Usedom : Majestätische Teekränzchen

Das Flair der Kaiserzeit ist nach Heringsdorf auf Usedom zurückgekehrt. Geschichten aus einer längst vergangenen Epoche spiegeln sich in den Villen der Aristokraten, Industriellen und Finanzmagnaten.

Ekkehart Eichler

„Spektakulär und von allerlei Klatsch begleitet waren die Teevisiten Seiner Majestät bei Frau Konsul Elisabeth Staudt zwischen 1909 und 1912. Die Anwesenheit Wilhelms II. lockte dann stets eine unerträgliche Menschenmenge an die Promenade und über der Villa flatterte die kaiserliche Standarte. Nur einmal konnte Frau Konsul den Kaiser nicht empfangen; sie war mit ihrem Pferd gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen.“

Geschichten wie diese kennt Gästeführerin Eva John zuhauf. Geschichten aus einer längst vergangenen Epoche. Geschichten von Reichtum und Repräsentation. Geschichten über eine Lebensform, die ebenso fasziniert wie die Architektur, in der sie sich manifestierte. Dieser Lebensstil ist unwiederbringlich dahin; viele Villen der Aristokraten, Industriellen und Finanzmagnaten aber blieben erhalten und sehen heute wieder genauso schnieke aus wie zu Kaisers Zeiten – ein wahrer Schatz der Usedomer Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin.

Allen voran Heringsdorf. Im mondänsten Seebad des Usedomer Dreigestirns schimmert allein in der Strandpromenade gleich ein halbes Dutzend solcher Ikonen. Umgeben von großzügigen Gartenanlagen, auch das ist Heringsdorf-spezifisch. Auf dem Grundstück neben der majestätischen Teekränzchen-Villa des Großkaufmanns Wilhelm Staudt etwa ließ sich Benoit Oppenheim seinen Traum von Sommerresidenz an den Ostseesand setzen – einen strahlend weißen Putzbau nach antikem Vorbild mit hohem Portikus und Freitreppe; das Lieblingssujet übrigens des amerikanischen Malers Lyonel Feininger, der hier von 1908 bis 1912 seine Sommer verlebte.

Auch für Hans von Bleichröder – ebenfalls millionenschwerer Bankier aus Berlin – gehörte eine Villa in Heringsdorf zum Muss in puncto Genuss, Erholung und gesellschaftlicher Status. Das Resultat: die gleichnamige neobarocke Residenz, auch sie heute ein nobles Logis für Urlaubsgäste, die sich hinter großzügigen Freitreppen, säulengeschmückten Portalen und verzierten Giebeln fühlen wollen wie Mini-Monarchen. Der piekfeine Frühstücks- und Gesellschaftssaal im Erdgeschoss passt dazu wie die Faust aufs pseudoaristokratische Auge – mit Kronleuchtern und Sitzmöbeln im Stil der Zeit und dem gestrengen Ölschinkenblick von Wilhelm Zwo und Otto von Bismarck.

Ein weiteres Prachtstück: die ockerfarbene Villa Oechsler aus dem Jahre 1883 mit sündhaft teuren Portikussäulen aus schwarz- grünem schwedischen Porphyr. Den Dreiecksgiebel ziert ein Bild mit badenden bekränzten Grazien. „Das allein dürfte ein Vermögen gekostet haben“, vermutet Frau John. „Es stammt aus einer venezianischen Mosaikfabrik, in der jedes einzelne Steinchen noch mit Goldgrund unterlegt wurde – ein Glanz, wie ihn sonst nur Könige und Kirchen beanspruchten.“

Im „Nizza der Ostsee“ setzte man von Anfang an auf Exklusivität. Der Boom begann 1872, nachdem die Stettiner Brüder Hugo und Adalbert Delbrück ihre „Aktiengesellschaft Seebad Heringsdorf“ gegründet und knapp 800 Morgen Land in bester Lage erworben hatten. Das Kapital dafür brachten sie durch Anteilscheine über jeweils 5000 Taler zusammen, die weggingen wie warme Semmeln. Die vornehmen Berliner Neusiedler wiederum verlangten nach einer Infrastruktur, die allerhöchsten Ansprüchen genügen musste. Schnell kamen deshalb ein Wasserwerk hinzu, exklusive Kur- und Badeanlagen, Sportplätze, Seebrücke, Pferderennbahn. Ab 1894 sorgte die Eisenbahn für weiteren enormen Schub. Die Fahrt von Berlin dauerte jetzt nicht einmal mehr drei Stunden, mit Postkutsche und Dampfer hatte man zuvor zwei Tage gebraucht.

Auf ihren frisch erworbenen Grundstücken ließen die Prominenten ihren architektonischen Wünschen und Vorlieben freien Lauf und griffen dabei auf Bau- und Stilelemente aus Renaissance und Barock, Klassizismus, Gründerzeit und Jugendstil zurück. Das Ergebnis: die sogenannte Bäderarchitektur. Ein irres Sammelsurium aus Friesen und Gesimsen, Dachreitern und Fialen, Reliefs, Pilastern, Risalite. Da gibt es dreieckige Giebel und auffällige Erker, barocke Putten und steinerne Ranken, elegante Freitreppen und große Jugendstilfenster. Kapitelle mit verschiedenen Schmuckelementen und Holzloggias mit filigranen Schnitzarbeiten. Oder Vorderfronten, die horizontal durch vorgehängte Balkone und vertikal durch Türme gegliedert sind. „Bäderarchitektur ist also keinesfalls eine spezielle Kunst- oder Stilgattung“, resümiert Eva John, „gerade im Mix der Stile und Epochen liegen das Besondere und der Reiz dieser Baudenkmale.“

Insgesamt etwa drei Dutzend besonders feine Juwele der Bäderarchitektur sind allein in Heringsdorf zu bestaunen. Darunter bildschöne Häuser wie Villa Augusta, Villa Oasis, Villa Ikarus oder der Jugendstiltraum in Altrosa, Villa Hintze mit reich verzierter Fassade; Paläste wie das Hotel Esplanade oder das Seeschloss; Holzbauten wie der lang gestreckte „Kaiser Pavillon“ in Neorenaissance-Anlehnung oder auch mal ein „Hexenhäuschen“-Fachwerk mit grünspanigem Türmchendach. Manch schickes Kleinod erwählten sich Reiche von heute zum standesgemäßen Domizil; andere wie die Apotheke residieren seit 100 Jahren im gleichen noblen Ambiente. Und was es so wohl auch nur in Heringsdorf geben kann – selbst die Polizeistation steckt hier in einer dreistöckigen repräsentativen Villa.

Nicht zu vergessen schließlich all die Künstler, die wie Lyonel Feininger durch Insel und Ostsee inspiriert wurden, längere Aufenthalte auf Usedom einzulegen. So logierten unter anderem Theodor Fontane, Johann Strauß, Engelbert Humperdinck, Alexej Tolstoi, Kurt Tucholsky, Viktor Klemperer oder Heinrich und Thomas Mann in standesgemäßen Villen und Hotels. „In der Villa Irmgard kann man sogar noch sehen, wie das seinerzeit aussah“, bringt uns Eva John in die Gegenwart zurück. „Das arabische Zimmer, in dem Maxim Gorki 1922 logierte, ist Teil des kleinen Museums, das sich auch mit Heringsdorfs Entwicklung zum Nobelbad beschäftigt.

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