Wracktauchen vor Aruba : Das Geisterschiff

Der deutsche Frachter „Antilla“ wurde 1940 von seiner Besatzung vor Aruba versenkt. Heute dient das Wrack als Tauchrevier.

Marc Vorsatz
Überraschung! Muränen fühlen sich im Wrack der "Antilla" wohl, Taucher bleiben reserviert.
Überraschung! Muränen fühlen sich im Wrack der "Antilla" wohl, Taucher bleiben reserviert.Foto: Vorsatz

Es herrscht Ebbe, und angefressener Kruppstahl durchbricht bedrohlich die türkisfarbene See. Da liegt sie also, die sagenumwobene deutsche „Antilla“, gerade mal 700 Meter vor der Küste Arubas. Die Insulaner nennen sie nur das Geisterschiff. In ihm wohne das Böse, meinen sie. Selbst die Fischer machen lieber einen großen Bogen um das schlafende Schiff. Für Taucher und Schnorchler dagegen ist es eines der schönsten Wracks der gesamten Karibik. Einst war sie der ganze Stolz der Hapag (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft). Eines der modernsten Frachtschiffe seiner Zeit, ausgestattet mit einem revolutionären Hybridantrieb. Von der eigenen Mannschaft versenkt auf ihrer Jungfernfahrt in einen sinnlosen Krieg, der bis in die Karibik reichte…

Wir stoppen am Heck der „Antilla“. Thirza, unsere arubanische Tauchlehrerin mit holländischem Pass, taucht kurz ab, prüft die Strömung. Die kann tückisch sein im offenen Meer, insbesondere an einem wirklich großen Wrack. Gegen sie anzukämpfen wäre ein sinnloses Unterfangen. Das Boot ankert schließlich am Bug, wir checken unsere Ausrüstung ein letztes Mal und lassen uns rücklinks über die Bordwand gleiten, tauchen direkt in eine Wolke von friedlichen Gelbstreifengrunzern. Wie spielerisch uns dieser Schwarm aufnimmt, uns förmlich umschließt, um uns nur einen Augenblick später wieder zu entlassen.

Toll! Eine Echte Karettschildkröte schwebt gemächlich vorbei, scheint jedoch keinerlei Notiz von uns blubbernden Wesen zu nehmen. Ihre Aufmerksamkeit gilt wohl eher einem tonnenschweren Tigerhai, der elegant durch sein Revier gleitet. Wir lassen uns auf 16 Meter unter Null durchsacken. Die leichte Unterwasserströmung treibt uns unserem Ziel entgegen. Schon werden gigantische Konturen sichtbar, einer überdimensionalen Wand gleich. Dieser Koloss aus Stahl reicht vom Meeresgrund in 18 Metern Tiefe bis zur Wasseroberfläche – und dies auf der Seite liegend. Schnell erkennen wir Details.

Unzählige Gerüchte ranken sich um das Schiff

Die Reling, Seilwinden, Traversen, Rohre und Luken, die in geheimnisvolle Räume führen. Alles in erstaunlich gutem Zustand. Obwohl wir uns neben der „Antilla“ befinden, schauen wir direkt aufs Deck. Eine sehr irritierende Perspektive, wie sich insbesondere später, tief im Innern, noch herausstellen soll. Abgesehen von geschützten Bereichen ist der Bewuchs mit Algen und Polypen eher dürftig. Die tropischen Stürme im Herbst putzen das Schiff regelmäßig blank. Auch der Fischbestand ist überschaubar. Ein paar Karibische Halsbandsoldatenfische hier, ein paar Indigo-Hamletbarsche und Gelbschwanzschnapper dort.

Versenkt am 10. Mai 1940 vor Aruba. Der Frachter wurde 1939 in Dienst gestellt.
Versenkt am 10. Mai 1940 vor Aruba. Der Frachter wurde 1939 in Dienst gestellt.Foto: Vorsatz

Mittschiffs nimmt dann die Zerstörung deutlich zu. Überall deformierter und gebrochener Stahl, der sich plötzlich im Nichts verliert. Die „Antilla“ ist komplett auseinandergebrochen. Ein fast unwirklicher Anblick. Was müssen hier für gewaltige Kräfte am Werk gewesen sein?

Es ranken sich unzählige Gerüchte und Legenden um das Geisterschiff, seinen Untergang, das Auseinanderbrechen, seine angeblich geheime Ladung, Menschen, die dort auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Dabei wurden sowohl seine einzige Fahrt als auch die Versenkung penibel dokumentiert. Vom Kapitän der „Antilla“, von Ferdinand Schmidt, und von den holländischen Kolonialbehörden auf Aruba. Fakt ist, die „Antilla“ zerbrach erst 1953 im Sturm, das brennende Schiff sank am 10. Mai 1940, zwar mittschiffs schwer beschädigt, jedoch mit intakter Außenhülle. Doch was geschah davor?

Am 21. März 1939 läuft die 121 Meter lange E. S. „Antilla“ in Hamburg Finkenwerder vom Stapel, wird am 11. Juli fertiggestellt und sticht schon vier Tage später, am 15. des Monats, zu ihrer Jungfernfahrt in Richtung Karibik in See. E. S. steht für „Electro Ship“, denn der ultramoderne Hybridfrachter ist nicht nur mit zwei dieselbetriebenen Dampfturbinen, sondern auch mit einem Elektromotor der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft Berlin (AEG) ausgestattet. Nach Stationen in Curaçao, Kolumbien, Panama, Costa Rica, Guatemala, den USA und abermals Kolumbien überschlagen sich die Ereignisse.

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