann folge ich Gerald und den anderen durch die Stahltür. Wir Menschen kommen ins Gehege – und die Schimpansen bleiben in der Freiheit. So ist das auf Ngamba.

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