Reise : Wie es den Zaren gefiel

Bernsteinzimmer und Schinkel-Kapelle: Auch preußische Spuren finden sich in den kaiserlichen Schlossanlagen rings um St. Petersburg

Bernhard Schulz

Die gängige Ansicht über den Klimawandel findet in St. Petersburg keine Bestätigung. Mitte April zeigt sich die Natur noch von spätwinterlicher Seite. Die Sonne scheint bisweilen, doch nur bei einstelligen Temperaturen. Wenn’s aber regnet, lässt die kalte Nässe nichts verlockender erscheinen, als sofort in einem der zum Glück zahlreichen Cafés einzukehren.

Hervorragend eignet sich dafür das ehemalige „Haus des Buches“ am Newski-Prospekt, heute eine private Buchhandlung. Im Obergeschoss ist ein Café abgeteilt, das den schönsten Blick auf die gegenüberliegende Kasaner Kathedrale gewährt. Ebenfalls am Newski-Prospekt, vor dem zur Shopping Mall sanierten Handelshof, kann man die Ausflugsfahrten zu den Zarenschlössern der Umgebung buchen, die diesmal das Ziel unserer Reise sind. Die Ausstellung „Macht und Freundschaft“ im Berliner Martin-Gropius-Bau hatte uns neugierig gemacht auf jene Epoche, da die Beziehungen zwischen den Herrscherhäusern Russlands und Preußens so eng wie nie waren und die Baukunst in beiden Ländern verwandt.

Statt in einen der klimatisierten Touristenbusse zu steigen und uns mit strengem Zeitplan herumführen zu lassen, tun wir es den Einwohnern der stolzen Stadt gleich und fahren mit der Metro zu einem der Verkehrsknotenpunkte, von wo die wie motorisierte Bienen ausschwärmenden Kleinbusse mit dem schönen Namen „Marschrutka“ abfahren. Man stellt sich an nicht immer klar erkennbaren Haltepunkten auf, versucht eiligst die Schilder der herannahenden Kleinbusse zu entziffern – und reißt, so man fündig geworden ist, die Schiebetür auf, um für 40 oder 45 Rubel (umgerechnet etwa 1,30 Euro) zu den berühmten Schlossanlagen zu fahren.

Erstes Ziel ist natürlich Zarskoje Selo, das „Zarendörfchen“, wie es in falscher Herleitung genannt wird. Tatsächlich geht der Name auf eine finnische Ortsbezeichnung zurück. Die weitläufige Anlage im Süden St. Petersburgs fiel den deutschen Besatzern zum Opfer; was heute zu besichtigen ist, verdankt sich jahrzehntelangem Wiederaufbau.

Das gilt auch für den berühmtesten Raum – das Bernsteinzimmer – im herrlichen Katharinenpalast, der 1752 vom damaligen Hofarchitekten Rastrelli im üppigen Barockstil für die Zarin Elisabeth, jüngere Tochter von Zar Peter I. und Kaiserin Katharina I., erbaut wurde. Elisabeth benannte den Palast zu Ehren ihrer Mutter, der das Anwesen gehörte. Die aus dem Duodez-Fürstentum Anhalt-Zerbst stammende Zarin Katharina II., „die Große“, ließ das Innere später vom Schotten Charles Cameron nach ihrem klassizistischen Geschmack umgestalten.

Was für diplomatische Verwicklungen ranken sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs um den rätselhaften Verbleib des Bernsteinzimmers! Gewiss ist es ein Wunderwerk, das sich nach jahrelanger, von der Essener Ruhrgas AG finanzierter Neuschöpfung wieder in einem mittelgroßen Raum der endlos scheinenden Saalfolge befindet. Doch sind nicht alle Räume im Palast wahre Wunderwerke? Zwei, drei Aufseher wachen im Bernsteinzimmer über die Einhaltung des Fotografierverbots, als ob es sich um geheimste Militäranlagen handelte. Ehrfürchtig schieben sich die Besuchergruppen in den Raum, und wer die Geschichte dieser Raumdekoration – 1716 als Geschenk des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. an seinen russischen Kollegen Zar Peter – kennt, sucht vielleicht die in den glattpolierten Bernsteinen verborgenen Initialen des Königs. Das Zimmer befand sich ursprünglich im Winterpalais und wurde um 1770 in den Katharinenpalast eingebaut.

Dieser ist in seinem leuchtenden Blau typisch für den „russischen Barock“, den der Italiener Domenico Quarenghi im 18. Jahrhundert für die aristokratische Architektur St. Petersburgs verbindlich gemacht hatte. Dazu findet sich im wahrlich bescheidener dimensionierten Preußen keine Entsprechung. Wohl aber für den Klassizismus, der im späten 18. Jahrhundert Einzug hielt.

Nur wenige Kilometer von Zarskoje Selo – das in allen Fahrplänen immer noch mit dem politisch unverfänglichen Namen „Puschkin“ bezeichnet wird – entfernt liegt Pawlowsk, benannt nach Zar Paul I., der das waldreiche Areal von seiner Mutter Katharina zum Geschenk erhalten hatte. Der Architekt Cameron, auch in Zarskoje Selo tätig, schuf den Großen Palast mit seinem markanten Kuppelaufsatz. In dem von Seitenflügeln gefassten Ehrenhof steht das 1872 aufgestellte Denkmal Pauls I. : in preußischer Uniform! Der bedeutendste Bau inmitten des englischen Parks ist der gleichfalls von Cameron entworfene Freundschaftstempel, ein säulengefasster Rundbau, malerisch hingegossen in ein Tal mit gewundenem Bachlauf.

Der Weg dorthin von der Eisenbahnstation ist weit; besser, man nimmt ein „Marschrutka“ und lässt sich am Großen Palast absetzen. Das klassizistische Bahnhofsgebäude indessen stimmt bestens auf den Park ein. Schließlich wurde die Bahnlinie, die vom Witebsker Bahnhof in St. Petersburg – 1904 in schönstem Jugendstil errichtet – hierherführt, 1837 als erste russische Eisenbahn eröffnet. 50 Rubel kostet der Eintritt am Parkeingang, ausländische Besucher zahlen das Doppelte.

Anderentags bietet sich ein Ausflug zu den beiden westlich gelegenen Residenzen an: Peterhof und Lomonossow, das einstige Oranienbaum. Der Weg nach Peterhof führt viele Kilometer lang durch Plattenbausiedlungen, die Schlafstädte der Metropole. Es heißt aufpassen, wenn Peterhof in Sicht kommt. Man ruft dem Fahrer seinen Haltewunsch zu, und das war’s.

Prachtvoll ist der Weg durch die Buchsbaumalleen zum Großen Palast mit seinen geschwungenen Dächern, ein Werk des Architekten des Winterpalastes, Bartolomeo Francesco Rastrelli. Die Anlage ist frisch restauriert, die gelbe Farbe leuchtet, die Kuppel der Palastkirche gar in blendendem Gold. Dieser Tage werden die berühmten Kaskaden auf der Meeresseite wieder in Betrieb gesetzt, dann empfiehlt sich die Anfahrt mit dem Tragflächenboot ab Anlegestelle Winterpalais.

Weit laufen muss, wer die gotische Kapelle in Augenschein nehmen will, das einzige Werk Karl Friedrich Schinkels auf russischem Boden. Sie befindet sich im angrenzenden Alexandra-Park. Den gewaltigen Gitterzaun, der die beiden Parks voneinander trennt, hatte unser Reiseführer nicht verzeichnet: So mussten wir lange suchen, bis sich irgendwo ein Türchen auftat. Die Kapelle selbst ist neogotischer Export; so viel zur europaweiten Verbreitung von Stilformen.

Schön, dass die Denkmalpflege auch Oranienbaum erreicht hat: Der Große Palast, auf einer Anhöhe thronend, ist vollständig eingerüstet, und sogar die Dachstühle der Seitenflügel werden komplett neu gezimmert. Strahlend präsentiert sich dafür der eigenwillige Zentralbau mit dem Namen Rutschberg. Die sportlicheren Mitglieder des Hofes pflegten seit Katharinas Zeiten von einem eigens angelegten Hügel hinunterzurodeln, während die übrige Gesellschaft vom Lustschlösschen aus zuschaute. Knallblau hebt sich das Bauwerk gegen seine tannendunkle Umgebung ab und harmoniert prächtig mit dem Himmel, der sich just bei unserem Besuch wolkenlos zeigt. Den Weg zum Chinesischen Palast, einem weiteren Juwel vor allem dank seiner original erhaltenen Innenausstattung, müsste man zu dieser Jahreszeit, im Frühjahrsmatsch, besser mit Gummistiefeln zurücklegen.

Vier Schlossanlagen lassen sich ohne Weiteres binnen zweier Tage erkunden. Kleingeld ist allerdings vonnöten: Der Eintritt kostet pro Palast für den Ausländer – und glaube keiner, er täusche den geschulten Blick der Aufseherinnen! – 520 Rubel, glatte 15 Euro. So kommt ein Ausflug auf eigene Faust kaum billiger als ein organisierter Transport ab Newski-Prospekt. Doch auf sich gestellt, bleibt einem alle Zeit der Welt. Und die Eremitage, das Ziel aller Touristen, kann man, bitte schön, auch im Winter erkunden.

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