Unterwegs in Leipzig : Stadtgeschichte erpaddeln

Vom Wasser aus präsentiert das fast 1000-jährige Leipzig außergewöhnliche Perspektiven.

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Keineswegs auf Kollisionskurs. Stadtrundfahrten durch Leipzig per Bus oder Kanu – Ansichtssache. Auf Industriedenkmale wie die Könneritzbrücke treffen alle.
Keineswegs auf Kollisionskurs. Stadtrundfahrten durch Leipzig per Bus oder Kanu – Ansichtssache. Auf Industriedenkmale wie die...Foto: Volkmar Heinz

Das Schwierigste zuerst. Doch einer vom Bootsverleih packt mit zu und gibt den wassersportlich Ungeübten präzise Anweisungen beim Einsteigen: „Füße rein, an beiden Seiten des Bootes festhalten, hinsetzen.“ Das geht nicht ohne Wackeln, aber zumindest ohne Kentern. Schließlich hocken wir im Kahn und lassen uns erst einmal ein paar Meter vom Geschehen wegtreiben. Zugegeben, der Leipziger Stadthafen ist nicht eben das Tor zu den Weltmeeren. Gewusel herrscht dennoch. Boote werden ausgeliehen und zurückgebracht. Die Sachsenmetropole vom Wasser aus erleben, das verspricht doch einiges.

Wer ohne vorbestellt zu haben, zu einer „Spritz“tour starten will, hat an diesem heißen Sonnabend schlechte Karten – oder muss weiterziehen zu einer der zahlreichen anderen Ausleihstationen, die sich an Leipzigs Ufern niedergelassen haben. Aber wir hatten vorbestellt und auch bei der Routenplanung halfen die Verleiher: „Bis zum Cospudener See?“ Der sportliche Typ im Shirt der Verleihfirma hatte was von zwei bis drei Stunden gemurmelt, uns dann aber doch noch mal taxiert und gemeint: „Möglicherweise vier Stunden für eine Strecke. Hättet ihr das rechtzeitig angemeldet, hätten wir das Boot dort abgeholt.“ Ham wa aber nich, paddeln eben hin und zurück. Die Warnung: „Ihr kommt da durch den Floßgraben, da brütet der Eisvogel. Da dürft ihr nachher zwischen 13 und 16 Uhr nicht lang.“

Also los. Zwitschern und Plätschern, dicht bewachsene Ufer, Reiher, Nutrias und neugierige Entenfamilien – kaum zu glauben, dass das Boot nur ein paar hundert Meter von Marktplatz und Thomaskirche entfernt unterwegs ist. Allerdings: Wer diese Leipziger Glanzlichter wirklich sehen will, dem gelingt das nicht vom Boot aus. Anders als in Berlin, wo Sightseeing zu Wasser aussichtsreich ist, erlebt der Leipzig-Paddler nur spezielle Facetten der Stadt. Und überhaupt, die Stadtrundfahrt zu Wasser und zu Lande sind nicht zu vergleichen. Wo immer wir unter Brücken hindurchfahren, bleiben oben die Touristenbusse stehen, deren Insassen offenbar die „Wasserstadt Leipzig“ erklärt wird. Mehr als uns und all die anderen Bootsbesatzungen auf den Flüsschen und Kanälen bekommen die, sofern sie keine Runde ins Neuseenland gebucht haben, allerdings nicht zu sehen.

Die Facetten: Wer über das Elsterflutbett gen Süden paddelt, der kommt in die neu entstandene Seenlandschaft. Wer gen Westen über die Stadt-Elster in den Karl- Heine-Kanal fährt, der erlebt Industriearchitektur der Gründerzeit. Und dann wäre da noch gen Nordwesten die Kleine Luppe, in keinem offiziellen Tourenvorschlag eingezeichnet. Die windet sich, ehe sie durch ein Wehr zur Sackgasse gemacht wird, wie ein Mini-Amazonas durch dunklen Wald, um dann plötzlich an den Mauern alter Fabrikgebäude vorbeizufließen.

Aber wir wollten ja zum Cospudener See. Inzwischen haben wir unsere mitgebrachten Schaumstoffsitzkisten – auch Leipziger sind helle – in Position gebracht. Vor uns streckt sich schnurgerade das breite Elsterflutbett, an beiden Ufern von alten Bäume bestanden. „Jetzt sind wir schon aus der Stadt raus“, freut sich eine Frau im Boot neben uns. Sie irrt. Wir sind im Auenwald, der sich von Nord nach Süd durch die Stadt zieht und nur bei der City eine Taille geschnürt bekam. Selbst wer sich mitten im Walde dünkt, hat in Leipzig keine Viertelstunde bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Auf dem Elsterflutbett herrscht Verkehr. Wasser-Spitzensport. Ganz sicher, nicht gemeint zu sein, ignorieren wir die Kommandos all der hier agierenden Trainer. Die Athleten sind von solchen wie uns vermutlich genervt, aber irgendwie kommen alle miteinander aus. Das ist überhaupt das Besondere an Leipzig, „…was sogar die Berliner lieben“, hatte Michael Laufer, einer vom Bootsverleih im Stadthafen, versichert. „Hier gibt es keinen Schiffsverkehr und die Motorboote werden eingeschränkt.“ Da können also auch jene herumgurken, die von Paddeltechnik und vom Steuern eher wenig Ahnung haben. Und tatsächlich – wenn Mama, Papa und Sohn mit ihren Stechpaddeln alle unkoordiniert im Wasser herumrühren, gibt es reichlich Bootskarambolagen. Doch fast immer sanft und in der Regel folgenlos. Das hat übrigens nichts mit dem Fischerstechen zu tun, dass im gewässerreichen Leipzig schon vor Jahrhunderten gefeiert wurde. Sogar August der Starke ließ ein solches veranstalten, zu seiner Geburtstagsparty vor genau 300 Jahren.

Vor uns taucht die Connewitzer Schleuse auf. Umtragen und dann die Bootsrutsche benutzen? Und dann doch vor der Mittagspause des Eisvogels ausgebremst werden? Wir gehen den Problemen aus dem Weg und wenden einfach. Wenig später paddeln wir in den westlich vom Leipziger Stadtkern gelegenen Ortsteil Plagwitz. Das in der Gründerzeit gewachsene Viertel ist – laut Unesco – eines der größten Industriedenkmale europäischer Städte. Die Bootsleute gondeln vorbei an einem der interessantesten Kapitel der von Leipzigs Historie. So steht am Ufer das Denkmal von Karl Heine. Die Visionen dieses Industriellen ließen westlich der City ab Mitte des 19. Jahrhunderts Brücken, Straßen, Schienenstränge und Kanäle, Fabrikgelände und Wohngebiete wachsen – und dabei den Auenwald schrumpfen. Heine war es auch, der Unternehmer der verschiedensten Branchen ermutigte, in Plagwitz zu investieren. Was sie errichteten, waren keineswegs bloß Maschinenunterstellplätze, sondern prächtige Bauwerke mit stimmigen Proportionen und kunstvollen Fassaden. Die Paläste der Gründerzeit sozusagen. Heute bergen sie schicke Lofts, angesagte Restaurants, begehrte Büros oder Ateliers.

Die Ufer sind gesäumt von Gärten und Stegen, wo alle denkbaren – aber in der Mehrzahl muskelbetriebenen – Wassergefährte ausgeliehen werden können. Auch eine Handvoll Gastwirte hat sich an den Plagwitzer Gestaden niedergelassen. Wer dort sitzen will, wo „man“ sich trifft, der steigt beim Ristorante da Vito aus. Dort warten sogar stilechte venezianische Gondeln nebst Leipziger Gondolieri. Die braucht nicht jeder, doch mancher mag’s. Gegenüber, von gemütlicher Unperfektheit, die Elster- Bar, eher Café oder Biergarten als Bar, auf jeden Fall jedoch mit einem einladenden Steg. „Lasst das Boot nicht im Fluss liegen“, kommandiert der Wirt die Treppe hinab. „Kommt hier hinter den Steg. Habt ihr ein Seil? Nein? Dann nehmt meins. Aber dann wieder dort hinlegen!“

Zeit für eine Gose, eine obergärige Leipziger Bierspezialität ähnlich der Berliner Weiße. Die Schwere in den Armen lässt es vermuten, der Blick auf die Karte bestätigt es: Rund 15 Kilometer sind wir bis jetzt gepaddelt. Genug für den Anfang. Zurück am Stadthafen, ernten wir den Respekt des Bootsverleihers: „Ihr habt wenigstens an Kissen gedacht.“

Mit unserer Wasserpartie sind wir noch nicht am Ende, doch jetzt schummeln wir und steigen kurz ins Auto, um auf hohe See zu gelangen. Besser gesagt: zu den Seen. Die waren in ihrem ersten Leben plattes Land, in ihrem zweiten ein tiefes Tagebauloch und erst in ihrem dritten Leben sind sie nun zum See aufgestiegen.

Mit den Wasserspiegeln hat sich seit einigen Jahren auch die maritime Stimmung an den Ufern gehoben. Marinas sind entstanden, Surf- und Segelschulen, Restaurants mit Blick übers Wasser… Aus Zeiten der Leipziger Olympiabewerbung ist am Markkleeberger See sogar ein Kanupark geblieben, die, so seine Betreiber, „modernste Wildwasseranlage Europas“. Wenn die Athleten mit dem Training fertig sind, dürfen hier alle Tollkühnen ins Boot. Ausgerüstet mit Neoprenanzug, Schwimmweste, Helm und guten Ratschlägen stürzen die sich die künstlich aufgewühlten Fluten. Aber das hatten wir ja ohnehin nicht in Erwägung gezogen.

Ausklingen lassen wir unseren wassersportlichen Tag wie geplant am Cospudener See. Segelboote schaukeln an den Stegen. Auf einem Motorschiff werden die Tische für die Abendkreuzfahrt gedeckt. Biergarten und Caféterrassen sind üppig bevölkert. Händler schieben ihre Ständer mit Sonnenbrillen und Badelatschen zu Ladenschluss zurück in die Geschäfte. Auf der anderen Seeseite geht Capri-like die Sonne unter…

Aber was noch gesagt werden sollte: Die Leipziger buddeln weiter – bis sie irgendwann über den Elster–Saale-Kanal auf die Elbe schippern können. Und dann, so spotten sie, sei Hamburg so etwas wie auch ihr Tor zu den Weltmeeren.

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