Weiße Haie vor Südafrika : Und plötzlich ist er da

Hunderte Weiße Haie schwimmen vor Südafrika. Touristen können ihnen beim Tauchen begegnen - Auge in Auge. Doch ihnen droht keine Gefahr, denn sie sind durch einen Käfig geschützt. Ein Erfahrungsbericht.

Marc Vorsatz
Angelockter Hai
Umstritten: Vor der Küste Südafrikas werden Haie für Touristen oft mit blutigen Ködern angelockt. -Foto: laif

Es sind die Augen. Diese starren Augen, die den Taucher fixieren und das Blut in den Adern gefrieren lassen. Noch fünf Meter. Er kommt direkt von vorn. Wie ein surreales U-Boot. Eher langsam als schnell, aber unaufhaltsam. Dabei völlig geräuschlos. Irgendwie majestätisch. Leichte Schräglage. Noch drei Meter. Im aufgerissenen Maul sind deutlich die messerscharfen Zähne zu erkennen. Ein Maul - groß genug, den Taucher mit einem einzigen Biss zu zerfetzen. Der Puls hämmert gegen die Schläfen. Nur keine Panik. Käfig verlassen unmöglich. Noch eine Armlänge. Dann geht alles sehr schnell …
Dabei fing der Tag des Abenteuers Haitauchen so beschaulich an.

8 Uhr. Henkersmahlzeit
Frühstück im Weißen Haus, wo Taucher wohnen können. Das "Great White House" ist schlicht, weiß gestrichen und wirkt in dem Fischerdörfchen Kleinbaai ("Haifischhauptstadt der Welt") tatsächlich groß. Hier am südlichsten Zipfel Afrikas, wo sich Atlantik und Indischer Ozean vereinen, wo das nächste größere Landstück schon die Antarktis ist.

8 Uhr 30. Einweisung
Ob unsere Haisafari denn auch wirklich sicher sei, fragt jemand den Guide vorsichtig. "Bis jetzt haben wir noch jeden wieder heil an Land gebracht", versichert Piet, ein sonnengebräunter Bure mit schulterlangem blonden Haar. "Und sollte es doch mal zu einer Haiattacke kommen, keine Panik und nicht bewegen. Und auf keinen Fall den Käfig verlassen."

9 Uhr. Mutprobe
Soll das wirklich unser Boot sein? In dieser winzigen Stahlschüssel quer durch die haiverseuchte Gänsebucht? Mit fünf Metern ist dieser schwimmende Sarg kleiner als jeder mittelprächtige "Great White". Kein Beiboot, nur Rettungswesten. Was sollen die denn nützen? Ob wir die "Queen Mary" erwartet hätten, fragt der Sunnyboy grinsend. Okay, okay. Abenteuerurlaub eben. Eine frische Brise pfeift uns um die Ohren, die See ist aufgewühlt, doch die Sonne scheint. Immerhin.

9 Uhr 30. Robben
Nach einer halben Stunde werfen wir zwischen Dyer Island und Geyser Rock die Anker. Im Nu ist beißender Gestank in der Nase. "Robkak", erklärt Piet in Afrikaans. 50 000 südafrikanische Seebären begraben den kahlen Geyser Rock unter einer Schicht aus Exkrementen. Gleich nebenan, auf Dyer Island, produzieren unzählige Brillenpinguine und Kormorane ihren Mist.
Die Seebären, auch Pelzrobben genannt, sind wegen der Pinguine da. Und die weißen Haie wiederum wegen der Robben. Das ewige Spiel der Natur: fressen und gefressen werden. In dieser Dichte jedoch eine weltweit einzigartige Konstellation. Meeresbiologen vermuten allein in der Gänsebucht bis zu 200 Große Weiße.

9 Uhr 40. Pinguine
Wir liegen in der sogenannten Shark Alley, der Haiallee, die zwischen den beiden Inseln verläuft. Die Rinne ist sechs Meter tief, etwa hundert Meter lang. Nirgendwo soll es mehr Große Weiße an einem Fleck zu sehen geben.

Hunderte Brillenpinguine kehren jetzt vom Fischzug zurück. Und je näher sie zum rettenden Eiland kommen, desto schneller schwimmen die possierlichen Vögel. Sie wissen, warum. Schon kreuzt eine Gruppe Pelzrobben ihre Bahn. Die Jagd hat begonnen. Immer wieder schnappt eine Robbe zu. Ein gezielter Biss ins Genick, anschließend wird der Vogel durch die Luft geschleudert, bis das Rückgrat bricht. 20 unendliche Minuten währt dieses Gemetzel.

10 Uhr. Haiattacke
Der Weiße schießt fast senkrecht aus der Tiefe, nur einen Steinwurf von unserem Boot entfernt. Ein klassischer Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt. Wie Stahlkrallen packen die gewaltigen Kiefer zu und schleudern die Fünf-Zentner- Robbe meterweit durch die Luft. Hunderte fein gezackte Dolche bohren sich erneut unerbittlich in den prallen Leib und zerreißen ihn. Es gibt kein Entrinnen. Das Opfer ist dem Tode geweiht. Der "Killer" hat zugeschlagen. Und ist ein Wunderwerk der Evolution. "The Great White" gilt unter Forschern als das perfekte Raubtier schlechthin: Seit zehn Millionen Jahren steht der "Carcharodon carcharias" genetisch nahezu unverändert an der Spitze der maritimen Fresspyramide. Kein Meeresbewohner legt sich mit ihm an. Kein ausgewachsener Hammerhai, kein Schwertwal. Der Weiße ist der größte fleischfressende Hai. Und spätestens seit Steven Spielbergs Kinostreifen "Der Weiße Hai" auch berüchtigt. Zu Unrecht. (siehe Kasten Seite R 2)

10 Uhr 01. Ungleicher Kampf
Es ist ein ungleicher Kampf. Die Robbe versucht im Todeskampf noch instinktiv, ihren übermächtigen Gegner an den Augen zu verletzen. Vergebens. Längst hat der Hai seine Augen nach innen verdreht. Ein Schutzmechanismus beim Zubeißen. Das unergründliche starre Blau ist einem gespenstischen Weiß gewichen. Mit lautem Krachen klatschen beide Tiere aufs Wasser. Mit einem einzigen Biss ist der pelzige Koloss schließlich zerteilt.

10 Uhr 02. Großes Fressen
Ein letztes Mal gleitet die markante Rückenflosse durchs blutgetränkte Meer. Dann taucht der Räuber ab in die dunkle Tiefe. Alle atmen tief durch. Es kehrt wieder Ruhe ein. Die Ruhe vor dem Sturm. Denn urplötzlich scheint die rote Suppe zu kochen. Tausende Kleinfische kämpfen um den Rest vom Schützenfest. Auch aus der Luft kommt Konkurrenz. Möwen stürzen kreischend nieder und hacken in den blutlosen Robbenschädel. Ein paar Minuten später ist alles vorbei.

10 Uhr 20. Kletterpartie
n einen Taucheranzug gezwängt, mit ein paar Stücken Blei am Gürtel und einer beschlagenen Taucherbrille vor den Augen, klettere ich ungelenk - die Aufregung - über die Bordwand auf das schaukelnde Käfigdach. Nicht ganz ungefährlich, wie ich finde. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Jetzt bitte nicht abrutschen, und schon gar nicht an aus dem Wasser schnellende Haie denken. Nur so schnell wie möglich durch die Luke in den anscheinend (oder doch nur scheinbar?) sicheren Käfig.

10 Uhr 30. Im Käfig
Piet reicht mir den Atemschlauch, die Pressluftflaschen bleiben an Bord. Ich stehe in dem Aluminiumkäfig, den Kopf knapp unter Wasser. Man muss kein Taucher sein, um an dieser Extremsafari teilzunehmen. Theoretisch könnte sogar ein Nichtschwimmer hinter Gittern. Theoretisch. Ertrinken ist ja praktisch unmöglich. Macht natürlich trotzdem keiner. Denn die Angst taucht mit.
Doch zunächst kein Hai weit und breit. Schließlich versucht die Crew, die Räuber zu locken. Füttern ist streng verboten. Ein Fischkopf von der Größe eines Spanferkels plumpst direkt vor mir ins trübe Wasser. Ein starkes Seil hält ihn in Sichtweite. Durch die Maske ist mein Gesichtsfeld stark eingeengt. Nichts passiert. Nur der Kadaver wippt an einer Miniboje auf und ab. Ich warte geduldig. Nach einer Viertelstunde wird es doch etwas kühl und ungemütlich im Käfig. Schließlich hat das Wasser gerade mal 17 Grad. Oben im Schiff haben sie anscheinend Mitleid mit mir. Piet und Crew kippen noch einen Eimer Blut mit Innereien über die Reling. Vielen Dank auch, Männer!

10 Uhr 50. Blickkontakt
Nichts passiert. Nach weiteren zehn Minuten ist mir so kalt, dass ich abbrechen will. Doch dann: Er kommt wie aus dem Nichts. Völlig lautlos. Im ersten Augenblick nur ein diffuser Schatten.
Die Sicht ist schlecht. Gerade mal neun, maximal zehn Meter. Im nächsten Moment erkenne ich mehr: ein kolossaler Brocken. Gewaltig. Majestätisch. Gruselig schön. An die fünf Meter lang, geschätzte anderthalb Tonnen schwer. Uns trennen nur noch sechs Meter. Er schwimmt direkt auf den Kadaver und mich zu. Leichte Schräglage. Eher langsam als schnell, aber unaufhaltsam. Fünf Meter. Blickkontakt.
Er fixiert mich mit starren Augen. Ich schaue in ein aufgerissenes Maul, bestückt mit unendlich vielen spitzen Zähnen. Ein hungriges Maul. Ein gieriges Maul. Stark genug, mich mitsamt Metallgerippe zu zerlegen. Dieser Gedanke kommt spät. Zu spät. Käfig verlassen? Jetzt unmöglich. Bloß keine Panik! Nur noch drei Meter. Zwei Meter. Der Puls rast. Also, es kann nicht wirklich schön sein, bei lebendigem Leib gefressen zu werden...

11 Uhr 06. Showdown
Dann geht alles rasend schnell. Blitzartig schnappt der Weiße zu, hat die Crew oben an Bord überrumpelt, die den Fischkopfköder eigentlich wegziehen sollte. Der Kadaver verschwindet im Maul, ich höre die Schädelknochen brechen. Der Hai will abdrehen. Doch das dicke Hanfseil hält den Jäger.
Jetzt wirft der Große Weiße seinen Kopf samt Körper hin und her. 1500 Kilogramm Muskeln schleudern meinen Käfig gegen den Schiffsrumpf. In meinen Ohren hallt ein metallisches Krachen. Wieder und wieder trifft mich die volle Breitseite der Fressmaschine. Eine unbändige physische Kraft ist zu spüren. Ich werde von einer Seite zur nächsten geworfen. Kann mich nicht mal an den Gitterstäben festhalten, da entweder Hai oder Bootsrumpf meine Finger zermalmen würden.

11 Uhr 07. Der Sieger
Längst ist das Gefühl für Zeit und Raum verloren. Die bange Frage: Wie lange hält dieser afrikanische Hühnerkäfig das aus?
Doch dann ist mit einem Schlag alles vorbei.
Ein kurzer Knall, das Seil zerfetzt. Und der Sieger dreht gemächlich ab. Lautlos, unaufhaltsam. Majestätisch. So wie er gekommen ist.

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