USA : Seliger Sound

Eine Tour nach Nashville, Tennessee, führt ins Herz der Südstaaten und zu den Ursprüngen der Country-Musik. Hier ist die Zeit gelegentlich stehen geblieben.

Frederik Jötten
Nashville
Music City. In Nashville, Tennessee, wird an nahezu jeder Straßenecke ein Instrument bearbeitet. -Foto: Mauritius

Es ist 23 Uhr, als das „Renaissance“ kapituliert. Neben einer Couch im Foyer des Vier-Sterne-Hotels im Zentrum von Nashville knien zwei junge Männer mit Geigen und fiedeln ein ekstatisches Duett. Zehn Meter weiter, direkt neben einem Schild mit der Aufschrift „No Jamming Area“, steht ein knappes Dutzend Typen beisammen, sie bearbeiten Bass, Banjo, Gitarre und Mandoline. Jetzt jammen etwa 20 Musikergruppen in den verschiedenen Ecken der Lobby. Allmählich verschwimmt die Musik zu einem dissonanten Brei. Doch durch den Hoteleingang kommen ständig neue Menschen mit Instrumentenkoffern. Die wenigsten haben hier ein Zimmer gebucht. Auf dem roten Teppichboden sitzen jugendliche Zuhörer mit großen Kaffeebechern in den Händen. Viele qualmen, trotz Rauchverbots. „Es ist nicht zum Aushalten!“ Der uniformierte Hotelpage ringt die Hände.

Nashville, Tennessee – 600 000 Einwohner, „Music City“. 180 Aufnahmestudios gibt es hier, 130 Musikverlage, tausende Musiker, die auf den großen Durchbruch warten. Der Umsatz von Nashvilles Musik-Industrie beträgt im Jahr 6,38 Milliarden US-Dollar. Der Rummel im „Renaissance“ gehört dazu: Im Hotel findet der jährliche Kongress „World of Bluegrass“ statt, eine Verkaufsmesse für Musikerbedarf, eine Talentbörse, ein Ort, wo sich die Szene trifft, Musik macht und feiert.

Bluegrass, eine ursprüngliche Form der Country-Musik, gewinnt mehr und mehr Fans, begeistert nicht nur die Hillbillies, die Hinterwäldler aus den Bergen, sondern auch die Jugend in den Städten. Marc, 19, wuschelige braune Haare, Kapuzenpulli, Typ Skater: „Wir sind die Pop-Klone leid, wir wollen echte Musik.“ Nate, ein rotblonder Pilzkopf mit College-T-Shirt: „Die Leute hier können wirklich was an ihren Instrumenten, das ist etwas anderes als Britney Spears.“ Ihr Freund Scott bringt Bier – er ist schon 21 und darf Alkohol kaufen. „Hey, ich habe Eintrittskarten besorgt – ich musste dafür mit einem hässlichen Mädchen flirten, also seid dankbar“, sagt er.

Die Jugendlichen machen sich auf den Weg ins benachbarte Kongresszentrum. Auf zwei Stockwerken treten hier Bluegrass-Bands auf, etwa 400 in sieben Tagen. Die Konzerte finden in Tagungssälen statt, die den Charme der 70er Jahre versprühen: grelles Licht, Betonwände, grauer Teppichboden, Sitzreihen. In einem Raum mit 60 Plätzen sitzen acht Zuschauer, vorne steht die fünfköpfige Band, vier junge Männer in Hemden, in der Mitte eine junge Frau in Lederjacke. Sie spielt Mandoline. Der Junge am Banjo beginnt zu singen, sie setzt mit der zweiten Stimme ein – und die ganze Band lächelt selig in den leeren Raum.

An einer Bar vor dem Saal steht Jon Lohman, blondes Haar und gerötetes Gesicht, Direktor des „Virginia Folklife Program“, einer Organisation, die sich um die Bewahrung des kulturellen Erbes in Virginia bemüht. „Kommerzpop, Shopping Malls, Fastfood-Ketten – wir Amerikaner haben den ganzen Scheiß erfunden, der dafür sorgt, dass es überall auf der Welt gleich ist“, sagt er, „jetzt sehnen wir uns nach etwas Echtem.“

Unweit des Hotels liegt das Amüsierviertel. Auf dem Broadway zwischen 5th und 1st Avenue reihen sich dreistöckige Backsteinhäuser aneinander. Im Erdgeschoss sind Bars und die Geschäfte, in denen Cowboyhüte, Stiefel und Souvenirs verkauft werden. Die Obergeschosse stehen meist leer oder dienen als Lagerräume. In den Seitenstraßen verfallen Häuser aus dem 19. Jahrhundert. Downtown Nashville sieht ziemlich heruntergekommen aus.

Einkehr im „Legends Corner“, einer der Musikkneipen auf dem Broadway am frühen Nachmittag. Die Wände sind mit alten LP-Hüllen tapeziert. Tresen und Tische sind schwach besetzt. Auf der Bühne singt ein schnauzbärtiger Mittvierziger mit Cowboyhut „I'm gonna love you forever …“ Verhaltener Applaus, nachdem er das Lied beendet hat. „Besonders liebe ich es, wenn ihr mir euer Geld gebt!“ Einige Zuschauer lachen. Skip Towne reicht einen Kübel fürs Trinkgeld herum. Musiker in Nashvilles Kneipen bekommen selten eine Gage. Es gibt so viele, dass die meisten glücklich sind, wenn sie für Trinkgeld spielen können. „Die meisten, die nach Nashville gehen, machen den Fehler, ganz groß rauskommen zu wollen – ich bin mit dem zufrieden, was ich habe. Ich kann von der Musik leben.“ Er zeigt stolz das Geldbündel, wohl an die 100 Dollar, das er sich in zwei Stunden erspielt hat.

Nur wenige Meter entfernt vom „Legends Corner“ steht das Ryman-Auditorium, ein Backsteingebäude, Ende des 19. Jahrhunderts als Kirche gebaut. Zwischen 1943 und 1974 wurde von hier aus die legendäre Country-Musik-Sendung „Grand Ole Opry“, die älteste Radioshow der USA, übertragen. Das Ryman gilt als eine Geburtsstätte der Country-Musik. Der 34-jährige Bill Monroe trat im Dezember 1945 erstmals mit seinen „Blue Grass Boys“ hier auf. Das Publikum war begeistert von der Musik, die mit Gospel-, Blues- und Swing-Elementen angereichert war. Bluegrass war bis Anfang der 60er Jahre die populärste Stilrichtung des Country, dann kam der glattere, elektrisch verstärkte Nashville Sound.

Im Ryman-Auditorium sieht es noch genauso aus wie in den 40er Jahren. Tageslicht fällt durch bunte Scheiben auf die dunklen Kirchenbänke, die Platz für 2362 Menschen bieten. Die Dielen knarzen, es riecht nach altem Holz. 20 Jahre stand das Ryman-Auditorium leer, bis man es 1994 renovierte. Seitdem ist es wieder ein beliebter Veranstaltungsort, Bluegrass-Größen spielen hier regelmäßig.

Bluegrass stammt nicht aus Nashville, es ist die Musik der Menschen aus den Bergen. Tiefere Spuren findet man in Norris, 300 Kilometer nordöstlich, bei Knoxville. Ein kleines Dorf, Holzhäuser und Scheunen sind um eine Wiese gruppiert, auf der Schafe weiden. Im Schatten eines Baumes sitzt John Rice Irwin, 76 Jahre alt, schneeweißes Haar. Er gibt sich zunächst bärbeißig, entpuppt sich aber schnell als ausgesprochen freundlich – ist Gründer und Leiter des „Museum of Appalachia“, eines Freilichtmuseums, in dem die Kultur der Menschen bewahrt werden soll, die in den Appalachen leben und lebten, einem Gebirgszug, der vom Staat New York im Norden bis nach Tennessee, Alabama und Mississippi im Süden reicht. Die Bewohner waren isoliert und hielten die Kultur, das heißt vor allem die Musik, am Leben, die ihre Vorfahren aus Irland, Schottland, England und Deutschland mitgebracht hatten.

Rice hat alte Heuschober und Häuser aus den Appalachen – unter anderem die Hütte, in der Mark Twain als Kind lebte – aufgespürt. Er hat sie ab- und hier in Norris wieder aufbauen lassen, er hat Relikte aus der guten alten Zeit gesammelt, wie stählerne Gefängniszellen und den Pferdewagen von Doc Randall, Aufschrift: Pillen, Zähneziehen und Musik. In seinem Büro hat Rice eine Karte der USA, auf der eingezeichnet ist, wo die bedeutenden Country-Musiker herkommen. Die Appalachen – und hier besonders Tennessee – sind mit Namen übersät, während im Rest der USA kaum welche zu finden sind.

Rice führt die Besucher durch seine „Hall of Fame“, zeigt auf einen Cowboyhut des 1996 verstorbenen Bill Monroe und ein Foto von ihm vor einer Stretchlimousine. „Monroe lebte in einem bescheidenen Farmhaus, aber er hatte einen riesigen Cadillac, den er in einer alten Scheune parkte.“

Zurück in Nashville. Der Bluegrass- Kongress ist beendet, heute tritt die beste Newcomer-Band, „The Infamous Stringdusters“, im „Station Inn“ auf. Nach dem Lied jubelt das Publikum. Backstage, nach zwei Stunden Konzert, sieht Gitarrist Chris Eldridge erschöpft aus, aber er lächelt. „Bluegrass“, sagt er, „ macht glücklich.“

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