Religionspädagogik : Heiligabend ohne Christkind ist pädagogisch wertvoll

Tausende Kinder warten an Heiligabend gespannt aufs Christkind. Religionspädagoge Albert Biesinger hält von dieser Tradition gar nichts, denn wer Kinder über das Christkind belüge, behindere die Entwicklung ihres Glaubensverständnisses.

Millionen Kinder warten gespannt darauf, dass das Christkind ihnen schöne Geschenke unter den Baum legt. Was haben Sie dagegen?

Ich bin als Religionspädagoge sowas von entschieden dagegen, Kinder religiös anzulügen. Das Christkind kommt nicht durch's Fenster, und der Nikolaus kommt auch nicht aus dem Wald. Die Eltern wissen das und lügen ihre Kinder bewusst an. Dabei ist es ganz wichtig, dass religiöse Kommunikation mit Kindern authentisch ist. Denn wenn man Kinder schon über das Christkind belügt, dann halten sie im schlimmsten Fall später den christlichen Glauben insgesamt für einen Spuk.

Aber es ist doch eine schöne, uralte Tradition, dass Kinder an Heiligabend auf das Christkind und die Geschenke warten.
Aber wenn man erzählt, dass das Christkind irgendwie durch verschlossene Türen oder durch das Fenster kommt, dann ist das religiös übergriffig. Kleine Kinder glauben ihren Eltern zunächst fast alles. Das heißt für uns Erwachsene, dass wir die kindlichen Vorstellungen unbedingt ernst nehmen müssen und sie nicht belügen dürfen. Wenn ein Kind das alles später durchschaut, dann kriegt es sonst eine Wut auf die Erwachsenen und fragt sich: Warum haben die mich dauernd angelogen?

Lebt Weihnachten nicht auch von diesem Ritual?

Dass es in einer Familie ein religiös stimmiges Weihnachts-Ritual gibt, ist ganz wichtig für Kinder. Und es gibt ja auch authentische Rituale, für die man nicht lügen muss. Wir sind mit unseren Kindern früher an Heiligabend immer erst in den Kindergottesdienst gegangen. Zu Hause haben wir uns dann vor der Krippe versammelt, das jüngste Kind durfte die Figur des Jesuskindes in die Krippe legen. Dann haben wir die Kurzfassung der Weihnachtsgeschichte am Beginn des Lukasevangeliums gelesen und für Oma und Opa und die armen Kinder auf der Welt gebetet. Danach erst haben wir uns die Geschenke gegeben und ausgepackt. Dieses Ritual hat sich über lange Zeit bis in die Pubertät hinein bewährt und den Kindern sehr gut gefallen.

Aber die Geschenke kamen nicht vom Christkind?

Doch, aber anders. Ich erzähle Kindern, dass wir an Weihnachten den Geburtstag von Jesus feiern. Und weil Jesus ein so großes Geschenk von Gott an uns Menschen war, haben Mama und Papa heute auch Geschenke für Dich. Das Geschenk fällt nicht vom Himmel, das bringt auch nicht das Christkind durchs Fenster - das ist von Mama und Papa und anderen, die dich liebhaben. Das Christkind hat insofern mit den Geschenken zu tun, weil wir mit diesen Geschenken seinen Geburtstag auch dieses Jahr gemeinsam feiern.

Das ist aber schon sehr modern.
Aber anders mache ich es nicht. Sonst wird ein Kind belogen und denkt sich später: Wenn das mit dem Christkind nicht stimmt, dann ist auch alles andere eine Lüge und Gott gibt es auch nicht.

Das Gespräch führte Marc Herwig/dpa.

ZUR PERSON: Albert Biesinger lehrt als Professor für katholische Theologie an der Universität Tübingen. Dort hat er den Lehrstuhl für Religionspädagogik inne. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Biesinger mit der religiösen Erziehung in der Familie, im Kindergarten und in der Schule. In mehreren Büchern für Eltern wirbt er dafür, mit Kindern kompromisslos ehrlich umzugehen und ihnen so ein Grundvertrauen zum Leben und zu Gott zu vermitteln. Der 65-Jährige ist verheiratet, hat vier Kinder und mehrere Enkel.

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