Weimar : Entdecke den Gropius in dir

Weimar feiert 90 Jahre Bauhaus – und erklärt, warum Querdenker und Avantgardisten in die thüringische Provinz kamen.

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Das Gropius-Zimmer in der Bauhaus-Universität von Weimar – kein Original, doch ein Nachbau, der sich am ursprünglichen Zustand...

Walter Gropius brachte es auf den Punkt. „Meine Idee von Weimar ist keine kleine…“, schrieb der Architekt 1919 zur Gründung des Bauhauses. „Ich glaube bestimmt, dass Weimar gerade um seiner Weltbekanntheit willen der geeignetste Boden ist, um dort den Grundstein einer Republik der Geister zu legen.“ 90 Jahre später konstatiert Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar: „Die Welt hat vergessen, dass das Bauhaus aus Weimar und nicht aus Dessau und Berlin kommt.“ Unter dem Motto „Das Bauhaus kommt 2009“ erinnert die Region um Weimar deshalb an die Gründung des Staatlichen Bauhauses vor 90 Jahren in der Klassikerstadt.

Gewiss, Weimar ist als Reiseziel ohnehin angesagt. Die meisten Besucher verbinden jedoch mit der Kulturstadt in Thüringen allein Goethe und Schiller, Herder und Herzogin Amalia – und überhaupt die Deutsche Klassik. Zu recht. Doch es gibt noch mehr: das Bauhaus eben. Von der Designhochschule, die in vieler Hinsicht stilprägend wurde, wird in diesem Jahr einiges zu hören und zu sehen sein. Denn es steht ein besonderer Jahrestag an, und Jahrestage sind für Stadtväter und die Experten vom Tourismusmarketing schließlich das Schönste überhaupt.

Dabei gibt es gar keinen wirklich runden Geburtstag zu feiern, kein halbes Jahrhundert und auch kein ganzes. Aber immerhin ist es 90 Jahre her, dass das Bauhaus am 1. April 1919 gegründet wurde – in Weimar und eben nicht in Dessau, wie manch Kulturinteressierte glauben, weil das Bauhaus 1925 dorthin umzog und in Sachsen-Anhalt noch mehr von sich reden machte. Diese Kulturbanausen glauben allerdings auch, dass Goethe und Schiller auf ihrem Sockel vor dem Weimarer Nationaltheater sinnierend in die Ferne oder sogar in die Zukunft blicken – dabei schauen die beiden genau auf das Bauhaus-Museum.

Viele dieser Künstler sind längst vergessen

Das unscheinbare Gebäude beherbergt eine der umfangreichsten Sammlungen mit Bauhaus-Exponaten. Die Ausstellung erzählt die Geschichte der Kunst und ihrer prominenten Vertreter in Weimar zwischen 1900 und 1930. Wie schon während der Deutschen Klassik war Weimar auch damals ein Anziehungspunkt für junge Kreative aus weitem Umkreis, erzählt die Stadtführerin Helga Peyer. Querdenker und Avantgarde-Künstler kamen in die thüringische Provinz.

Viele dieser Künstler sind längst vergessen, andere haben sich nie einen Namen gemacht. Aber es zählten eben auch einige der ganz Großen dazu. Das belgische Multitalent Henry van de Velde tauchte als einer der ersten in Weimar auf: Schon 1902 wurde er Professor an der Kunstgewerbeschule, aus der sich später das Bauhaus entwickelte. Van de Velde versuchte den Brückenschlag zwischen Industrie und Design, Architektur und Inneneinrichtung. „Er bildete in Weimar Kunsthandwerker aus“, erzählt Helga Peyer.

Als im Ersten Weltkrieg die Bedingungen dafür immer schlechter wurden und er als Ausländer zunehmend Probleme bekam, verließ Van de Velde Weimar nicht ganz freiwillig. Sein Nachfolger als Direktor der Kunstgewerbeschule war der Architekt Walter Gropius, der erste Direktor des Bauhauses. Auch Avantgarde- Künstler wie Wassili Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger oder der aus der Schweiz stammende Maler und Grafiker Johannes Itten fühlten sich in Weimar wohl.

Das Design wirkt nach wie vor modern

Im Bauhaus-Museum sind die Arbeiten etlicher namhafter Künstler versammelt. Möbelstücke Van de Veldes gibt es dort beispielsweise zu sehen. Darunter ist ein jugendstil-inspirierter Schreibtisch genauso wie Mobiliar für einen Friseursalon oder ein Stuhl, der die Tischler schon dadurch schockiert haben soll, dass die Bretter mit sichtbaren Schrauben befestigt waren – Van de Veldes Verständnis von Transparenz im Handwerk. Faszinierend sind die Alltagsgegenstände nach Bauhaus-Design: Gewürzdosen oder Milchkannen, Teedosen oder ein Schachspiel, bei dem Würfel und Kugeln die Formensprache dominieren. Das Design wirkt nach wie vor modern.

In diesem Jahr wird in dem Museum die Ausstellung „Das Bauhaus kommt“ gezeigt, allerdings nicht nur dort: „Unter anderem das Goethe-Nationalmuseum, das Schiller-Museum und das Neue Museum beteiligen sich daran“, sagt Helga Peyer. Eine Bauhaus-Festwoche ist für Anfang April geplant.

Bauhaus-Universität Weimar heißt die Hochschule der Stadt heute. Auf dem Campus gibt es T-Shirts zu kaufen mit Slogans wie „Bauhaus lebt“ oder „Entdecke den Gropius in dir“. Einer, der dort studiert hat, ist Christian Tesch, der Führungen auf den Spuren des Bauhauses anbietet. Eine Station ist die ehemalige Kunstgewerbeschule. Im Eingangsbereich stehen Büsten von Gropius und Van de Velde. Unterm Dach sind noch die Ateliers der Bauhaus-Künstler zu sehen. Das Treppenhaus, das zu ihnen hoch führt, ist ein im Original erhaltener Bauhaus-Entwurf. Das Gropius-Zimmer, in dem Besucher vor Schreibtisch, Sessel und Sofa des großen Architekten stehen, ist dagegen ein Nachbau. Der streng würfelförmige Raum ist nach Bauhaus-Prinzipien entstanden. Gropius arbeitete dort als Direktor der Hochschule. „Auf dem Sofa soll er jeden Tag ein Mittagsschläfchen gemacht haben“, erzählt Tesch.

Der 100. Gründungstag wird gefeiert

Gebäude nach Bauhaus-Ideen gibt es in Weimar einige: Van de Veldes Wohnhaus „Hohe Pappeln“ gehört dazu oder das „Tusculum“ seines Schülers Thilo Schoder. Östlich der Ilm liegt das Haus „Am Horn“. Der Maler und Architekt Georg Muche zeichnete es gewissermaßen als Musterhaus für modernes Wohnen. „Im Dritten Reich sollte es abgerissen werden“, sagt Tesch. „Doch dann kam der Krieg dazwischen.“ Heute hat der Bauhaus-Freundeskreis dort seinen Sitz.

Das Haus „Am Horn“ gilt als das erste Bauhaus-Gebäude überhaupt. „Es wurde 1923 in nur vier Monaten gebaut“, sagt Tesch. „Allerdings hat es 1924 auch schon reingeregnet.“ Vor zehn Jahren wurde es restauriert. Der erhöhte Mittelraum wird heute für Ausstellungen genutzt. Darum gruppieren sich ein Ess-, ein Kinder-, ein Damen- und ein Herrenzimmer – so angeordnet, dass die Wege möglichst kurz sind und die Fläche effizient genutzt wird. Die Türen öffnen sich so, dass sie kaum in den Raum ragen.

Weimar wird im Bauhaus-Jahr auch an das Schicksal von Bauhäuslern im NS-Widerstand erinnern. Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald bereitet für den 2. August im Neuen Museum die Ausstellung „Franz Ehrlich“ vor. „Die KZ-Gedenkstätte hat viel mehr mit dem Bauhaus zu tun, als gedacht“, sagt Gedenkstätten-Direktor Volkhard Knigge. Der Architekt und Designer Ehrlich (1907–1984) habe als Buchenwald-Häftling das Lagertor entworfen und die von den Nazis verlangte zynische Inschrift „Jedem das Seine“ eingearbeitet. Für die Buchstaben wählte er Typen, die von Jost Schmidt und anderen Bauhäuslern entwickelt worden waren und die im NS-Regime als „entartet“ galten. Den Nazis fiel es nicht auf.

Richtig feiern will Weimar das Bauhaus zum 100. Gründungstag – in zehn Jahren. Ein neues Bauhaus–Museum soll schneller entstehen. „Wir hoffen auf 2016“, sagt Stadtführerin Helga Peyer.

www.weimar.de

www.bauhaus2009.de

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