Zwischen Ostsee und Müritz : Mecklenburgische Schweiz - ein stiller Winkel

In der Mecklenburgischen Schweiz, zwischen Ostsee und Müritz, findet der Besucher Ruhe – und doch viel Abwechslung.

Axel Scheibe

Ostsee und Müritz – Inbegriffe von Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern. Doch was liegt dazwischen? „Niemandsland“, spotten manche. „Die Mecklenburgische Schweiz“, trumpft die Region zwischen den großen Urlaubsfronten auf. Allein, die Karte sticht noch nicht so recht. In dem Streifen zwischen Strand und Müritz-Nationalpark schlummert mit dem Naturpark Mecklenburgische Schweiz und Kummerower See zwar ein Fleckchen Land, in dem man Ruhe und Erholung ebenso findet wie Interessantes und Sehenswertes. Doch die einen Urlauber brausen durch zur See, die anderen bleiben an der Müritz hängen.

Und so geht es in der Mecklenburgischen Schweiz selbst in der Hochsaison eher ruhig und beschaulich zu. Zur Freude vieler Besucher – zum Leid des örtlichen Fremdenverkehrs. „Klar, mit Touristenströmen wie an der Ostsee verlören wir ein wichtiges Stück unserer Identität und unserer Reize, doch ein wenig mehr Gäste könnten sich schon für unsere Heimat begeistern“, beschreibt Tourismusfachmann Jörg Plagens aus Malchin die Situation. „Doch wer einmal hier war, kommt zumeist wieder. Das bestätigen unsere Campingplatzbetreiber und Hoteliers. Leider fällt der erste Schritt potenziellen Gästen nicht so leicht.“ Dabei kann die Mecklenburgische Schweiz als Urlaubsregion überzeugen.

Etwa das kleine Städtchen Dargun, Tor zum Nationalpark Mecklenburgische Schweiz und Kummerower See, ist ein guter Standort, um zu Erkundungstouren aufzubrechen. Ein gemütliches Haus am Klostersee, Ruhe und trotzdem viel Abwechslung, so kann der Besucher hier die „Schweiz“ erleben. Sagenumwoben ist etwa das 1172 von dänischen Zisterziensern errichtete Kloster. Schlimme Taten lassen so manchen früheren Klosterbruder offenbar bis heute nicht zur Ruhe kommen. Sie sollen noch immer durch die erstaunlich gut erhaltenen Ruinen geistern. Nach der Säkularisierung des Klosters gegen Ende des 16. Jahrhunderts übernahmen die Fürsten aus dem Hause Mecklenburg-Güstrow das Kloster und bauten es in fast 200 Jahren zum Schloss um. Das ehemalige Brauhaus des Klosters wurde im 13. Jahrhundert erbaut und befindet sich auch in einem relativ guten Erhaltungszustand.

Ein rühriger Verein kümmert sich heute um den Erhalt und die Sicherung der Substanz. Große Konzerte von Klassik bis Jazz bringen ebenso Leben in die alten Mauern wie erlebnisreiche Themenabende unter dem Motto „Die Klosterbrüder sind wieder da!“, zu denen die Gäste in Mönchskutten schlüpfen und im Anschluss an eine abendliche Führung neben dem Klosterschmaus nach Mönchsart auch dem dunklen Klosterbräu zusprechen, das in einer modernen Brauerei am Ort gebraut wird.

Dargun animiert jedoch auch zu Zeitreisen in die jüngere Vergangenheit. Im „Uns lütt Museum“ kann man eintauchen in den Alltag auf dem Land vor rund 100 Jahren. Marlies Claassen, bis vor wenigen Jahren noch als Lehrerin in der Schule des Ortes aktiv, ist die Seele und treibende Kraft des Museumsvereins. Sie „brennt“ für das Museum, das nur dem Namen nach klein ist. Zu einer Führung mit ihr sollte man Zeit mitbringen, denn es gibt nicht nur viel zu sehen und zu entdecken, sondern zu vielen der Exponate kann sie spannende Geschichten erzählen. „Ursprünglich hatte diese Ausstellung nur zwei kleine Zimmer im alten Rathaus“, erinnert sie sich an den Beginn vor 14 Jahren. „Dann erhielten wir diese Räume und hatten endlich Platz.“

Heute zeigt das Museum auf einer Ausstellungsfläche von 760 Quadratmetern in 15 Räumen einen Querschnitt der Regionalgeschichte. Fast alle Geräte auf dem Freigelände und auf der Tenne sind funktionstüchtig. Mit Begeisterung erläutert Marlies Claassen vom Webstuhl bis zum Butterfass so ziemlich alles. Doch das Museum ist zum Anfassen. „Wenn Sie wollen“, sagt Marlies Claassen, „können Sie in der Schmiede selbst den Hammer schwingen, in der Schusterwerkstatt Täkse in die Schuhe schlagen oder an der Zugbank in der Stellmacherei Holz bearbeiten.“ In der Besuchergruppe lässt sich das niemand zweimal sagen: Schon klingen aus allen Ecken des Museums Geräusche von „Arbeitsversuchen“. Denn Spaß macht das Selbstausprobieren auf jeden Fall, doch die Meisterschaft der Altvorderen ist nicht so schnell zu erreichen ...

Unmittelbar am Kummerower See, dort wo sich das Ostufer zu einer Reihe sanfter Hügel erhebt, liegt der Campingplatz Gravelotte. Ein Refugium für Wassersportler und Naturfreunde. Seit mehr als 100 Jahren zieht dieses malerische Fleckchen Erde Menschen in seinen Bann. Der Zauber blühender Wiesen und Feldraine wechselt mit sanften Mulden. Frische Luft vom See weht herauf zu den Stellplätzen, vor denen sich ein herrlicher Blick über die Weite der Mecklenburger Schweiz eröffnet. Der Kummerower See, mit einer Fläche von rund 31 Quadratkilometern immerhin der viertgrößte in Mecklenburg-Vorpommern, blinzelt wie ein riesiges blaues Auge herauf.

Auf dem See selbst wird man, so wie auch immer wieder an Land, überrascht sein, wie wenig Betrieb herrscht. Sind an einem sommerlichen Wochenende einmal mehr als fünf weiße Segel zu sehen, gilt das schon fast als hektische Betriebsamkeit. Eigentlich hat man das Revier fast immer ganz allein für sich.

Da macht auch die Schnupperfahrt per Hausboot vom gegenüberliegenden Hafen in Neukalen besonders viel Spaß. Nach einer gründlichen Einweisung durch einen erfahrenen Skipper kann man als sein eigener Kapitän in See stechen. Ein Bootsführerschein wird für die Fahrt von Neukalen über die Peene hinein in den See und weiter nach Demmin nicht benötigt. Ruhig und sicher tuckern die behäbigen Boote durchs Wasser. Rennen kann man damit freilich nicht gewinnen, schließlich steht der Genuss im Vordergrund. Schon mancher ist bei so einer Tour auf den Geschmack gekommen und hat sich bei seinem nächsten Besuch gleich zu einer mehrtägigen Schiffsfahrt entschlossen. Wie es sich für einen so ruhigen Winkel gehört: Das Revier lässt sich auch bestens mit dem Paddelboot erkunden.

Ein angenehmer Rastplatz für Wasserwanderer und Radler ist die alte Aalbude an der Ausfahrt in die Peene. Wer mit dem Rad die 45 Kilometer lange Seeumrundung bewältigen will, muss hier mit einer kleinen Fähre über die Peene übersetzen und kann zuvor – kaum einer lässt die Möglichkeit aus – in dem Ausflugsrestaurant Spezialitäten aus der Region probieren. Ja, Aal gibt es auch.

Zu einem touristischen Muss für aktive Urlauber hat sich die ehemalige Bahnstrecke zwischen Dargun und Salem entwickelt. Züge fahren dort schon lange nicht mehr, dafür kann man diese reizvolle Strecke per Muskelkraft auf einer Draisine erkunden. Die hin und zurück knapp 34 Kilometer lange Tour führt durch ein Vogelschutzgebiet, eine Landschaft, die zu den schönsten in Mecklenburg-Vorpommern gehört. Hier sind Milane, Rohrweihen und Störche ebenso zu Hause wie Hasen und Rotwild. Die flache Strecke lässt sich gemächlich bewältigen, und wem der Sinn nach einer Rast steht, hebt kurzerhand das Gefährt aus den Schienen.

Wem der Weg dann doch zu weit ist – kein Problem: Fahrzeug andersherum auf die Gleise stellen und zurück nach Dargun „radeln“.

Nach der Natur wartet im Fritz-Reuter-Museum in Stavenhagen noch ein kleines Kulturprogramm. Das Haus ist dem berühmtesten Sohn der Stadt gewidmet. Natürlich wird hier alles zu dem bedeutendsten Dichter der niederdeutschen Sprache gesammelt. Und in der attraktiv gestalteten Ausstellung erfährt man alles über den wechselvollen Lebenslauf des rebellischen Schriftstellers und natürlich noch mehr über sein Schaffen und seine Werke, die bereits zu seinen Lebzeiten in riesigen Auflagen erschienen und sich bis heute ungebrochener Beliebtheit erfreuen. So mancher hat ein Reuter-Buch als Erinnerung an schöne Tage in der Mecklenburgischen Schweiz erstanden.

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