Welt : "Religion und kulturelles Gedächtnis": Von der Tiefe der Zeit

Tillmann Bendikowski

Die Beschäftigung mit dem Gedächtnis boomt: Seit rund zehn Jahren häufen sich die Publikationen, in denen sich die Autoren mit den Phänomen Erinnern und Vergessen beschäftigen, das kollektive Gedächtnis der Deutschen vermessen oder die Denkmäler als "Orte der Erinnerung" neu interpretieren. Maßgeblicher Ideengeber dieser Gedächtnisforschung ist der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann, der jetzt eine Sammlung von Aufsätzen über den Zusammenhang von Religion und kulturellem Gedächtnis vorlegt. Er illustriert, warum die kulturelle Gedächtnisforschung den Menschen als "erinnerndes Wesen" definiert.

Wer sich bislang wenig mit diesem Thema beschäftigt hat, dem bietet die Einführung einen Zugang zum Stand der kulturwissenschaftlichen Forschung. Assmann erinnert an die "Gründungsväter" der sozialen Gedächtnisforschung, an Nietzsche, Maurice Halbwachs und Aby Warburg. Sie haben - trotz aller Unterschiede - darauf hingewiesen, dass jede Form von Gedächtnis "gemacht" wird, also von sozialen Rahmenbedingungen geprägt ist.

Jan Assmann und seine Frau Aleida, die ebenfalls wichtige Beiträge zu diesem Forschungsthema liefert, greifen über diese Erkenntnis hinaus, wenn sie die kulturellen Bedingungen hinzurechnen und vom "kulturellen Gedächtnis" sprechen. Dieses unterscheidet sich von anderen Formen des Gedächtnisses durch seinen langen Zeitraum. Es umfasst weit mehr Erinnerungen als jene, die im Zuge der Kommunikation zwischen drei Generationen weitergegeben werden und die von Historikern mittels der oral history gesammelt werden. Vielmehr eröffne das kulturelle Gedächtnis "die Tiefe der Zeit", indem es, "vieltausendjährige Erinnerungsräume" erschließt.

Dies verdeutlicht Assmann mit seinen Beiträgen über "Unsichtbare und sichtbare Religion im Alten Ägypten" oder über "Tradition und Schriftkultur im alten Israel und frühen Judentum". Eine besondere Rolle kommt der Schrift zu: Sie dient nach allgemeiner Einschätzung grundsätzlich zwei Funktionen: der Speicherung und der Kommunikation. Für Assmann spricht allerdings vieles dafür, dass die Schrift in erster Linie als "Speichermedium" und nicht als "Kommunikationsmedium" erfunden wurde.

Solche Überlegungen führen den Autor zu grundsätzlichen Erwägungen über den Umgang mit der Vergangenheit. Die Beschäftigung mit dem Altertum verweise auf die Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktion. Diese ist für die historische Forschung unverzichtbar, hat aber bei der Beschäftigung mit der Erinnerung keine Bedeutung: "Darin liegt vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen Gedächtnis und Geschichte." Erinnerte Vergangenheit sei schließlich immer etwas anderes als erforschte Vergangenheit, dies zeige sich am Beispiel Ägyptens: "Ägypten, wie es in der Gedächtnisgeschichte des Abendlandes lebendig blieb oder wieder auflebte, ist nämlich etwas völlig anderes als das Ägypten, mit dem es die Ägyptologie zu tun hat."

Jan Assmann hat sich in den vergangenen Jahren nie nur an Antikes gehalten. Und so lobt er in diesem Buch aus grundsätzlichen Erwägungen der Gedächtnisforschung das geplante Berliner Holocaust-Mahnmal. Wenngleich die Geschichte voller "einseitiger Leidensgeschichten" sei, warte die Menschheit bis heute vergebens auf deren öffentliche Anerkennung von Seiten der Täter. Hier mache das Berliner Vorhaben mit Recht einen Anfang, "denn eine Leidensgeschichte solchen Ausmaßes hat die Menschheit noch nicht gesehen". Und dieser Schritt, zeigt sich Assmann überzeugt, wird Nachfolger finden: Der Tag werde kommen, an dem die Australier den ihres Landes beraubten Ureinwohnern, die Russen den ermordeten Regimegegnern oder die Japaner den im Weltkrieg überfallenen Chinesen und Koreanern ein Denkmal setzen. Nicht nur angesichts dieser - etwas gewagten - Prognose scheint es angeraten, sich beizeiten mit dem Phänomen des Gedächtnisses in seiner ganzen Vielfalt auseinanderzusetzen.

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