Warten auf dem Flughafen : Wie die Zeit vergeht

Auf der ITB wecken Traumreisen das Fernweh. Die Koffer sind schnell gepackt. Wenn nur die Warterei am Flughafen nicht wäre!

Heinz Schilling
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In Warteposition. Claudel Doucet vertreibt sich die Zeit in Schönefeld.Foto: Mike Wolff

Am Flughafen haben wir es mit einem Spezialfall des Wartens zu tun: einer sogenannten Wartekaskade. Die Passagiere bewegen sich von Wartestufe zu Wartestufe – also vom Einchecken über die Sicherheitskontrolle bis hin zum Boarden. In dieser Schalensitzwelt, die aus der Installation am Sitzplatz, Ruhe- und Unruhephasen besteht, haben meine Studenten und ich beobachtet, dass es bestimmte Bewegungsmuster gibt.

Zum Beispiel das Auf-die-Uhr-Sehen. Zuerst schaut der Wartende auf die Armbanduhr, dann abwechselnd auf Wanduhr und Abflug-Display, das das Herannahen des „eigenen“ Flugs signalisiert, dann auf die Zeitanzeige des Mobiltelefons. Er überlegt sich bei der Durchsicht seines Telefonbuchs, wen er mal wieder anrufen könnte –meist ist das jemand, bei dem sich der Wartende schon sehr lange nicht mehr gemeldet hat. Dass der Passagier ein Gespräch mit anderen Wartenden sucht, kommt nicht allzu oft vor. Er zieht sich zurück, löst vielleicht ein Sudoku „mittelschwer“. Etwa 20 Minuten vor der angegebenen Boarding-Zeit entsteht eine deutliche Unruhewelle. Da wird kontrolliert, ob das Handgepäck noch da ist.

Sollte es beim Einsteigen zwei verschiedene Schlangen für Economy- und Businessklasse geben und unser Passagier hat das günstige Ticket, so rate ich ihm zu Gelassenheit. Das muss man ertragen! Sollte es zwei verschiedene Schlangen für ein und dieselbe Klasse geben, möchte ich gerne auf die Studie des US-Amerikaners Robert Levine hinweisen, der herausgefunden hat, dass man immer in der richtigen Schlange steht. Die Schlangen zu wechseln, bringt nichts, das kennt man ja aus dem Supermarkt.

Meine Forschungen haben ergeben, dass Männer und Frauen anders warten. Männer beschreiben das Warten als nutzlose, gestohlene Zeit, weswegen sie schneller gestresst sind. Frauen können das Warten dagegen sogar als angenehmen Zeitpuffer empfinden, in dem sie gründlich über eine Sache nachdenken oder eine Zeitung lesen können. Diesen Unterschied kann man durchaus mit der Biologie erklären: Frauen sind das Warten eben gewohnt (Heinz Schilling ist Professor für Kulturanthropologie an der Universität Frankfurt am Main).

Wie sich die 22-jährige Claudel  Doucet am Flughafen Schönefeld die Zeit bis zum Abflug vertreibt, sehen Sie in unserer Fotostrecke.

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