Verkehrsfunk : „Pferde auf der A 95“

50 Jahre Verkehrsfunk in Deutschland: zuerst stockend, dann immer flotter unterwegs.

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Dampfplauderer. Thomas Gottschalk (hier 1978) machte Staumeldungen zum reinen Vergnügen für die Hörer.
Dampfplauderer. Thomas Gottschalk (hier 1978) machte Staumeldungen zum reinen Vergnügen für die Hörer.Foto: BR/Foto Sessner

„Stau und stockender Verkehr auf folgenden Autobahnen:“. Oder: „Ein Schwertransport, der nicht überholt werden kann.“ Und natürlich immer wieder: „Achtung, Falschfahrer!“ Satzfetzen aus dem Autoradio, die auch zu jeder Urlaubsreise gehören, wie die Rücksitz-Klage „Mama, ich muss mal“. Nicht ganz so alt wie dieser Kinder-Notruf sind Reiseruf, Umleitungsempfehlung und Blitzeis-Warnung – der bundesweite Verkehrsfunk existiert seit 50 Jahren.

Aber nur, weil Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm (CDU) Ende 1963 energisch wird: Per Pressemitteilung verspricht er ab der Osterreisewelle 1964 die „Unterrichtung der Kraftfahrer über Rundfunk, wo sich Verkehrsstauungen gebildet haben und welche Strecken zur Vermeidung befahren werden können.“ Ein klarer Eingriff in Programmhoheit und Unabhängigkeit der Rundfunksender, schmollen die ARD-Intendanten, suchen aber zähneknirschend nach einer Lösung, weil sie anderenfalls womöglich unliebsame Verkehrsfunk-Konkurrenz fürchten.

Doch die von der Politik gewünschte und für Autofahrer einfach zu merkende, bundesweite UKW-Verkehrsfunk-Frequenz ist technisch nicht machbar. Stattdessen kommen Stau- und andere Meldungen ab 1. April 1964 beim NDR im 2. Programm, im Südwestfunk im 1. und im Hessischen Rundfunk im 1. und 2. Programm – meist nach den Nachrichten sowie in Sendungen mit so putzigen Namen wie „Eile mit Weile“. Allerdings: Viele Fahrer hören sie nicht, denn nur jeder dritte Wagen hat seinerzeit ein Radio, zudem meist mit verrauschtem Knister-Empfang.

Die französische Feuerwehr stellt sich quer

Anfang der siebziger Jahre soll Verkehrsfunk bundeseinheitlich auf die in Deutschland nur spärlich belegten UKW-Frequenzen jenseits von 100 Megahertz gelegt werden. Das scheitert an der französischen Feuerwehr. Sie nutzt diese Wellen für ihren Sprechfunk, befürchtet im Grenzgebiet Störungen durch deutsche Verkehrssender und drängt die französische Regierung zu einem „No!“ auf der internationalen Frequenz-Konferenz.

Angesichts von deutlich mehr Staus erkennen die ARD-Bosse, wie wichtig es ist, die Hörer aktuell darüber zu informieren, und bauen bestehende Programme zu Servicewellen mit verlässlichen Verkehrsmeldungen und Popmusik um – ab 1972 etwa NDR 2 im Norden und HR 3 in Hessen, etwas später auch SWF 3 in Baden-Württemberg. Pionier jedoch ist Bayern 3 – exakt sieben Jahre nach den ersten bundesweiten Verkehrsmeldungen startet die Welle, am 1. April 1971.

Die ersten Verkehrsdurchsagen klingen so unterhaltsam wie eine Dichterlesung aus dem Telefonbuch. Bis sich im selben Jahr ein blond gelockter Sprecher ans Bayern3-Mikro setzt: „Achtung Autofahrer, auf der Autobahn Starnberg–Garmisch befinden sich Pferde auf der Fahrbahn. Wenn Sie vorbeikommen, halten Sie bitte ein Büschel Heu aus dem Fenster.“ Angeblich die erste verhohnepipelte Verkehrsmeldung von Thomas Gottschalk. Zum Ärger seiner Chefs, doch die müssen schnell einsehen, dass Thommys Sprüche und Wortspielereien („Stau bei Eching – wegen Ikea. Wird sicher bald Elching heißen“) bei den Hörern gut ankommen. So wie Gottschalk beginnt manch spätere Radio- und TV-Größe ihre Karriere mit flotten Sprüchen hinterm Stau-Mikro – Frank Elstner ebenso wie etwa Elmar Hörig: „Achtung, auf der A 8 kommt Ihnen die A 9 entgegen.“

Das Selbstlob-Wettrüsten der Verkehrsfunksender läuft

Mitte der neunziger Jahre suchen Privatsender immer neue Programm-Magneten, um Radiohörer von den ARD-Servicewellen zu sich rüberzuziehen. Einer mit Anziehungskraft: Blitzer-Meldungen, erst als Beihilfe zur Raserei von der Polizei bekämpft, inzwischen aber geduldet und auch bei einigen ARD-Sendern im Angebot. Seitdem läuft das Selbstlob-Wettrüsten der Verkehrsfunksender: Privatsender RSH in Schleswig-Holstein rühmt sich des „einzigen Verkehrsfunks mit Pünktlichkeitsgarantie“.

Bayern 3s angeblich „aktuellsten Verkehrsservice“ kontert Konkurrent Antenne Bayern mit einem eigenen „Verkehrszentrum“ und „Echtzeitmessung“. Von Beginn an ohne Superlative kommt das WDR-Programm Eins Live daher, dafür mit originellem Titel: „Stau-Schau“. Es gibt viel Stau zu schauen, nicht nur in NRW: Deutschlands längster ist vermutlich immer noch der 170-Kilometer-Stillstand zwischen Hamburg und Dänemark im Juli 1993.

Auf 450 000 Kilometern stauen sich Pkw, Lkw, Wohnmobile und Motorräder laut ADAC pro Jahr auf deutschen Straßen. Autobahnen werden so zu dreispurigen Standstreifen. Etwa 50 Stunden pro Jahr steht jeder Deutsche darin gefangen, nervös aufs Lenkrad trommelnd, auch weil er sich gelegentlich über die Wortwahl der Radiosprecher aufregt: Wieso meldet der „stockenden Verkehr“, wenn die Autos mehr stehen als rollen? Zumeist, weil die Radiosender diese Info aus den Verkehrsleitzentralen erhalten, wohin sie wiederum von Sensoren im Asphalt und unter Brücken übermittelt werden. Solange Autos sich wenigstens etwas bewegen, ist das im Polizeideutsch „fließender Verkehr“.

Moderatoren wie Gottschalk machen Meldungen zum Hörgenuss

Außer von der Polizei bekommen fast alle Sender ihre Meldungen auch von Automobilclubs und von Straßenmeistereien, erklärt Bayern 3-Verkehrsredakteurin Daniela Rembold und ergänzt ausdrücklich die sendereigenen Staumelder: Bei Bayern 3 heißen sie – Achtung Wortspiel! – „Bayern Driver“. Seit einiger Zeit werden auch Hörer bundesweit zu „Staureportern“.

Neben flapsigen Sprüchen von Moderatoren wie Gottschalk („Sind Kühe auf der Autobahn, musst du durch die Haufen fahrn“) machen auch verunglückte Meldungen den Verkehrsfunk oft zum Hörgenuss. Ein Reporter warnte Autofahrer vor einem Verkehrsstau aus Anlass des Papstbesuchs in Mainz mit den Worten: „Fahren Sie nicht hin, dort ist der Teufel los!“, erinnert sich Frank Franke, langjähriger Leiter der HR-Reiseredaktion.

Besonders an stürmischen Tagen wehen halbe Baumärkte und Möbelhäuser auf die Fahrbahnen und von dort über die Ätherwellen: Vom Lkw gekippte Toilettenhäuschen und Garagentore, verlorene Sofas und Kommoden. Glanzlichter sind „Expeditionen ins Tierreich“: ein Zirkustiger, der sich bei Wiesbaden vom Transporter in die Büsche schlägt, sowie das in den Taunus ausgebüxte Känguru. Der Frankfurter Programmierer Robert Heret notierte all das jahrelang auf seiner – leider inzwischen eingestellten – Webseite ladungsverlust.de.

Und noch etwas hat der Verkehrsfunk in 50 Jahren bewirkt: Orte, von denen die Welt sonst nie erführe, sind heimliche Radiostars, als Denkmale des Stillstands, weil auf der nahe gelegenen Autobahn regelmäßig Blechstarre herrscht. Zwischen Irxleben und Eilsleben etwa, in Bad Aibling, Sprockhövel oder am Mörsenbroicher Ei. Thomas Gottschalk (wem sonst?) fiel dazu schon in den Achtzigern dieser Kalauer ein, der heute wohl ein Kündigungsgrund wäre: „Da ärgert sich der Neger doch, steht im Stau am Degerloch.“

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