Welt : Rekord-Wetter: Wie Eis im Sonnenschein

Andreas Oswald

So ein Wetter hat es noch nicht gegeben. Während der November normalerweise immer trübe ist, es fast jeden Tag zu Niederschlägen kommt und sich nur selten die Sonne zeigt, zeigt sich dieser Monat in diesem Jahr ausgesprochen freundlich. Fast jeden Tag zeigt sich die Sonne. Dabei bahnt sich ein Rekord an: Dem November fehlen noch acht Stunden Sonne, um der sonnigste November seit Beginn der Aufzeichnungen zu werden.

Es fehlt nicht mehr viel, und in diesem November ist die Sonnenscheindauer länger als im Juli. Wer sich an den Sommer erinnert, wundert sich darüber nicht.

Ein Wetter wie im Sommer

Geht das so weiter? Wie wird der Winter? Milde? Eisig kalt? Dazu gibt es deutliche Stellungnahmen der Meteorologen, aber dazu später. Denn es handelt sich um eine komplizierte Materie. Seit Wochen herrscht eine Großwetterlage, die es eigentlich nur im Juli gibt. Die Südwest-Strömung bringt uns milde Luft, sagt Donald Bäcker von Meteofax/Meteomedia in Berlin.

Klimaforscher stellen in diesen Wochen eine außergewöhnliche Wärme fest. "Die ganze Atmosphäre ist aufgeheizt", sagt Rainer Dettmann vom Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin.

Das Wetter in Berlin ist nur ein Beispiel. Normal wären heute 5 Grad Höchsttemperatur. Stattdessen bekommen wir laut Bäcker etwa zehn Grad. Wenn es so weitergeht, werden wir nicht nur den sonnigsten, sondern auch den wärmsten und trockensten November seit Beginn der Aufzeichnungen bekommen.

Was Klimaforscher Dettmann irritiert: Es gibt nur wenig Nebel, der so typisch ist für den November. Und: Die Sonne setzt sich immer schnell gegen den Frühnebel durch und löst ihn auf. Das ist ein typisches Sommerphänomen. Selbst, wenn es vormittags regnet, setzt sich anschließend schnell die Sonne durch. Das passiert sonst fast nie im November. Schließlich gibt es ein weiteres Phänomen: Wenn es derzeit nachts klar ist, bleibt es trotzdem milde. Normal wäre im November, dass es in klaren Nächten zu Bodenfrost kommt.

Klimaforscher warnen davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Das derzeit extreme Wetter - dazu gehören auch die Unwetter der vergangenen Wochen in England, Frankreich und Italien mit weitflächigen Überflutungen - lässt sich nicht eindeutig auf den Treibhauseffekt zurückführen. Dass es diesen Effekt gibt, steht zwar außer Frage, aber auch ohne diesen Effekt gäbe es immer wieder einzelne extreme Wetterlagen.

Allerdings geben die Unwetter zu denken, zumal ihre Verbreitung. In Australien steht derzeit eine Landfläche unter Wasser, die der Größe Großbritanniens entspricht. Und in den USA werden weite Gebiete von Schneestürmen heimgesucht, wie sie in dieser Heftigkeit um diese Zeit normalerweise eher selten sind.

Wer weiß, was das für einen Winter geben wird. Thomas Globig von Meteofax hat ein mulmiges Gefühl im Magen. Er traut den derzeitigen Langfrist-Vorhersagen der Freien Universität nicht ganz. Die sagen weiter mildes Wetter voraus, "grüne Weihnachten" und milde Wintermonate.

Der Streit, ob Langfristprognosen überhaupt möglich sind, ist alt und an den Fronten hat sich nichts geändert. Doch Rainer Dettmann von der Freien Universität steht zu seiner Prognose. "An meiner Prognose vom Oktober hat sich nichts geändert", sagte er gestern.

Es gibt eine Bauernregel, auf die Globig gern hinweist, auch wenn er Langfristprognosen gegenüber immer sehr skeptisch ist. Danach wird der Winter besonders kalt, wenn er erst spät kommt und der Oktober und der übrige Herbst besonders milde waren.

Das könnte heiter werden. Strenge Winter, das kann in Berlin und Brandenburg durchaus heißen: minus 25 Grad Höchsttemperatur. Und das mehrere Wochen lang.

Dettmann, der auf seine von ihm entwickelten statistischen Verfahren schwört, sagt dagegen, dass der Winter sehr mild werden könne, wenn der Oktober milde sei und zudem der vorhergehende Juli besonders kühl gewesen ist.

Das war in diesem Jahr beides der Fall.

Schade eigentlich: Eine weiße Schneedecke und tiefer, trockener Frost wären doch etwas Wunderbares.

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