Vilnius, km 1235 : Geld macht glücklich

Bauer Patiejúnas aus dem litauischen Vilnius mag das EU-Agrarrecht: Die Trockenheit der vergangenen beiden Jahre ließ sich gut aushalten, denn auf die Agrarbetriebe ging anhaltender warmer Regen aus Brüsseler Geld nieder.

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Zuhause in Stadt und Land: Mit seinem Passat fährt Kastytis Patiejúnas fast täglich kreuz und quer durch Litauen. -Foto: Stefan Jacobs

Vilnius"Wir haben die Sowjetunion überstanden. Da werden wir die EU allemal überstehen." - Kastytis Patiejúnas, 2004



In seinen vier verschiedenen Rollen bringt es Kastytis Patiejúnas mit seinem Passat im kleinen Litauen auf 75000 Kilometer im Jahr. Er leitet einen Agrarbetrieb in Šiauliai, ganz im Nordwesten des Landes, vertritt eine deutsche Saatgutfirma, ist Verbandschef der litauischen Rübenanbauer und wohnt seit jeher gern in der barocken Schönheit von Vilnius, ganz im Südosten.

Die Trockenheit der vergangenen beiden Jahre ließ sich gut aushalten, denn auf die Agrarbetriebe ging anhaltender warmer Regen aus Brüsseler Geld nieder. "Wir haben fast 800.000 Euro in Schlepper, Mähdrescher und mobile Getreidetrockner investiert", erzählt Patiejúnas. "Die Hälfte davon kam aus EU-Strukturfonds." Bei der ersten von zwei Förderwellen seien die Mittel in Litauen zu knapp 100 Prozent abgerufen worden, bei der zweiten habe es doppelt so viele Bewerbungen wie Geld gegeben. Wer gefördert wird, muss seine Kosten offen legen und die Maschinen mindestens fünf Jahre behalten. "Es gab hunderte solcher Projekte, und man hat praktisch nichts von Missbrauch gehört." Andererseits hätten sich auch die Behörden, die in anderen neuen Mitgliedsländern wie Estland auch kleinkarierte EU-Vorschriften - kein Rübentransporter ohne Tacho! - eifrig durchdrückten, vernünftig verhalten: "Die Regelungen wurden so pragmatisch gehandhabt, dass kein Betrieb daran zugrunde ging."

Patiejúnas' Betrieb hat sich um 400 Hektar vergrößert, auf denen Getreide, Raps und Zuckerrüben angebaut werden. Zugleich sank die Zahl der Angestellten von dreizehn auf acht. Geplant war das nicht. Die Leute sind einfach weggegangen. Nun ersetzen die neuen Maschinen manchen Arbeiter.

Nach verschiedenen Schätzungen sind etwa 400.000 Litauer emigriert. "Das ist jeder Achte!", sagt Patiejúnas und erzählt, was die meisten Litauer erleben: Freunde, die in Norwegen oder England arbeiten. Kinder, die bei ihren Großeltern aufwachsen, während sie von den Eltern kaum mehr haben als regelmäßige Überweisungen. Was für die Menschen eine völlig neue Chance ist, entwickelt sich zum Drama fürs Land. Patiejúnas hält seine Belegschaft mit Zulagen bei Laune. Das in ganz Europa seit Jahrzehnten gepflegte Lamento über die hohen Brüsseler Agrarsubventionen sei wohlfeil, sagt er. Irgendwie müsse man doch die Leute im Land halten. Dann erzählt er von fröhlichen Kindertagen bei seiner Patentante: ein Dorf bei Ignalina, nahe der damals kaum spürbaren und heute schwer bewachten Grenze zu Weißrussland. Acht Familien, die glücklich zusammenlebten. Nun ist er 44, und die Patentante ist gerade ihren Kindern nach Vilnius gefolgt. Als Letzte aus dem Dorf. "Jetzt sind nur noch die Häuser da." Stefan Jacobs

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