Zweiradurlaub : Der Radtourist – einst belächelt, heute umworben

Unbestritten zählt der Radtourismus zu den wichtigsten touristischen Wachstumsmärkten Deutschlands. Auf den Radfernwegen von heute rollen scharenweise Gruppen und Grüppchen auf stabilen, jedoch leichten Viel-Gang-Rädern unbeschwert dahin.

Es war der Spätsommer 1996. Die Äußeren Hebriden, im Nordwesten Schottlands, wurden von Regenschauern gepeitscht. Vor einem Gasthaus stand ziemlich verloren ein pudelnasser Mann, auf sein überladenes Fahrrad gestützt. Ein Radler aus Freiburg. Es dämmerte, und er hatte keine Bleibe für die Nacht. Für sein Zelt sah er angesichts der Windböen keine Chance. Warum er sich das antue?, fragten wir, die wir unsere Koffer vom Bus ins reservierte Quartier trugen. Und warum ganz allein? „Meine Freunde hielten so einen Radurlaub für eine Schnapsidee, keiner wollte mit.“ Bedauert und für etwas bekloppt gehalten: der Radtourist.

Das ist lange her. Beneidet von Freunden und begehrt bei Wirtsleuten ist derjenige, der sich heute im Urlaub aufs Rad schwingt und auf ausgebauten Asphaltstreifen durch ausgesucht schöne Landschaften radelt, in schmucken Vesperstationen am Weg einkehrt und in guten Betten schläft. Radreisen als Urlaubsform ist en vogue. Mehr als 5,6 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr einen Radurlaub mit mindestens einer Übernachtung unternommen und während der Tour 15,6 Milliarden Euro ausgegeben.

Vorbei die Zeiten, als Menschen mit fetten Gepäcktaschen auf schweren Tourenrädern tief über schlechte Landkarten gebeugt an Kreuzungen vor der Wahl standen, ob sie nun die stark befahrene Autostraße oder den zwar romantischen, doch völlig vermatschten Pfad am Flussufer nehmen sollten, im Ungewissen darüber, wo und ob sie ein Plätzchen für ihr Zelt finden würden.

Auf den Radfernwegen von heute rollen scharenweise Gruppen und Grüppchen auf stabilen, jedoch leichten Viel-Gang-Rädern unbeschwert dahin, weil ohne Gepäckballast. Sie können sicher sein, dass am Etappenziel nicht nur ihr vorausbeförderter Koffer, sondern auch ein behagliches Quartier – gern in der gehobenen Sterne-Kategorie – mit angeschlossener Fahrradwerkstatt wartet. Gegen Wind und Wetter ist der Radurlauber von heute zwar nicht gefeit, doch im Fall des Falles kann er sich zumindest bei organisierten Fahrten meistens auf dienstbare Geister verlassen, die ihn bei tatsächlicher oder gefühlter Schwäche unterwegs auch aufsammeln.

Unbestritten zählt der Radtourismus zu den wichtigsten touristischen Wachstumsmärkten Deutschlands. Allein die Zahl der vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) zertifizierten Bett- & Bike-Beherbergungsbetriebe ist von 216 im Jahr 1995 auf nahezu 4700 in diesem Jahr gestiegen. Auch gibt es immer mehr Spezialanbieter für den Urlaub auf dem Stahlross. Wer etwa in der Internet-Suchmaschine Google das Stichwort „Fahrradreisen“ eingibt, bekommt 154 000 Treffer. Die Bandbreite liegt zwischen der gemütlichen Tagestour über anspruchsvolle Drei-Wochen-Reisen in fernen Ländern und dem sportlich ambitionierten Bergspektakel.

Das Marktforschungsinstitut Trend scope hat soeben eine Studie über „Radreisen der Deutschen 2008“ erstellt. Das Ergebnis zeigt, dass Radurlauber vor allem anspruchsvoll sind, auf Komfort und eine gute Infrastruktur Wert legen. Außerdem wollen sie beim Radeln Natur erleben sowie Land und Leute kennenlernen. gws

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