Reise : Weckruf vom Schaffner Tapfer durchs Höllental

Wie man im Liegewagen zurechtkommt / Eine Handreichung für Laien Auf dem Frankenweg braucht man gute Kondition

von
Wallfahrtsort. Die wuchtige Basilika Vierzehnheiligen liegt am Wegesrand. Foto: dpa
Wallfahrtsort. Die wuchtige Basilika Vierzehnheiligen liegt am Wegesrand. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa-tmn

Neben, über und unter wildfremden Menschen aufzuwachen – das ist Liegewagenfahren mit der Deutschen Bahn. Stets befindet sich unter diesen Unbekannten einer, der sich auf das Abenteuer zum ersten Mal einlässt. Eigentlich wäre es Aufgabe der Bahn, den Anfängern mittels eines kleinen Informationsblattes die Grundlagen dieser Reiseform näherzubringen: „FAQs – Frequently Asked Questions“, häufig gestellte Fragen zum Liegewagenfahren also.

Wie liegt man?

Wie man sich bettet. Am besten verdrehen Sie bereits bei Fahrtantritt das Doppellaken zu einer strammen Wurst, werfen das Kopfkissen nach unten und verheddern sich unentwirrbar in die Wolldecke der Marke „Hab-viel-erlebt“ – dann sparen Sie sich die Mühe, dies alles erst im Lauf der Nacht zu erledigen.

Was zieht man aus, was lässt man an?

Das bleibt Ihnen freigestellt. Besondere Empfehlungen gibt es nur für gesetzte Herrn jenseits der 50: Gerade Damen schätzen den Anblick eines in Ehren gereiften Körpers. Unterhose genügt somit vollkommen.

Braucht man einen Wecker?

Natürlich nicht. Der freundliche Schaffner weckt Sie pünktlich eine halbe Stunde vor der Ankunft in Augsburg – falls er nicht selbst verschläft, beim Einlaufen in den Bahnhof entsetzt die Abteiltür aufreißt und Sie zwei Minuten später auf den Bahnsteig schiebt, wo Sie sich mit einem fremden Schuh, verklebten Augen und ohne Laptop wiederfinden.

Wo ist die Toilette?

Sie verlassen Ihr Abteil nach rechts, überklettern die Kofferberge der Schulklasse aus Bergen/Norwegen und schlängeln sich zwischen den beiden fülligen Zopfträgern durch. Wo deren Bierdosen aus dem Papierkorb quillen, halten Sie sich wieder rechts und schon stehen Sie direkt hinter den fünf Mitreisenden, die vor Ihnen warten.

Wird man verköstigt?

Aber ja. Mit Baklava, Slivovitz, slowenischem Pressack, algerischem Wein, spanischer Chorizo, belgischen Meeresfrüchtepralinen, alemannischem Holundersprudel ... über die Jahre gesehen. Sind nur deutsche Mitreisende im Abteil, besteht dagegen Anlass zur Sorge.

Findet man Kontakt?

Ein Liegewagenabteil ist ein Kommunikationslabor. Gesprächsansätze könnten sein: die Flasche Schaumwein, die die Frau über Ihnen umgekippt hat. Das Surfboard, ohne das der Blondschopf von Nummer 76 nie ins Bett geht. Die Kunststoffsocken des scheuen Herrn, der eben schon wieder zum Pinkeln ging. Und natürlich die Bahn als solches und überhaupt.

Gibt es Einschlafhilfen?

Ohne Ende. Die Gattersäge von 61, Metallica aus dem Kopfhörer von 62, das verliebte Handygeflüster in 63, das regelmäßige „O-verdammte-Scheiße“ des Langen aus 64, der sich schon wieder den Kopf gestoßen hat ...

Kann man tatsächlich schlafen?

Mit Sicherheit. Wenn Sie gern in Turbinenhallen nächtigen, Kasernenstuben schätzen und mit Vorliebe in Saunen pennen, werden Sie schön schlummern.

Ist Liegewagenfahren auch

ein olfaktorisches Erlebnis?

Aber klar. Das anregende Odeur aus Patschuli, Turnhallenschweiß und leicht überfälligem Räucherbückling bleibt gerade dem Erstfahrer noch lange im Gedächtnis.

Gibt es fröhlich stimmende

Vorkommnisse?

Immer wieder. Wenn die Mitreisende aus Dortmund nachts um drei das Licht anknipst und verzweifelt in ihrem Bett herumwühlt, „Mein Portemonnaie, mein Portemonnaie ... – ach so, in diesem blöden Gepäcknetz. Gute Naaacht!“ – dann freuen sich einfach alle mit ...

So weit der Entwurf einer kleinen Handreichung für Liegenwagen-Laien. Danke, Bahn, dass wir wieder mal deine Arbeit machen durften.Franz Lerchenmüller

„Nach Thalmässing wollens?“, fragt der ältere Herr. „Da haben Sie es ja nicht weit. Den Berg hinauf, dann nur noch ein bisschen weiter, aber alles auf der Ebene.“ Na, da dürfte der gute Mann den Frankenweg noch nicht kennen: Denn die Etappe von Berching nach Thalmässing ist kein schnellerWeg ans Ziel. Sie führt am zerklüfteten Nordrand der Frankenalb entlang und nimmt immer wieder Abschied von der Hochfläche, um sie kurz darauf wieder zu treffen.

Diesen Hang zum kleinen Umweg hat der Weg nach Thalmässing gemeinsam mit den anderen Etappen des Frankenweges, der den Norden des Frankenwaldes mit der Schwäbischen Alb verbindet. Auf mehr als 520 Kilometern führt er durch Mittelgebirge, historische Altstädte, auf Burgen, durch Täler, über Wiesen und vor allem: kaum auf Asphalt.

Franken ist natürlich nicht gleich Franken: Die Landschaften, durch die sich der Weg schlängelt, könnten von Profil und Landschaft her kaum unterschiedlicher sein. Überwiegen im Frankenwald Kalkboden, schattige Fichtenwälder und sprudelnde Bäche, so locken in der Fränkischen Schweiz Felsformationen, Höhlen und eine enorme Dichte an Burgen und Ruinen. Auf der Fränkischen Alb zieht sich der Weg bisweilen sogar über Felsplateaus.

An die Landschaft des Fränkischen Seenlandes schließt sich die Juralandschaft des Naturparks Altmühltal mit der geschichtsträchtigen Universitätsstadt Eichstätt an, bevor der Weg in Harburg am Rand der Schwäbischen Alb endet.

Seinen Anlauf nimmt der Frankenweg in Untereichenstein am Ufer der Selbitz, die Bayern und Thüringen trennt. Und schon am ersten Tag öffnet sich die fränkische Wander-Wundertüte: Nach dem wildromantischen Höllental und dem Aussichtsfelsen „König David“ gelangt man zum Döbraberg, dem Dach des Frankenwaldes. Es folgen in den Tagen darauf die Lucas-Cranach-Stadt Kronach und die historische Frankenstadt Kulmbach. Die Tradition der heimlichen Hauptstadt des Bieres wird im Bayerischen Brauereimuseum dokumentiert.

Im oberen Maintal mit der barocken Basilika Vierzehnheiligen wird ein Wanderer nach den langen Tagen der Stille jäh mit der Masse konfrontiert: Das gewaltige Gotteshaus aus goldgelbem Eisensandstein ist ein beliebter Wallfahrtsort. Etliche Reisegruppen verbinden das Gebet mit einem Spaziergang zum nahen Staffelfelsen, einem Felskranz aus Weißem Jura.

Das Qualitätssiegel „Wanderbares Deutschland“ zeichnet die Strecke für ihre hohe Qualität bei der Streckenführung, dem Profil und Wegbelag sowie der Beschilderung aus. dpa

Auskunft: Tourismusverband Franken, Wilhelminenstraße 6, 90461 Nürnberg, Telefon: 0911/94 15 10

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben