Reise : Zug um Zug

China per Bahn und in anderen öffentlichen Verkehrsmitteln zu erkunden, ist ein echtes Abenteuer

Kontraste. Hier wird für ein Zubrot Zuckerrohr an der Strecke verkauft, dort wartet der Luxuszug auf Passagiere, die sich ein Ticket leisten können.
Kontraste. Hier wird für ein Zubrot Zuckerrohr an der Strecke verkauft, dort wartet der Luxuszug auf Passagiere, die sich ein...Foto: picture alliance / landov

Zwei Schaffner betreten die Halle, wie Statisten eine Bühne. Sie postieren sich steif und stumm an einem Stahldrehkreuz. Sie sind Vorboten des nahenden Spektakels. Die Spannung ist kaum noch auszuhalten. Im Wartesaal fünf des Bahnhofs in Peking rutschen mehr als hundert Chinesen unruhig auf ihren Plastikschalensitzen hin und her. Gebannt starren sie auf das Drehkreuz. Sie sind bereit, um loszuhechten, jeder will der Erste im Zug sein.

Endlich ertönt das Startsignal, eine Ansage auf Chinesisch dröhnt durch Lautsprecher. Alle springen auf, grabschen nach Kleinkindern, Rollkoffern, Rucksäcken und sprinten los. Einen Moment ist die Masse in Bewegung, doch dann stecken die Menschen fest, Nase an Nacken, in einem Pulk vor dem Nadelöhr.

Nur Ling sitzt immer noch auf ihrem Platz, die zarten Beine übergeschlagen. „Wir haben es nicht eilig“, beruhigt sie. In den kommenden zwei Wochen wird sie mit uns, 18 deutschen Reisewütigen, 4000 Kilometer mit dem Zug durch China fahren. Alles was unsere Reiseleiterin dafür braucht, zieht die 30-jährige Chinesin in einem winzigen Rollkoffer hinter sich her. Der hätte bestenfalls für unser Handgepäck gereicht.

Die Reise auf der Schiene beginnt im Nordosten, in Peking mit Ziel Hongkong. Die Städte Pingyao, Schanghai, Suzhou, Wuhan und Guangzhou liegen an der Strecke. Wir reisen mit dem Zug, wie die meisten Chinesen.

Als endlich die Mehrzahl der Passagiere das Drehkreuz passiert hat, steht Ling auf: „Los geht’s, jetzt steigen wir auch ein“, ruft sie. Draußen auf dem Gleis steht der weiße Blitz, zischt und brummt, offenbar bereit, loszupreschen.

Mit 350 Kilometer pro Stunde jagen wir in Richtung Süden, in die Provinz Shanxi. Am Fenster fliegen unzählige Baustellen vorbei. Wir werden noch oft welche sehen: In jeder größeren Stadt wachsen neue Häuser in die Höhe. „Wir haben zu viele Menschen, die alle an einem Ort sein wollen“, sagt Ling.

Den Eindruck hat man auch manchmal beim Bahnfahren. Zum Beispiel, wenn im ganzen Land zur gleichen Zeit Ferien sind. Etwa zum Frühlingsfest Mitte bis Ende Februar und am 1. Oktober, dem Nationalfeiertag. Zu diesen Zeiten meint man, fast alle der 1,3 Milliarden Chinesen sind unterwegs. „In diesen Zeiten sind alle Züge voll besetzt, und die Menschen drängen sogar durch die Fenster hinein“, sagt Ling. Weite Entfernungen, proppevolle Züge – die meisten Chinesen sind hart im Nehmen, eine dreitägige Zugfahrt ohne Sitzplatz wird hingenommen, auch wegen beschränkter finanzieller Mittel. Hauptsache ankommen.

Wir treffen auf die Minute pünktlich in Taiyuan ein, der Hauptstadt der Provinz Shanxi. Hier empfängt den Reisenden kein Hochglanzbahnhof, sondern ein altes, marodes Gebäude, ohne Leuchttafeln, ohne Klimaanlage. Dabei stammen die meisten Millionäre aus Shanxi. Hier liegt ein Drittel aller Kohlevorkommen Chinas. Berg- und Stahlwerke, Chemie- und Textilfabriken prägen das Landschaftsbild der Provinz: schwarze Rauchsäulen, hässliche Wälder von Schornsteinen und Industriegebäuden. Hierher kommen keine Touristen, hier findet keine Expo, kein Olympia statt. Die Bahnhöfe der Provinz werden von Einheimischen und Heerscharen bitterarmer Wanderarbeiter frequentiert, die in Minen und Fabriken schuften.

Am Bahnhof in Taiyuan sehen wir sie: Die Gesichter gegerbt, schwarz von Kohle. Dünne, ausgezehrte Körper stecken in schäbigen Blaumännern. Ihre Habseligkeiten baumeln, in einem Tuch an einen Stock gebunden, über der Schulter. Manche der Menschen haben grässlich zerfurchte, vernarbte Gesichter, oft fehlen Gliedmaßen. In China schenken Firmen Sicherheitsvorkehrungen nur wenig Beachtung, wenn sie überhaupt existieren.

Wir betreten die Wartehalle und sofort sind alle Augenpaare auf die „Langnasen“ gerichtet. Während Ling über die Provinz referiert, gesellen sich immer mehr Chinesen dazu. Sie verstehen nichts, denn Ling spricht deutsch, doch das steigert nur die Neugier. Auf dem Arm halten sie ihre kleinsten Kinder. Wie in China üblich, tragen die keine Windeln, vielmehr regelt ein Schlitz am Hosenboden die Probleme auf ganz pragmatische Art.

In China fährt das Volk kaum im modernen D-Zug, man nimmt den günstigen Bummelzug. Da gibt es keine Platzreservierungen oder Kopfdeckchen an jedem Sitz. Auf blau gepolsterten Zweiersitzbänken sitzen die Reisenden, rauchen, schlürfen Instantnudeln oder vergleichen lautstark die neusten Klingeltöne aus ihren scheppernden, quietschbunten Handys. An der Decke hängen Ventilatoren, die Fenster stehen offen. Händler drängen sich durch die Waggons und bieten Ketten, Armreifen oder Süßigkeiten an. Kaum irgendwo sonst in China bekommt man als Fremder so hautnah einen Eindruck, wie sich Teile des Alltagslebens abspielen. In Nachtzügen gibt es vier Klassen. Von unten nach oben: harter Sitz, weicher Sitz, harte Liege, weiche Liege.

Wir nehmen den Nachtzug von Taiyuan nach Schanghai, 1400 Kilometer in 13 Stunden. Ling bekommt einen Platz mit „harter Liege“ zugewiesen, in einem Abteil für sechs Personen. Die „Langnasen“ fahren mit „weicher Liege“, hier sind es vier Betten pro Abteil. Das Abteil nebenan teilen sich vier Chinesinnen mittleren Alters. Sie tragen hübsche Kleider, sind schick zurechtgemacht – und sie schnattern bis tief in die Nacht.

Ling steckt ihren Kopf in unser Abteil: „Gleich sind wir da, macht euch bereit zum Aussteigen.“ Oh, die Nacht verging ja wie im Fluge. Ling erzählt, es sei sehr schwierig, einen Schlafplatz im Zug zu bekommen. Erst drei Tage vor Abfahrt können die Tickets gekauft werden und die begehrten Liegen seien schon nach wenigen Stunden ausgebucht. Wer zu spät kommt, muss sitzend reisen. Oder legt sich auf den Fußboden, wie allenthalben im Zug zu sehen war. 490 Yuan, knapp 60 Euro kostet die Fahrt in der „Weiche-Liege“-Klasse. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von etwa 300 Euro kein Wunder, dass die meisten Chinesen in der Holzklasse reisen.

Schanghai ist Traum oder Alptraum, je nach Betrachtungsweise. Futuristische Wolkenkratzer, Transrapid, internationale Viertel mit entsprechendem Flair und gigantische Einkaufspassagen allein für Luxusartikel. Ein Kapitel für sich.

Mittlerweile ist unsere Gruppe ganz entspannt, wenn es wieder zum Bahnhof geht. Beim Verlassen der Stadt wird jedoch, wie an jedem Bahnhof, die Sicherheitskontrolle fällig. Polizisten in Uniform, mit Maschinengewehren, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, beobachten die Menschenmassen, die in den Bahnhof von Schanghai strömen. Wie an Flughäfen legen die Reisenden ihr Gepäck auf Förderbänder, gehen durch Sicherheitsschleusen. Diese Hürde überwunden, finden wir auf Anhieb den richtigen Warteraum und bleiben mit Ling sitzen, bis der Andrang vorüber ist. Dann muss es allerdings auch schnell gehen, sonst ist der Zug abgefahren. Chinesische Bahnen sind zwar voll, aber in der Regel pünktlich.

Über Suzouh, wegen seiner vielen Brücken auch „Venedig des Fernen Ostens“ genannt, geht es nach Wuhan. In der Hafenstadt am Jangtse, wo die Flusskreuzfahrtschiffe an- und ablegen, wartet der angeblich schnellste Zug der Welt – und wir haben ein Ticket.

Zu Ehren dieses Technikwunders – und weil Wuhan eben eine wichtige Drehscheibe im Tourismus ist – haben die Chinesen gleich einen neuen Bahnhof gebaut, mit einem gigantischen Vorplatz, der jedoch im Schatten des gewaltigen Glaspalastes mit dem Dach in Wellenform regelrecht klein erscheint. Ich stehe am Rand des Platzes und sehe am anderen Ende Menschen ameisenklein aus dem Bahnhofsgebäude strömen.

Wer die Halle betritt, könnte sich zunächst in einer Wellnessoase wähnen: Licht flutet durch das Dach, Palmen stehen hier und da, Gratiswasser wird an Reisende verteilt und der Steinboden ist so blank, dass man sich darin spiegeln kann. In der Mitte der Halle schauen wir hinunter auf die Züge. Wie Rennpferde in ihren Boxen stehen sie da. Auf Hochglanz poliert warten sie, dass ihr Signal auf Grün springt.

Im Gegensatz zu anderen Bahnhöfen, die wir gesehen haben, befinden sich in Wuhan nur wenige Menschen im Warteraum. Einer schläft, den Kopf auf die Hand gestützt, am Gelenk eine teure Armbanduhr. Zwei alte Männer fotografieren mich mit ihren digitalen Spiegelreflexkameras und vergleichen ihre Ergebnisse. Langnasen sind wohl selbst hier noch eine Attraktion, trotz der großen Zahl an Urlaubern, die mit den Kreuzfahrtschiffen kommen. Zwei Frauen schrubben den ohnehin schon blitzblanken Boden. Es ist ungewohnt still, unwillkürlich flüstern wir, denn jedes Wort hallt wie in einer Kirche.

Diesmal passieren wir als Erste das Drehkreuz zum Bahnsteig. Der „schnellste Zug der Welt“ hat eine Schnauze wie Snoopy. Lang gezogen, weiß, Lichtluken wie Nasenlöcher und Cockpitfenster wie Augen. CRH steht an der Seite: China Railway Highspeed. Die Sitze haben hier Kopfdeckchen und es gibt Platz nach vorn für sehr, sehr lange Beine. Ein Display im Waggon fasziniert alle Reisenden: Es zeigt die Geschwindigkeit an. Wie im Zeitraffer fliegt die Landschaft Südchinas vorüber. Wie ein Säbel schneidet der Zug durch Reisfelder, bewaldete Hügel, kleine Orte und Wälder. Menschen mit Strohhut und Ochsenkarren bestellen ihre Felder – man wähnt sich in einem Film aus der Vergangenheit, umgekehrt müssen die Menschen da draußen glauben, ein Science-Fiction-Streifen rausche an ihnen vorbei.

Nach dreieinhalb Stunden sanfter Fahrt und mehr als 1000 Kilometern ist Guangzhou (vormals Kanton) im Süden erreicht. Tropische 37 Grad bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit machen das Atmen schwer. Die Zehn-Millionen-Stadt lebt vor allem von Dienstleistungen aller Art, von Handel und Vertrieb. Tausende multinationaler Konzerne haben sich hier angesiedelt, von japanischen Autofirmen, Versicherungen, Banken über Softwareschmieden bis hin zu Textilunternehmen. Touristen jedoch zieht es von hier aus eher ins nahe, hochmoderne Hongkong.

Dazu muss man aus China ausreisen, denn Hongkong ist bis 2047 Sonderwirtschaftszone. Dort gelten noch andere Rechte und Vorschriften, es gibt eine eigene Währung. Von Ling müssen wir uns verabschieden. Sie würde ein Visum für Hongkong benötigen, doch das hat sie nicht. Sie ist sich sicher: Die letzte Strecke können wir ohne sie meistern.

Ling fährt 2200 Kilometer zurück nach Peking. Die direkte Verbindung dauert 21 Stunden, sie hat nur einen Sitzplatz. „Das macht nichts“, sagt sie und lächelt dabei. Mit ihrem kleinen Rollkoffer betritt sie den Warteraum des Bahnhofs in Guangzhou. Das Signal zum Einsteigen ertönt durch die Lautsprecher, alle springen auf. Nur Ling, die Beine gekreuzt, bleibt noch gelassen sitzen.

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