Reise : Von Tuten und Blasen

Ins sächsische Vogtland fahren Musiker aus dem In- und Ausland – um sich Instrumente fertigen zu lassen. Zuschauen gestattet.

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Preiswürdig. Bernd Zabel präsentiert in der Harmona GmbH, dass es dieses schöne Stück im wahrsten Sinne des Wortes in sich hat. Fotos: Volkmar Heinz
Preiswürdig. Bernd Zabel präsentiert in der Harmona GmbH, dass es dieses schöne Stück im wahrsten Sinne des Wortes in sich hat....Foto: Volkmar Heinz

Eine Tour nach Markneukirchen oder Klingenthal gilt unter Busfahrern als nervenaufreibend. Nicht weil die Strecken im südlichsten Zipfel Sachsens schwierig wären. Doch auf den Rückfahrten probieren alle Reisenden ihre Souvenirs aus. Und so wird lautstark getutet, gerasselt, geklimpert und geklappert.

Aber eigentlich ist es unfair, die so entstehenden Geräusche ernsthaft mit der Region in Zusammenhang zu bringen. Dieses Stück Vogtland nennt sich Musikwinkel, weil in über einhundert Firmen Instrumente gefertigt werden, viele davon Luxusklasse. Ganze Sinfonieorchester könnten die Hersteller ausstatten – und Rockbands und Blaskapellen dazu.

Eine der Firmen ist die Harmona Akkordeon GmbH in Klingenthal, die älteste Akkordeonmanufaktur der Welt. Im Musterzimmer hängen Zeitungsausschnitte, die belegen, dass die hier entstandenen „Weltmeister“-Akkordeons tatsächlich von prominenten Musikern rund um den Globus gespielt werden. Und es stehen jede Menge Instrumente in den Regalen – von Varianten für den Musikschüler bis zu solchen für die Stars. Bernd Zabel, schon als Knirps Akkordeonspieler und jahrzehntelang als Ingenieur mit deren Herstellung dieser Instrumente befasst, beherrscht sie alle.

Wenn er auf Tasten und Knöpfe drückt, wenn er den Balg zieht und schiebt, dann scheint ein ganzes Orchester angetreten zu sein. Und blitzschnell wechselt dessen Herkunft: von Oberkrainer Volkmusik bis zu amerikanischem Blues, vom Wiener Walzer bis zu argentinischem Tango – alles kommt aus diesem Instrument. Spötter bezeichnen es als Zerrwanst, Wanzenpresse, Schifferklavier, Ziehharmonika, Ziehorgel, Ziach, Handorgel, Riemenorgel, Quetschkommode ...

Das Ganze ist sozusagen eine Luftnummer: durch das Auseinanderziehen und Zusammendrücken der beiden Seitenteile strömt die Luft durch die Stimmstöcke – und klingt.

Wie solch ein Akkordeon aus Holz, Kunststoff, Pappe und Metall entsteht, dürfen Neugierige bei einem Betriebsrundgang miterleben. Von den rund 2500 und mehr Teilen, aus denen ein Instrument zusammengefügt ist, werden die allermeisten im Betrieb gegossen, gefräst, geschnitten, gebogen. Und dann die Montage: Tausende Handgriffe. Hundertstel Millimeter sind für einen Luftspalt entscheidend, wenn ein spezieller Ton erklingen soll. Selbst wenn ihnen die Neugierigen auf die Finger schauen, arbeiten die Akkordeonbauer Handgriff für Handgriff mit trainierter Präzision.

Seit rund 300 Jahren werden im Vogtland Instrumente gebaut. Doch auf den ersten Blick – verglichen vielleicht mit dem erzgebirgischen Seiffen und seiner auf Schritt und Tritt präsenten Holzkunst – sieht man in Markneukirchen oder Klingenthal kaum, dass man sich hier am Nabel der Musikinstrumenten-Welt befindet. Wer die Historie kennt, weiß zwar die für so kleine Städtchen verblüffend prachtvollen Villen zu interpretieren: als Zeugen der Blütezeit des Musikinstrumentenbaus um 1900. Aber man braucht schon Geduld für den zweiten Blick, auch für einen in den Veranstaltungskalender und in die zahlreichen Instrumentensammlungen.

Den Touristen diesen zweiten Blick einfacher zu machen, hat sich der Musicon Valley e.V. auf die Fahnen geschrieben, der mit seinem Projekt „Erlebniswelt Musikinstrumentenbau“ sogar für den deutschen Tourismuspreis 2011 nominiert war. „Musicon Valley“ soll, natürlich, an Silicon Valley erinnern, jener Gegend, in der mal aus Tellerwäschern Millionäre wurden. Soweit ist es hier noch nicht, aber „Musicon Valley“ will schon mal in alle Welt posaunen, dass man hier Ahnung hat von Tuten und Blasen.

Der vor rund zehn Jahren für die Wirtschaftsförderung gegründete Verein hat jetzt sich mit den Touristikern zusammengetan und will Musiker an die Wiege ihrer Instrumente holen. Entsprechend gibt es diverse Pauschalen, beispielsweise „Bläserklasse unterwegs", „Reisepakete für Streich- und Zupfmusiker“ oder das „Rockerpaket“. Aber auch wer als Solist in den Musikwinkel fährt, wird klangvolle Erlebnisse haben.

„Natürlich sind unsere Instrumentenbauer – oftmals nur Ein-Mann-Betriebe – nicht immer begeistert, wenn jemand ihre Werkstatttür aufreißt und irgendetwas erklärt haben möchte“, sagt Simone von der Ohe, Geschäftsführerin des Vereins. „Deshalb haben wir in unserer Geschäftsstelle eine Geigenbauer-Werkstatt eingerichtet. Wenn sich Gäste angemeldet haben, kommt ein Experte, demonstriert einzelne Arbeitsgänge und beantwortet Fragen.“ Für „echte“ Werkstattbesuche würden Kontakte vermittelt.

Laut geht es zu in „Hüttel’s Musikwerke Ausstellung“. Manche der Besucher zucken zusammen, als die riesige Konzertorgel ihre dröhnende Melodie erschallen lässt, so laut, als marschiere ein Spielmannszug durch das niedrige Haus von Wohlhausen, einem Ortsteil von Markneukirchen. Barbara Hüttel lässt eine kurze Pause – und kurbelt das nächste Instrument an, eine sanfttönende Drehorgel. Es folgen Grammophon und Flötenuhr, Orchestrion und Polyphon… „Es darf getanzt werden!“, ruft sie. Märsche, Walzer, Tangos, alles ist auf Schellackplatten oder in den gelochten Papierstreifen gespeichert.

Vergleichsweise gemessen geht es im spätbarocken „Paulus-Schlössel“ zu. Das Musikinstrumenten-Museum präsentiert mehr als 3000 Exponate aus aller Welt und von einigen Instrumenten die größten Exemplare, die je gebaut wurden. Hier erfährt man auch viel zur Historie des Instrumentenbaus in der Region, deren Auftakt 1677 die böhmischen Einwanderer setzten.

Dem Musikinstrumentenbau begegnet der Tourist jedoch nicht nur in Werkstätten und Sammlungen, sondern auch in Gasthäusern, im Alpenhof Breitenfeld zum Beispiel. Der Großvater des Wirtes, Paul Fickelscherer, reparierte Akkordeons und stellte Saxophone her. Der Vater, Günter Fickelscherer, fertigte Blechblasinstrumente von der Trompete bis zur Tuba. Logisch, dass im Hotel Musik eine Rolle spielt. Jeden Sonntag zum Beispiel wird Alphorn geblasen. Auch im Berggasthof Heiterer Blick ist das Konzept klar: Der (Gaststuben-)Himmel hängt voller Geigen, weil die Lampenschirme aus Geigenböden bestehen und die Wände mit Musikinstrumenten in ihren verschiedenen Fertigungsetappen geschmückt sind.

Die Meister des Ortes legen durchaus Wert darauf, in dieser „Ausstellung“ vertreten zu sein, um Gäste und auch Kollegen zu beeindrucken. „Die Musikinstrumentenbauer bringen ihre Kunden gern bei uns unter", freut sich Klaus Pfretzschner vom Berggasthof. „Wir haben hier Japaner, Amerikaner – meistens Musiker, die im Ort das Instrument ihres Lebens in Auftrag geben.“ Durch solche weit gereisten Gäste wurde der Gasthof früh in die Weltwirtschaft geschubst: „Als wir noch keine Kreditkarten annehmen konnten, bezahlte eine Gruppe mit einem Stapel Yen. Nun versuchen Sie mal in Markneukirchen Yen umzutauschen!“, erinnert sich der Wirt schmunzelnd an die Nachwendezeit.

Serviert wird in den Gasthäusern natürlich original Vogtländisches, zum Mitnehmen gibt es Vogelbeerschnaps. Und nicht zu vergessen die klingenden Souvenirs. Die gibt es zum Beispiel im Markneukirchener Gerber-Hans-Haus, der Stadtinformation schräg gegenüber dem Paulus-Schlössel. Zugegeben, die besonders preiswerten Stücke kommen nicht aus den Werkstätten der großen Meister. Aber wenn man nun mal in Stimmung ist, da tun es auch Triola und Metallophon, Rassel oder – die könnte dann schon wieder original vogtländisch sein – Mundharmonika.

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