Reise : Wo ein Kuss töten kann

Im Spy Museum in Washington tauchen Besucher in die Welt der Geheimdienste und dürfen selbst als Spitzel arbeiten

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Mata Hari darf in einem Spionagemuseum nicht fehlen. Neben den ausgestellten Mordinstrumenten macht sie sich optisch sehr gut. Foto: laif
Mata Hari darf in einem Spionagemuseum nicht fehlen. Neben den ausgestellten Mordinstrumenten macht sie sich optisch sehr gut....Foto: ANDREW COUNCILL /The New York Ti

Gestatten, Dimitri Iwanow. 48 Jahre alt, Fischer aus Kirow in Russland, zu Besuch in Boston – für fünf Tage bei Verwandten. Soweit die Legende. Eine solche muss annehmen, wer das Spy Museum in Washington, DC, betritt. Gleich am Eingang heißt es: neue Identität aussuchen, auswendig lernen und einchecken in die Welt der Spitzel und Spione. Erster Einsatz: auf Fotos verdächtige Gestalten mit Koffern und Handy am Ohr enttarnen, Wanzen finden oder Briefe dechiffrieren, die mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurden. Was am Anfang noch nach drolliger Mischung aus Schlapphut-Memory und Chemiebaukasten aussieht, wird schnell realer und beklemmender – spätestens mit dem „Kiss of Death“, der Lippenstiftpistole einer Sowjetagentin aus den Sechzigern. Und dem bulgarischen Schirm mit vergifteter Spitze. Er wurde dem Dissidenten Georgi Markow 1978 an einer Londoner Bushaltestelle ins Bein gerammt, so dass er daran starb. Überraschende Erkenntnis angesichts dieser Exponate: Es gibt nicht nur diesen schrulligen Filmopa namens Q, der für James Bond Fantasiewaffen baut, sondern offenbar ganz viele solcher Todestüftler!

Noch gebannt vom Killerkuriositätenkabinett in den Vitrinen ruft die Pflicht. Der Besucher alias Spion Iwanow muss einen Auftrag entgegennehmen, sich diesen genau einprägen (wird später abgefragt!) und dann in der Lobby des fiktiven Royal Hotels einen geheimen Kurier enttarnen – per Video am Bildschirm. Nach vielen Fehlversuchen schließlich der richtige Mausklick auf den unauffälligen Mann mit Zeitung unterm Arm. „Schärfen Sie Ihre Sinne, das muss schneller gehen“, mahnt der unsichtbare Spionenausbilder am Ende des Übungsfilms. Dermaßen angestachelt schleichen viele Nachwuchsagenten weiter durchs Spy Museum, auf der Suche nach genialen Tricks und Vorbildern, finden aber nur die Trottel vom (Geheim-)Dienst: Henry Cabot Lodge etwa, ein durchaus mit Spitzeln vertrauter Mann, US-Botschafter seines Zeichens in Moskau 1946, ließ sich von russischen Schülern ein liebevoll geschnitztes US-Wappen in Pizzagröße überreichen, stellte es stolz auf seinen Schreibtisch und merkte erst sechs Jahre später, dass darin eine Wanze eingebaut war.

Ja, solche Räuberpistolen begeistern die Besucher im wuchtigen dreistöckigen Backsteingebäude, das in Washingtons F-Street schräg gegenüber vom Amtssitz des FBI liegt und früher mal eine kommunistische Parteizentrale war. Vielleicht fühlt sich Oleg Kalugin deshalb hier so wohl. Als KGB- General soll er den Regenschirmmord an Dissident Markow befohlen haben. Heute ist Kalugin einer der beiden führenden Köpfe des Spy Museums. Der andere heißt Peter Earnest und war 36 Jahre lang CIA-Agent. Zwei ehemals feindliche Spione nun in friedlicher Koexistenz? Nicht ganz, denn das Wettrüsten geht weiter, nämlich in der Frage, woher mehr Ausstellungsstücke kommen. „Der Warschauer Pakt liegt vorn“, sagt Thomas Borghardt, der 41-jährige deutsche Museumskurator aus Grevenbroich, „arbeitslose Ost-Agenten brauchen offenbar harte Dollar und verscherbeln manche Requisite aus vergangenen Tagen.“ Dollar hat Milton Maltz reichlich, der spionageverrückte und millionenschwere Finanzier des Museums, der bereits die Rock’n’Roll-Hall of Fame in Cleveland möglich machte.

Vorbei an James Bonds Aston Martin mit allerlei bedrohlich ausfahrenden Schießprügeln geht es auf den Geschichtsboulevard des Spy Museums. Ein Flur mit Themenzimmern vom trojanischen Pferd über spionierende Tauben bis hin zum „Vorhof der Hölle“ – einem düsteren Gruselkabinett, in dem Felix Dzerschinski unter den gestrengen Augen Lenins soeben den Vorläufer des KGB gründet. Motto: „Wir stehen für organisierten Terror.“ Spätestens hier wird klar: Dies ist ein zutiefst patriotisches und parteiisches Museum, mit der Sichtweise aus einem Fort im US-Western: Die Guten drinnen bekämpfen die Bösen draußen. Erst britische und spanische Kolonialherren, dann Nazis und Kommunisten, Castro und Saddam. Kein Wort davon, dass sich US-Geheimdienstler weltweit die Finger schmutzig machen, wenn sie putschende Diktatoren oder verbrecherische Untergrundkämpfer unterstützen. Und das Totalversagen von CIA & Co im Vorfeld der Terroranschläge von 2001 wird watteweich verpackt: Spionage stehe im 21. Jahrhundert mit dem radikalen Islamismus vor ganz neuen Herausforderungen, heißt es da, man müsse mehr vorbeugend und nicht nacharbeitend agieren.

Wie das geht? Natürlich top secret, streng geheim. Hoffentlich sind heutige Methoden etwas origineller als die von Colonel Norris im Zweiten Weltkrieg: Er forderte Kinobesucher per Werbespot auf, ihre Urlaubsfotos an den Geheimdienst zu schicken – es könnte ja was Verdächtiges darauf zu entdecken sein. Immerhin, den Agentenkrieg gewonnen haben die Amerikaner mit Hilfe von Indianern und Hollywood, dokumentiert das weltgrößte Spionagemuseum. Die in Europa kaum bekannte Sprache der Navajos funktionierten sie zu einem Geheimcode um, und John Chambers, der mit einem Oscar dekorierte Erfinder der Spock-Ohren entstellte offenbar auch US-Agenten bis zur Unkenntlichkeit.

Auch solcherart Verkleidung würde jedoch Spionneuling Dimitri Iwanow gegenwärtig nicht vor Enttarnung retten: Vergesslich und nachlässig sei er, schimpft der unsichtbare Ausbilder am letzten Prüfungs-PC des Museums. Die Geheimaktion wäre um ein Haar aufgeflogen, nur in letzter Minute habe Iwanow von einem Spezialkommando gerettet werden können.

Also ab zum Nachhilfeunterricht bei richtigen Spionen: Carol und John Bessette, zwei ausgesprochen bieder aussehende Ex-CIA-Agenten mit Kassenbrille und Karopulli, zeigen auf ihrer Tour durch Washington, an welchem Briefkasten Doppelagent Aldrich Ames Kreidezeichen hinterließ, damit seine russischen Partner Informationen einwerfen, erzählen, dass im heutigen Asia Imbiss „Wok’n’ Roll“ an der H-Street die Ermordung von US-Präsident Lincoln konspirativ geplant wurde und predigen ansonsten das Mantra der rund 3000 Spione in Washington: Der Schein trügt. Glaube niemals, was du siehst ...

International Spy Museum (800 F-Street), Metro-Station Gallery Place, nahezu täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt 18 Dollar, Kinder bis elf Jahre zahlen 15 Dollar. Internet: www.spymuseum.org, Telefon: 001 / 202 / 393 77 98

Die Spiontouren in Washington dauern bis zu zweieinhalb Stunden. Die Teilnahme kostet zwölf Dollar. Mehr Informationen im Internet unter wwwspiesofwashingtontour. com oder telefonisch bei Carol Bessette 001 / 703 / 569 18 75

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