Zakopane : Polnische Liebeserklärung

Zakopane in der Hohen Tatra wird von Einheimischen schon mal mit St. Moritz verglichen. Dabei eignet sich der Wintersportort eher für einen Familienurlaub

Beate Schümann
260876_0_2a824e1b.jpg

Der Ritter liegt mit dem Rücken am Boden. Völlig reglos. Sein dicker Bauch wölbt sich zu einer beachtlichen Erhebung, auf deren Kuppe Schnee glänzt. An seinem Wams zeigen sich alpine Faltungen bis ins Tal. Dünn ist der Hals, auf der Nase steht ein Gipfelkreuz. Die Legende besagt, der Ritter schlafe nur. Doch er werde, wenn Gefahr drohe, kämpfen und das polnische Volk verteidigen. „Ha, er ist noch nie für uns aufgestanden“, sagt Jurek Gasienica, der Skilehrer und Bergführer in Zakopane ist. „Obwohl wir schon öfter schlechte Zeiten hatten, sehr schlechte.“ Doch ein Ritter von der Statur des Berges Giewont tue sich eben schwer.

Jurek ist ein freundlicher, höflicher Mensch und durchaus für Scherze zu haben. Auch wenn sie manchmal etwas bitter klingen. Seit 20 Jahren betreut er Gäste der 30 000-Einwohner-Stadt am Fuße der Hohen Tatra. Drei Millionen kommen jedes Jahr. Vielleicht hat ihn die leidvolle Geschichte Polens, die er öfter erzählt, früh ergrauen lassen. Wenn er von seinem Land spricht, drückt er seine Fäuste fest gegen die Brust. „An den Ritter glauben wir nicht mehr“, sagt er lächelnd. „Für den Glauben haben wir in Zakopane sechzehn Kirchen und Kapellen.“

Zakopane war im 19. Jahrhundert ein eleganter Luftkurort, der ein eher wohlhabendes Publikum sowie Künstler und Literaten anzog. Heute setzt die höchstgelegene Stadt Polens auf den Wintersport. Und mancher vergleicht sie auch schon mal mit St. Moritz in der Schweiz. „Eine typisch polnische Liebeserklärung“, meint Jurek. Denn wirklich messen kann sich Zakopane mit dem Engadiner Szeneort auf 2500 Metern nicht. Die Hohe Tatra gilt zwar als Hochgebirge, aber als das kleinste der Welt. Den großen Skizirkus darf man nicht erwarten. Das Skigebiet bietet 18 Pisten- und 50 Loipenkilometer. Die längste Abfahrt misst jedoch immerhin acht Kilometer. Der Kasprowy Wierch ist mit 1960 Metern der höchste mit einer Gondel erreichbare Berg. Der Gipfelstar Rysy ragt 2499 Meter auf, kann jedoch nicht mit den Bergriesen um St. Moritz konkurrieren. Zakopane selbst liegt auf rund 800 Metern. Doch Schnee gibt es heut wie schon lange nicht mehr.

Führten in Zakopane bis vor wenigen Jahren noch Warschauer und russischer Geldadel beim Wintersport Pelzmäntel sowie andere Statussymbole vor, ist dieser Tross inzwischen wohl tatsächlich in Richtung Schweiz weitergezogen. Dass die Schickeria heute weitgehend ausbleibt, muss jedoch kein Schaden sein. „Wir sind jetzt ein Familienort“, sagt Jurek mit Blick auf die Knirpse, die an der nagelneuen Standseilbahn zum 1123 Meter hohen Gubalowka ihre Skier schultern. Oben finden sie Spielparks, eine Rodelbahn und eine 100-Meter-Halfpipe für Snowboarder. Vom Aussichtspunkt lässt sich das ganze herrliche Tatra-Panorama samt schlafendem Ritter überblicken. Zu einem Drittel ist die Hohe Tatra polnisch, zwei Drittel liegen in der Slowakei. Alles ein Nationalpark, doch drüben seien die höchsten Berge und die längeren Pisten, gesteht Jurek. Aber die polnische Seite sei besonders schön, schwört Jurek. Und wieder liegen die Fäuste auf seiner Brust.

Auf Zakopanes zentralen Flaniermeile ul. Krupowki sind die Epochen und Wunden ablesbar. Nur vereinzelt taucht ein Jungendstilhaus aus der Glanzzeit Zakopanes zwischen der sonst extrem nüchternen Architektur auf. Weder Designerboutiquen noch Juweliere gibt es hier, wohl aber Restaurants mit moderaten Preisen, Bernstein, warme Lammfelljacken und Wodka. An den Oscypek-Ständen türmen sich honiggelbe Käselaiber, gestapelt nach Größe und Form. „Mal kosten?“, fragt eine Verkäuferin und hält den Passanten schon ein Stück vom berühmten geräucherten Schafskäse („mit Ursprungszertifikat“) auf einem Messer entgegen.

Ein letztes Relikt aus der Belle Époque sind wohl die Pferdeschlitten, mit denen früher die noblen Kurgäste fuhren. An jeder Ecke bieten sich Kutscher an, einem das wirklich alte, schöne Zakopane zu zeigen. Kaum biegen die dampfenden Rosse in die ul. Koscieliska ein, glänzt Jurek vor Stolz. Inmitten von Gärten und Parks stehen hier Villen aus Holz, traditionell erbaut, wie es die Goralen, eine seit Jahrhunderten in der Hohen Tatra ansässige Volksgruppe, taten. Im 19. Jahrhundert hatten Künstler und Baumeister den Stil entdeckt, und es entstanden mehrstöckige Paläste mit hohen, spitzen Dächern, vielen Giebeln und kunstvollen Verzierungen. Der „Zakopane-Stil“ war entstanden, der die Tradition der Goralenarchitektur mit Elementen des modernen Jugendstils vereinte.

Dass sich der schlafende Ritter hoch über dem Ort noch einmal zur Verteidigung Polens erheben muss, hält hier heute niemand mehr für möglich. Allerdings hofft mancher in Zakopane, dass es den Ritter wach rüttelt und er zu Hilfe kommt, wenn sich die Stadt noch einmal um die Olympischen Winterspiele bewerben sollte. Die Ambitionen für 2006 waren damals zur Erleichterung vieler gescheitert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar