Reise : Warten auf die „Berliners“

An der See fiebert man jetzt den Besuchern entgegen. In Warnemünde stehen die Strandkörbe bereit.

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Eigentlich wäre es ideales Wetter, Strandkorbwetter: Die Sonne scheint, der Wind pfeift ordentlich und noch sehr frisch, treibt Sand über den Strand. Da sucht man doch um diese Jahreszeit ein kuscheliges Plätzchen. Doch Lothar Knooke hat heute keinen guten Tag. Nicht einen Strandkorb hat er bisher vermietet. Dabei wäre es darin doch so schön windgeschützt. Man kann sich ganz in die Ecke verkriechen, den typischen Geruch der gestreiften Plastikpolsterung in die Nase einziehen und den Wind über das geflochtene Dach hinwegfegen lassen. Knooke schüttelt den Kopf. Na ja, die Saison an der Ostsee fängt ja eben erst an.

Knooke ist 73 Jahre alt, seiner Haut sieht man Wind und Sonne an. Er stapft missmutig in seinen Holzpantinen durch den feinen Sand. Bereits zu Ostern hatte er die ersten Körbe aus dem Lager an den Strand von Warnemünde gekarrt. Im September wird er sie wahrscheinlich wieder ins Winterquartier schaffen. Ein paar „gute Tage“ gab’s schon. Mal sehen, wie die Saison so wird. Aber Knooke weiß auch: „Nur an 20 Tagen im Jahr habe ich eine volle Auslastung.“ 30 seiner Körbe stehen am Strand, doch er kann bei Bedarf auch aufstocken, so ist das ja nun nicht. Sieben Euro kostet die Miete am Tag.

Bereits 1812 soll der erste Tourist nach Warnemünde gekommen sein. Schon bald hatten die Einheimischen ihre ganz eigenen Bezeichnungen für die Fremden. „Luftschnappers“ oder „Kastenkieker“. Denn viele Fischerhäuschen bauten damals Wintergärten auf den Bürgersteigen vor ihrem Haus an, für die angereiste Gesellschaft. Damit sie hinausschauen konnten, wenn es stürmte. Auch Joachim Ringelnatz wohnte in einer dieser typischen Privatunterkünfte. Und Edvard Munch, der norwegische Maler, wählte das beschauliche Ostseebad ebenfalls für einige Monate als Domizil. Das alte Fischerhaus, in dem er sich zwischen Mai 1907 und Oktober 1908 einquartiert hatte, steht am Alten Strom und ist heute zu besichtigen. Während seiner Zeit im Ostseebad malte er neben Landschaftsbildern und Porträtstudien auch die „Badenden Männer“ oder die Serie „Das grüne Zimmer“.

Als Rostock 1850 an die Bahn angeschlossen wurde, fuhren viele Berliner zur Sommerfrische hierher, es war eine der schnellsten Verbindungen ans Meer. Deshalb nannte man die Fremden auch einfach nur „Berliners“ – ganz gleich woher sie kamen. Heute läuft das etwas anders. Erstens kommt die Invasion von See, wenn vor allem Amerikaner auf riesigen Kreuzfahrtschiffen im Hafen anlanden, und zweitens halten sie sich nicht lange auf. Möglicherweise weil sie gar nicht Hinweisschilder wie die eines Warnemünder Lokals wahrnehmen, das mit „Jodeling Sausage with Sauerkraut“ wirbt. Sie haben nur ein Ziel im Kopf: Berlin. Fotos am Checkpoint Charlie machen, schnell, schnell, am Abend sollen sie wieder an Bord sein. „Für Amerikaner ist Warnemünde der Hafen von Berlin“, sagt einer, der es wissen muss, Klaus-Dieter Lass, gebürtig von hier, Stadtführer.

Wenn nicht gerade mehrere tausend Kreuzfahrer das kleine Ostseebad kurzzeitig überrollen, dann ist das ein sehr beschaulicher Ort. Am Hafen liegen Kutter, an denen Fischbrötchen verkauft werden. Nicht immer kommt der Käufer dazu, es zu essen. Möwen kreisen, immer auf der Lauer – und ehe man sich versieht, schnappen sie sich im Sturzflug den Fisch aus der Hand des arglosen Tourist. Doch sonst: keine Gefahren in den kopfsteingeplasterten Straßen. Die Fischerhäuser mit ihren Familienzeichen im Giebel stehen in Reihe. Die typischen langen Gänge in den Hinterhof sind „gerade einmal so breit, damit eine Kuh oder ein Fischkarren durchpasste“, sagt Lass.

Es ist zwar kein Pflichtprogramm bei einem Besuch in Warnemünde, doch eigentlich gehört es dazu: im Strandkorb sitzen. Nicht wegen Lothar Knooke, der kommt auch so über die Runden, obwohl die Konkurrenz groß ist. Doch genau hier ist das einzigartige Strandsitzmöbel nämlich erfunden worden. Nur wenige hundert Meter von Knookes Verleih entfernt, schräg gegenüber vom Leuchtturm, vermietete Wilhelm Bartelmann in Haus Nummer 10 seine Strandkörbe. Als Elfriede von Maltzahn 1882 in seine Werkstatt kam und sich von dem Korbmacher ein Stuhl wünschte, damit sie am Strand bequemer sitzen könne, schlug die Geburtsstunde des Strandkorbs. Die feine, vom Rheuma geplagte Dame bekam einen Einsitzer, der ein bisschen so aussah wie ein hochkant gedrehter Wäschekorb. Doch Bartelmann entwickelte diesen Strandstuhl weiter. Bald schon gab es ein Modell für zwei, wenig später ließ sich bei einer weiteren Variante auch die Rückenlehne nach hinten neigen.

Tja, nur patentieren ließ sich Bartelmann nie etwas. Und so bleibt den Nachfahren nur, die ruhmreiche Geschichte weiterzutragen. Produziert wird bei Bartelmanns seit den 1940er Jahren nicht mehr. „Heute gibt es etwa 10 000 Strandkörbe an der deutschen Ostsee“, schätzt Andreas Bartelmann, der Ururenkel des Erfinders, 33 Jahre alt. „Ich halte die Fahne hoch“, sagt er. Neben dem Familiengeschäft in Kühlungsborn betreibt er auch eine Internetseite zur Geschichte des Strandkorbs, bietet Vorträge an.

Verleiher Lothar Knooke fährt soeben mit den kräftigen Händen über das Geflecht eines Korbes, der nicht ihm gehört. Hier stellen schließlich auch Privatleute ihre eigenen Strandkörbe in den Sand. Dafür müssen sie 40 Euro im Jahr an die Gemeinde zahlen. Für Modelle wie dieses hat Knooke kein gutes Wort übrig. „Das ist kein Strandkorb. Das müsste Gartenkorb heißen“, schimpft er. Diese „günstigen Dinger aus dem Baumarkt“, wie sie im Frühling immer wieder angeboten werden, sind für ihn ein großes Ärgernis. Lothar Knooke tätschelt seinen Korb als sei es der Kopf eines Kindes, blickt auf den heute fast leeren Strand. Kein Tourist macht Anstalten, sich niederzulassen. Aber: Die Saison ist ja noch jung.

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