Urlauber : Fröhliche Freibeuter an der Ostsee

Piraten? Bei dem Stichwort denken viele Menschen derzeit an Somalia und an gekaperte Containerschiffe. Solchen Seeräubern möchte niemand gern begegnen. An der Ostseeküste von Schleswig-Holstein dagegen freuen sich viele Einheimische und Urlauber auf die Ankunft von Freibeutern – allerdings ganz anderer Art:

Christian Röwecamp
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Alles nur Spaß. Die „ Kapitäne“ passen auf, dass nichts passiert. Foto: Mauritius Images

 Im Sommer werden von Scharbeutz bis Glücksburg die Segel gesetzt auf zwei Schiffen, die mit der Totenkopfflagge am Heck unterwegs sind. Zwölf Häfen beteiligen sich an der „Piratenwoche“ im Juli, die von der Ostsee-Holstein Tourismus-Gesellschaft organisiert wird. Und Eckernförde feiert im August zum 13. Mal sein „Piratenspektakel“.

Messer-Jocke hat sich seit drei Wochen nicht rasiert. „Extra für die Kinder“ habe er sich den dunklen Bart wachsen lassen, gesteht der junge Mann, der zusammen mit Kanonen-Karla und Capitano Muerte die Betreuung der Jungpiraten auf der „Jachara“ übernommen hat. Alle Kinder bekommen von ihnen ein Kopftuch und eine schwarze Augenklappe, ein Schminkstift sorgt für Narben und fiese Bartstoppeln auf den Wangen. Ruckzuck verwandeln sich zarte Sechsjährige in finstere Gestalten, die den Capitano locker im Armdrücken besiegen.

Breite schwarze Gürtel, in denen altertümliche Pistolen stecken, dazu viele goldene Ketten, die unter den weit aufgeknöpften Hemden baumeln: Messer-Jocke und seine Mitstreiter legen sich mächtig ins Zeug, um eine Atmosphäre wie in „Fluch der Karibik“ auf die „Jachara“ zu zaubern. Im Wechselspiel mit der „Norden“ segelt das 29 Meter lange Fischerboot im Sommer entlang der Ostseeküste, um möglichst viele Kinder in die Welt der Freibeuter zu entführen.

An Deck werden dann gemeinsam die Segel hochgezogen, zu Akkordeonmusik lustige Lieder gesungen und Geschichten erzählt – auch wenn das nicht allen Gästen geheuer ist. „Überfallt ihr auch Schiffe?“, will ein Steppke wissen – vielleicht aus der Sorge, selbst zum Enterhaken greifen zu müssen. „Nee“, erwidert Kanonen-Karla, „wir sind schon stinkreich.“

Kinder in Bewegung bringen, darum geht es bei der „Piratenwoche“, die in diesem Juli zum dritten Mal stattfindet. Es sollen motorische Fähigkeiten sowie die Koordination und Geschicklichkeit gefördert werden, erklärt „Capitano Muerte“, der im bürgerlichen Leben Jorge Olivares heißt und Sportlehrer ist. Während er und seine Mannschaft mit dem Schoner die seichten Ostseewellen abreiten, übernehmen andere Piraten am Strand der gerade besuchten Ostseestadt das Kommando und organisieren Schatzsuchen ebenso wie ein großes Tauziehen, bei dem nach der Rückkehr in den Hafen auch Messer-Jocke & Co. mitmachen.

Im vergangenen Sommer gehörte auch Eckernförde zu den Stationen der „Piratenwoche“ – in diesem Jahr steht das Ostseebad dagegen nicht auf dem Routenplan. Im Stil von Käpt’n Hook gefeiert wird dennoch, denn das „Piratenspektakel“ ist längst eine gute Tradition in Eckernförde geworden. Drei Tage lang, diesmal vom 14. bis 16. August, fällt der Ort in die Hände von Freibeutern. „Die Piraten überfallen die Stadt, nehmen das Rathaus ein, legen den Bürgermeister in Ketten und verabschieden sich am Sonntag mit einem großen Fackelumzug wieder“, erklärt Stefan Borgmann von Eckernförde Tourismus den Festverlauf.

Etliche Einwohner ziehen sich die Piratenkluft an und begleiten das Programm, das sich am Hafen konzentriert. Viele Essensstände, ein Riesenrad und Glücksspielbuden sorgen dort für Kirmesstimmung. Auch die Kellner in den Eiscafés spielen mit, schminken sich Totenköpfe auf die Arme und befestigen kleine Plüschpapageis auf den Schultern. „An den drei Tagen haben wir hier geschätzt 100 000 Besucher. Das ist unser größtes Volksfest und der Höhepunkt der Sommersaison“, erzählt Borgmann. Viele Touristen buchten ihren Urlaub in und um Eckernförde so, dass sie auf jeden Fall zum „Piratenspektakel“ in der Stadt sind.

Das erinnert an eine Seeräubertradition, die Eckernförde durchaus hat: „Im 15. Jahrhundert sind von hier aus echte Piraten auf Beutezug gegangen“, erklärt Borgmann. Anders als heute bei der „Piratenwoche“ waren die Bewohner der Küstenorte allerdings alles andere als fröhlich, wenn eines der Schiffe direkten Kurs auf sie nahm – denn so nett wie Messer-Jocke und Kanonen-Karla waren die damaligen Piraten nicht.

  Wer ein zünftiger kleiner Seeräuber werden will, braucht eine gute Ausbildung. Zu haben ist sie – im Rahmen des kostenlosen Kinderprogramms – auf den Fähren der TT-Linie nach Schweden. Gleich, nachdem die Schiffe in Travemünde oder Rostock abgelegt haben, lernen die Kinder Seekarten zu lesen, an Deck zu schleichen und sie dürfen sogar (harmlose) Ballonschwerter schwingen. Am Ende ist der Schatz gefunden. Das Schweden-Ticket der TT-Linie inklusive der Piratenausbildung kostet für eine vierköpfige Familie mit Pkw ab 115 Euro (Internet: www.TTLine.com).

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