Reportage : Hochwasser: Flucht um halb elf

Es war spät am Samstagabend. Da begann die Familie Großmann in Görlitz zu packen. Das Kinderbett ins Auto, ein paar Klamotten dazu, ab ging’s zu Verwandten. Und keiner wusste, was das Hochwasser aus ihrem Haus, aus ihrem Hab und Gut machen würde.

Frank Seibel ,Ralf Hübner
Die Altstadtbrücke in Görlitz zur polnischen Seite nach Zgorzelec am Sonntag.
Die Altstadtbrücke in Görlitz zur polnischen Seite nach Zgorzelec am Sonntag.Foto: dpa

Gelb leuchtet das kleine Häuschen in der Sonne. Wie jeden Sonntag schauen Ausflügler nach dem Mittagsbraten über die niedrigen Sträucher, die noch längst keine Hecke bilden. Doch diesmal sind es noch viel mehr als sonst, die in die kleine Straße im Süden von Görlitz abbiegen, dorthin, wo hinter einem kleinen Wäldchen die Neiße gewöhnlich durch weite Auen fließt und das Schilf sich im Wind wiegt.

Jetzt wäre es Zeit für die kleine Viktoria, auf ihre Schaukel im Garten zu klettern oder im Sandkasten zu spielen. Doch die Schaukel steht in einer Pfütze, und Viktoria ist nicht da. Über die kleinen Sträucher hinweg sehen die Sonntagsausflügler nur einen Mann im weißen Hemd. „Die Tiefkühltruhe schwimmt im Keller“, sagt der 42-Jährige in sein Handy. „Nur die Kante schaut aus dem Wasser.“ Frank Großmann lächelt müde. „Sieht ganz lustig aus“, sagt er zu seiner Frau Dorit ins Telefon. „Ja, noch kannste lachen.“

Als das Wasser kam, am Sonnabendnachmittag, da hatten Großmanns noch überlegt, alles hochzuschaffen. Kühltruhe, Waschmaschine, Fahrräder, auch die Umzugskisten. Kurz zuvor waren drei ältere Menschen in Neukirchen bei Chemnitz im eigenen Keller ertrunken – nur weil sie ihre Habseligkeiten dort retten wollten.

Stundenlang blieb die Familie am Sonnabend im Ungewissen: Im Fernsehen verfolgten Großmanns, wie 30 Kilometer südlich Teile der Stadt Zittau und der umliegenden Dörfer in Fluten versanken. Im Radio hörten sie vom Katastrophenalarm für den Landkreis Görlitz. Den hatte Landrat Bernd Lange ausgerufen, wenig später galt er auch für Teile der Sächsischen Schweiz. Binnen weniger Stunden waren nach andauerndem Regen Flüsse in Sachsen und Polen massiv angeschwollen, dann brach im polnischen Radomierzyce auch noch die Staumauer am Witka-See.

Abends ab sieben hörten und sahen Großmanns die Feuerwehrwagen auf der nahegelegenen Hauptstraße in die südlichen Stadtteile rasen. „Wir dachten schon, die haben uns vergessen“, sagt Frank Großmann. Sein kleines gelbes Haus liegt ein bisschen versteckt zwischen der Innenstadt und den unmittelbar angrenzenden südlichen Stadtteilen. „Erst als ich bei der Feuerwehr anrief, um mich nach Sandsäcken zu erkundigen, hat man mir gesagt: Ihr müsst raus aus euren Häusern.“ Da war es gegen acht, der Staudamm 15 Kilometer südöstlich von Görlitz auf polnischer Seite kurz zuvor gebrochen. Der Pegelstand der Neiße schoss in nur drei Stunden um vier Meter in die Höhe.

„Die Stimmung in der Familie war schon angespannt“, sagt Großmann. Auch seinen beiden Söhnen war nicht nach Abenteuer zumute. Sie waren wie die Eltern stolz und glücklich vor einem Jahr erst ins eigene Häuschen eingezogen, in dem so viel Arbeit steckt.

Abends um acht waren Frank Großmanns Schwiegereltern und die meisten Freunde noch in der Görlitzer Altstadt unterwegs und genossen den Ausklang eines Straßentheaterfestes. Als der Staudamm brach, war die Stimmung in der Altstadt auf dem Höhepunkt. Niemand merkte, wie ein paar Meter weiter unten aus dem friedlichen und schmalen Grenzfluss ein breiter und reißender Strom wurde. Normalerweise zeigt der Pegel in Görlitz etwa 1,70 Meter an. Während der Nacht stieg er auf mehr als sieben Meter und erreichte damit den höchsten Wert, seit die Messungen im Jahr 1912 überhaupt begonnen wurden.

Aktuelle Bilder aus den Hochwassergebieten
11. August: Kontrollierte Flut. Wassermassen ergießen aus dem Becken der Talsperre Spremberg in die Spree. 30 Kubikmeter Wasser pro Sekunde werden abgelassen.Weitere Bilder anzeigen
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11.08.2010 22:4711. August: Kontrollierte Flut. Wassermassen ergießen aus dem Becken der Talsperre Spremberg in die Spree. 30 Kubikmeter Wasser...

Erst gegen zehn Uhr am Abend sprach sich die anrollende Katastrophe herum. Die Flutwelle sollte die Stadt bald erreichen. Und sofort gingen bei Großmanns Anrufe und SMS ein: Können wir helfen? „Freunde haben uns sofort angeboten, dass wir bei ihnen übernachten können“, erzählt Frank Großmann. Um halb elf packten Großmanns das Kinderbett der eineinhalbjährigen Viktoria ins Auto, ein paar Klamotten noch für sich und die beiden Jungs, dann ließen sie ihr Hab und Gut zurück. Und wussten nicht, was davon am nächsten Tag übrig sein würde.

Meterhoch überspülte die Welle die Straßen nahe dem Neißeufer, überschwemmte auch das Hochschulgebäude, das direkt am Fluss steht. Im Süden der Stadt rettete die Feuerwehr fünf Menschen aus ihren Autos – einige gerade noch rechtzeitig, bevor ihr Wagen fortgeschwemmt wurde.

Mehr als 500 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Nicht alle hatten so viel Glück wie Familie Großmann, die bei Verwandten unterkommen konnte. Rund 200 verbrachten die Nacht auf Feldbetten in einer Turnhalle.

„Zig Jahre ist hier nichts passiert“, sagt Frank Großmann. Als er vor zwei Jahren das alte Häuschen kaufte und mit viel Mühe und Liebe sanierte, wusste er zwar, dass es eine theoretische Hochwassergefahr gab. Aber dieses Grundstück hatten bislang alle Katastrophen weitgehend verschont – die Jahrhundertfluten von 1897 und 1981 etwa. Doch diesmal stieg die Neiße noch zwanzig Zentimeter höher. Bis an Großmanns kleine heile Welt heran – und mannshoch in den Keller hinein. „Die Heizungsanlage können wir vergessen“, sagt er. Nur einen Winter hat sie bisher gedient.

„Hoffentlich klappt das alles mit der Versicherung“, sagt Frank Großmann. Das ist der Gedanke, der ihn am Sonntag am meisten bedrückt. Jahrelang haben Großmanns für ihr eigenes Heim gespart und Kredite aufgenommen, wie man das so macht. Nun ist ein stattlicher Teil davon hinüber. Ein Feuerwehrmann hat ihn beruhigt: Zum Glück ist ja Katastrophenalarm ausgerufen worden. Da klappt das mit der Versicherung meistens. Wenigstens das.

Aber nun ist das Häuschen im Grünen erst mal nicht mehr Idylle, sondern ein Berg voll Arbeit. „Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis das alles wieder trocken ist“, sagt Frank Großmann. Denn selbst wenn das Wasser abgepumpt ist, bleibt die Sorge, dass die Feuchtigkeit aus dem Keller nach oben zieht. Und es wird dauern, bis die Familie in ihr Haus zurück kann. „Ohne Strom kann man das vergessen.“ Und ob man jetzt sofort einen Elektriker bekommt, der die Schaltkästen im Keller erneuert?

Auf Besserung der Lage können die Menschen im Flutgebiet nur hoffen, die Prognosen sind allerdings schlecht. Eine schnelle Entspannung werde es entlang der Lausitzer Neiße nicht geben, sagt die Sprecherin des Landeshochwasserzentrums, Karin Bernhardt, am Sonntag in Dresden. Schon jetzt sind durch die Überflutungen millionenschwere Schäden entstanden: Brücken wurden zerstört, Bäume entwurzelt und Autos weggeschwemmt, hunderte Keller liefen voll, tausende Haushalte waren ohne Strom. Im Zittauer Tierpark ertranken dutzende Tiere.

In der betroffenen Region, das sagt der Sprecher des Innenministeriums, Frank Wend, sei es das schlimmste Hochwasser seit über 100 Jahren. Besonders schlimm auch für Görlitz, das in den Jahren nach der Wende aufwendig saniert wurde und dessen historische Gebäude in der Altstadt, viele verziert mit floraler Renaissancemalerei, unter den Wassermassen leiden. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, stöhnt auch der parteilose Oberbürgermeister Joachim Paulick.

Viele der Regionen, die jetzt unter dem Hochwasser leiden, waren bei der Elbeflut im Jahr 2002 glimpflich davongekommen. Im August 2002 war nach sintflutartigem Regen wochenlang eine Flutwelle von Tschechien durch Dresden, Dessau, Bitterfeld und Wittenberg bis nach Hitzacker in Niedersachsen gerollt. Das Erzgebirgsflüsschen Weißeritz setzte seinerzeit in Dresden die historische Altstadt mit ihren Barockbauten unter Wasser. In der sächsischen Landeshauptstadt, wo der Fluss im Normalfall zwei Meter Wasser führt, wurde ein Rekordwert von 9,40 Meter erreicht. Mehr als 20 Menschen starben in den Fluten von Elbe, Mulde und Weißeritz.

Erst vor wenigen Tagen hatte die Staatsregierung eine Bilanz des Hochwasserschutzes seit jenen Tagen gezogen. 357 Millionen Euro seien in die wichtigsten Hochwasserschutzprojekte investiert worden, hieß es. Bis 2015 solle die Summe auf eine Milliarde Euro erhöht werden. Von 351 Projekten seien 72 abgeschlossen, weitere 41 im Bau, und 238 noch in der Planung. Zu den „kleineren Projekten“ gehörte unter anderem auch die Sanierung von Deichen in 1,7 Kilometer Länge in Chemnitz. Auch dort kam es jetzt zu Überschwemmungen.

Die Sonntagsausflügler interessiert all dies nicht. Zu Hunderten pilgern sie in die Nähe der Neiße und zum gelben Haus der Großmanns. „Auch das ist eine Katastrophe“, sagt Frank Großmann und verliert sein freundliches Lächeln, wenn sich die Leute vor seinem Häuschen und den Feuerwehrautos aufbauen, um Erinnerungsfotos zu machen.

Auch in Brandenburg beobachten am Sonntag viele Spaziergänger die Neiße – gespannt, ob etwas passiert. Doch noch bleibt der Fluss ruhig. Sorgenvoll betrachten nur die Menschen in Guben, südlich von Frankfurt (Oder), das Anschwellen ihres sonst sehr gemächlich dahinfließenden Flusses. „Die Bilder aus Sachsen machen uns Angst“, sagen sie. Nach dem Hochwasser im Juni nähert sich die Oder gerade wieder den normalen Pegelständen. Der Hochwasserscheitel sollte zunächst erst am Dienstag kommen, jetzt wird er aber wohl schon an diesem Montag erreicht sein. Bis dahin dürften die Krisenhelfer gut vorbereitet sein.

Am Sonntagnachmittag tritt dann auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich von der CDU vor Fernsehkameras – vor allem, um zu beruhigen. Mit gedämpfter Stimme spricht er von „örtlich aufgetretenen Hochwassern“ in Sachsen. Vergleichbar mit der Flut vor acht Jahren sei die Situation allerdings nicht, sagt er. Nur wenige Stunden zuvor hat er sich mit eigenen Augen überzeugt, was so „örtlich aufgetretene Hochwasser“ im Erzgebirge, der Sächsischen Schweiz und bei Zittau und Görlitz anrichten können. Doch Vergleiche nützen den Görlitzern jetzt nichts. Für sie ist es ihre Jahrhundertflut.

Auch Großmanns werden ihren gewohnten Alltag erst mal vergessen können. Die Jungs mussten ihr Schulzeug gestern noch nicht aus ihren Zimmern holen. Für sie, wie für alle Kinder der Stadt, fällt der Schulstart am Montag aus. Auch Frank Großmann hat sich bei der Industrie- und Handelskammer abgemeldet, wo er als Wirtschaftsförderer arbeitet. Zum Glück sind da Freunde und die Familie. „Wir teilen uns jetzt auf“, sagt Großmann. Die Jungs wohnen erst mal bei seinen Eltern, er zieht mit seiner Frau und der kleinen Viktoria zu den Schwiegereltern. „Wir haben es ja noch gut“, sagt er. „Andere hat es viel schlimmer getroffen.“ Bis der Katastrophenalarm aufgehoben ist, bleibt für viele Görlitzer die Turnhalle in der Berufschule das Asyl.

Aber Frank Großmann weiß auch: Je weiter die Flut sich aus dem Leben der Görlitzer zurückzieht, desto schwieriger wird es für die Opfer der Katastrophe. Dann beginnt der zähe Kampf mit Behörden, Handwerkern, Versicherungen. Auch seine Söhne Fabian und Leonhard wissen das – und würden lieber ganz normal in die Schule gehen.

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