Reise : Wodka unterm Walnussbaum

Frage an Radio Eriwan: „Gibt es in Armenien mehr Humor als anderswo?“ – „Im Prinzip ja. Aber wir haben ihn auch bitter nötig.“

Schon als Kind haben mich Radio-Eriwan-Witze begeistert. Ich hatte keine Ahnung, wo Eriwan liegt, aber doch eine ziemlich genaue Vorstellung vom Land und seinen Menschen: Nichts funktioniert, wie es soll, keiner arbeitet, wie er muss, aber alle sind frech und gut gelaunt. Ich wurde älter, begriff politische Hintergründe, das Land machte Schlagzeilen mit Unruhen und Erdbeben – mein Armenienbild verdüsterte sich, bis zu einer Art postsozialistischem Herz der Finsternis. Niemand lässt sich gern seine Kindheitsträume kaputt machen. Vielleicht war ich deshalb so begeistert, endlich selbst hinfahren zu können, mir ein Bild aus erster Hand zu machen. Nun stehe ich auf dem Opernplatz, im Herzen Eriwans – und bin nicht sicher, was ich von der Stadt halten soll. Sie ist grün, voller Bäume und Cafés. Leicht bekleidete Menschen genießen die Frühlingssonne. Auf Schildern und Plakaten ist die Schrift mal armenisch, mal kyrillisch, mal lateinisch – niemand hat anscheinend mit diesem Gewirr ein Problem. Am Horizont wachsen Baukräne neben sozialistischen Wohntürmen in den Himmel, rostige Ladas parken vor schicken Boutiquen. „Die Stadt verändert sich rasend schnell“, sagt mein Bekannter. „Bald sieht sie aus wie jede beliebige Großstadt und hat mit dem Rest des Landes kaum noch etwas zu tun. Du willst Armenien entdecken? Dann musst du aufbrechen, in die Provinzen.“

„Kann man als guter Kommunist auch ein guter Christ sein?“ – „Im Prinzip ja. Aber warum wollen Sie sich das Leben doppelt schwer machen?“

Etschmiadsin, die historische Hauptstadt Armeniens, liegt nur zwanzig Kilometer von Eriwan entfernt – doch die Fahrt im öffentlichen Bus dauert fast eine Stunde. Die Straßen sind übersät mit Schlaglöchern, und der Bus hat seine beste Zeit lange hinter sich. Über meinem Sitz mahnt ein Schild auf Deutsch: „Schwarzfahren kostet 40 DM.“ Doch die Fahrt lohnt sich: Die Kathedrale von Etschmiadsin, mit ihren fantastisch bunten Fresken und Holzschnitzereien, steht zu Recht auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco. Hier schlägt das religiöse Herz des Landes, zu jeder Tageszeit ist die Kirche voll von Menschen, die beten, Kerzen entzünden und Ikonen küssen. Seit dem Jahr 301 ist das Christentum in Armenien Staatsreligion, so lange wie in keinem anderen Land der Welt. Und Glaube bedeutete immer: Widerstand, egal ob gegen muslimische oder sozialistische Besatzer.

Im Kloster Geghard spürt man diesen Widerstand noch deutlicher. Es steht wie Etschmiadsin auf der Unesco-Liste, aber ist noch beeindruckender: Tief hat man Altarräume, Refektorien, Grabkammern in die Steilwand einer Schlucht gehauen, die Fenster klein, die Wände meterdick – eine Trutzburg des Glaubens, uneinnehmbar für jeden Feind. In den feuchtkalten Räumen herrscht eine düstere, fast gruselige Atmosphäre – umso mehr, als hier nach wie vor Mönche leben und arbeiten.

„Kann man in Armenien sein Leben in vollen Zügen genießen?“ – „Im Prinzip ja. Aber es kommt auf die Bahnstrecke an.“

Mein Bekannter hatte mich gewarnt: „Zug fahren in Armenien? Bloß nicht!“ Ich wollte nicht auf ihn hören. Ich liebe Züge, hasse Busse; und dass diese Rumpelbahn für sechzig Kilometer tatsächlich drei Stunden brauchen würde, mochte ich bis zum Schluss nicht glauben. Endlich bin ich angekommen. Am Sewansee, auf zweitausend Metern Höhe einer der größten Hochgebirgsseen der Welt. Vor hundert Jahren war er noch größer und lag noch etwas höher – doch dann brach die Zeit der Utopien aus. Man grub Tunnel und Kanäle, um aus dem abfließenden Wasser Strom zu gewinnen. Man legte Land trocken, um Promenaden zu pflastern und Walnussbäume zu pflanzen. Man setzte immer neue Fischarten aus, um die Fangmengen zu vervielfachen... Von so viel visionärer Kraft hat sich der See bis heute nicht erholt. Das Kloster Sewanawank, früher auf einer Insel, liegt nun auf einer Halbinsel. Die Sewanforelle, früher eine Spezialität der Region, ist so gut wie ausgestorben. Von Walnussbäumen keine Spur, statt Promenaden Sümpfe. Der Blick schweift über dieses ökologische Desaster und man begreift: Die vielen „Radio Eriwan“-Witze sind auf dem Humus echter Armut, Verzweiflung, Unterdrückung entstanden, die sind nicht einfach bloß Spaß.

„Können Sozialisten den Sozialismus aufbauen?“ – „Im Prinzip ja. Aber haben Sie schon einmal einen Zitronenfalter gesehen, der Zitronen falten kann?“

Weiter geht die Fahrt, jetzt in einer Maschrutka – einem Minibus, wie sie in Armenien fast jedes Dorf anfahren. Die Strecke führt gen Osten, über schneebedeckte Pässe, durch Dörfer, in denen die Zeit nicht stillsteht, sondern rückwärts zu laufen scheint. Wasserleitungen? Durchgerostet. Strommasten? Umgeknickt, ohne Kabel. Stillgelegte Fabriken rotten vor sich hin, und immer wieder Schlaglöcher, Schlaglöcher, Schlaglöcher. Trotzdem macht die Fahrt Spaß, was vor allem an den mitreisenden Armeniern liegt. Über alle Sprachbarrieren hinweg kommen Unterhaltungen zustande, die Armenier sind unglaublich gastfreundlich und hilfsbereit – trotz allgegenwärtiger Armut ist das Land für Besucher sehr sicher. Gefährlicher Kaukasus? Nicht hier.

Armenien ist ein kleines Land, kaum größer als Brandenburg. Trotzdem sind die Reiserouten nicht immer kalkulierbar. Eines Abends lande ich als einziger Gast in einem heruntergekommenen Motel in Arpi, unweit der iranischen Grenze – wegen Motorschadens war kein Weiterkommen. Der übermüdete Besucher wird zur Attraktion, man tut alles, um ihn mit Kaffee, Bier und Wodka bei Laune zu halten: „Wie ist das Leben in Berlin? Gibt es da viele Armenier? Was kostet ein Auto XY?“ Die Jugendlichen freuen sich, endlich ihr brüchiges Englisch ausprobieren zu können. „Ich bin DJ!“, sagen sie. „Ich bin Modemacher!“ „Ich bin Web-Designer!“ Und meinen damit ihre hoffentlich glänzende Zukunft im Westen.

„Trifft es zu, dass bei der Erstellung der Produktionsvorgaben auch Wodka getrunken wurde?“– „Glauben Sie ernsthaft, die Produktionszahlen wären im nüchternen Zustand zustande gekommen?“

In Stepanakert, Hauptstadt der selbst ernannten Republik Berg-Karabach, übernachte ich bei einer armenischen Familie. Wie überall in Armenien ist das Essen gut und reichlich, selbstverständlich wird auch Wodka eingeschenkt. Diesmal der gute Selbstgebrannte, Alkoholgehalt 80 Prozent. Ablehnen unmöglich. Ich darf auch nicht nur am Glas nippen, sondern muss es in einem Zug leeren, sonst lachen mich die Kinder aus. Und schon ist das Glas wieder voll. Der Alkoholkonsum mag in Armenien weniger exzessiv sein als in Russland – trotzdem ist Wodka täglicher Treibstoff. Man bekommt ihn überall angeboten, schon morgens an der Tankstelle. Die Armenier verstehen einfach nicht, wenn man das zweite oder dritte Glas ablehnt – hat denn das erste nicht geschmeckt? Je näher man Land und Leuten kommt, desto höher der Wodkakonsum – vor diesem Gesetz gibt es kein Entkommen. Einmal, in Goris, werde ich Zeuge seiner Herstellung, und das ist faszinierend, weil es so simpel ist: Ein Kessel, der den Getreidesud erhitzt. Ein Rohr, in dem das Destillat kondensiert. Eine Kanne, die den Wodka auffängt. Eine solche Vorrichtung steht in vielen Gärten.

„Wo sitzt eigentlich der Erfinder der Radio-Eriwan-Witze?“ – „Können wir nicht sagen. Aber er sitzt bestimmt.“

An diesem Punkt wird es Zeit für eine ernüchternde Wahrheit: „Radio Eriwan“ hat es so nie gegeben. Viele, vermutlich die meisten Witze sind gar nicht in Armenien entstanden, sondern in anderen Teilen des Ostblocks. Aber sie werden heute noch erzählt. Weil sie – leider oder zum Glück, je nachdem – auch das Leben im postsozialistischen Armenien ziemlich gut beschreiben.

Armenien ist eben mehr als bloß ein kleines Land am Kaukasus. Armenien ist ein Mythos, Symbol für den ewigen Kampf Davids gegen alle Goliaths dieser Welt. Letzte Frage: Lohnt sich Armenien als Reiseland? Im Prinzip ja. Aber man sollte Zeit mitbringen, Geduld, einen kleinen Sprachführer – denn wenn gar nichts mehr geht, erzählt ganz sicher irgendjemand einen Witz.

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