Werdenfelser Land : Das Parfüm der Fichte

Auf Winterwanderungen im Werdenfelser Land lernen Besucher den Wald mit allen Sinnen kennen.

Monika Hippe
Werdenfelser_Land
Ein beschauliches Stück Oberbayern im Schatten des Zugspitzmassivs. -Foto: Mauritius

Die Fichte hat Pickel. Man spürt sie mit geschlossenen Augen am besten: Sie kitzeln in den Handflächen. Es ist nicht die Sorte, die man am liebsten ausquetschen würde; man will sie eher abkratzen; die Stellen sind rau und schrunzelig, wie die Gipfel des Wettersteingebirges. Das Nachbarbäumchen ist ebenfalls noch in der Pubertät, seine Haut glänzt fettig. Doch wer die Nase in die weichen, hellgrünen Nadeln drückt, riecht seinen Duft. Es hat schon fast das Parfüm einer erwachsenen Fichte. Wie unterschiedlich sich Bäume anfühlen, wie sie riechen und was passiert, wenn man schweigend durch das Dickicht läuft, erleben Urlauber an diesem Tag im Wald oberhalb von Klais im Werdenfelser Land zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald.

Franz Schropp ist Bergführer mit Neigung zum Sinnlichen. Bei seinen Erlebniswanderungen brauchen die Teilnehmer Augen, Ohren, Nase und Hände. „Es gibt drei verschiedene Typen von Wanderern“, sagt Franz. Er schaut auf seine Armbanduhr und rennt los – den Blick auf die Schnürsenkel geheftet. Nach zehn Metern dreht er um: „Das war der Eilige, der gar nicht mitbekommt, dass er durch einen Wald läuft!“ Dann kniet er nieder und gräbt im Schnee; tut so, als entdecke er ein Kleeblatt, streichelt es und lässt die Augen nicht mehr von ihm.

Er steht wieder auf, klopft sich den Schnee von den Knien. „Wir wollen einen Mittelweg finden, zwischen unaufmerksamem Wandern und überdimensionalem Blümchengehabe“, sagt Franz und lacht. Dann fordert er die Gruppe auf, zehn Minuten schweigend durch den Wald zu gehen, ihn dabei zu betrachten, zu riechen und zu hören. Unterwegs sammeln die Urlauber Zutaten für einen Schneemann: zupfen Buchenblätter von den Zweigen, graben moosbewachsene Steine aus. Niemand spricht dabei, man hört nur, wie der Schnee unter den Schuhsohlen knirscht, die Blätter rascheln oder wie jemand die klare Winterluft einsaugt.

Franz wurde in Klais geboren, einem idyllischen Ort zwischen Wetterstein- und Karwendelgebirge, wo „Lüftlmaler“ die Häuser bunt verziert haben, wo die über 400 Jahre alte Kapelle ihren Zwiebelturm vor schneebedeckten Bergen in den blauen Himmel reckt; wo junge Burschen in Trachten regelmäßig auf Heimatabenden schuhplatteln. Und wo damals Bruno der Bär durchtrottete. Er muss ein paar hundert Meter am Haus von Franz’ Tochter vorbeigestrichen sein. Die Kaninchen im Garten stellten die Ohren auf und hielten inne. Franz nahm an diesem Pfingstsonntag vorsichtshalber einen belebteren Wanderweg nach Mittenwald in die Kirche.

So innig, wie Franz mit seiner Heimat verbunden ist, so gut kennt der ehemalige Zimmermann auch das kleine verträumte Schloss (das eigentlich keines ist) auf der Waldlichtung am Kranzbach, in dem seine wandersinnigen Gäste wohnen. Mit Treppengiebeln, Schornsteintürmchen und rot-weiß gestreiften Fensterläden wirkt das Haus wie aus Schottland importiert. Die adelige Britin Mary Portman ließ Schloss Kranzbach Anfang des 20. Jahrhunderts bauen. Sie war als Geigerin in Künstlerkreisen bekannt – irgendwie auch mit Virginia Woolf, sagt man. Heute ist „Das Kranzbach“ ein Wellnesshotel, eingerichtet in einem eigenwilligen Stil, der Mary Portman vermutlich gefallen hätte: Hotelgäste sitzen im „Pfauenraum“ auf einer quietschtürkisfarbenen Ledercouch am Kamin oder hocken unter überdimensionalen Schreibtischlampen auf lila und silberfarbenen Sitzkugeln. In einigen Zimmern zieren dicke Hummeln oder Schmetterlinge die Tapete.

Franz hat alle Zeiten des Schlosses miterlebt. „Als Kinder haben wir viel Respekt davor gehabt und trauten uns nicht einmal in die Nähe“, erzählt er. Erst später, als es von der evangelische Kirche als Freizeitheim für Jugendliche betrieben wurde und Mädchenklassen anreisten, schlich Franz mit seinen Freunden heimlich um die Gemäuer. Inzwischen betreut er die Gäste des Kranzbach seit vielen Jahren als Bergführer und Skilehrer – wie einst sein Vater. Außerdem besitzt er eine eigene Skischule in Mittenwald.

Im Winter wandern die Gäste mit Schneeschuhen oder gehen auf Langlauftour durch die weißen Märchenwälder. Die Loipe beginnt direkt vor der Haustür am Eingang zum Naturschutzgebiet. Dort baut die Gruppe jetzt aus Schneekugeln, Tannennadeln, Zweigen und Steinen kleine Kunstwerke: Urmel aus dem Eis, einen Waldschrat und eine Schneefrau.

Ein paar Fichten weiter gibt der Wald den Blick auf das Wettersteingebirge frei. Dort stapfen die Kreativen mit den Schuhen ihre Namen in die jungfräuliche Schneedecke und entdecken, wie viel Spaß es macht, mal wieder Kind zu sein. Dann kramt Franz Malblöcke und Stifte aus seinem Rucksack. Die Finger sind schon etwas klamm, doch sie werden mit jedem Strich wärmer. Kaum einer von der Gruppe hat je eine Bergsilhouette gezeichnet und die mehr oder weniger geglückten Ergebnisse bringen alle zum Lachen.

Später dann streichelt warmes Salzwasser die Haut. Die Gäste entspannen im dampfenden Outdoor-Solebecken des Hotels. Über den Bergen leuchten die ersten Sterne. Manch einer wandert mit den Augen noch mal die Gipfel ab, die er zuvor gemalt hat. Die Bäumchen darunter am Hang sind jetzt in Dunkelheit getunkt und kaum noch zu erkennen. Doch in der Nase haftet noch immer das würzige Parfüm der kleinen Vormittagsfichte.

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