Welt : Restrisiko Mensch

Wie ein komplexes Warnsystem Tsunami-Katastrophen vorhersieht – aber nicht immer verhindern kann

Roland Knauer

„Jede Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied“, sagt Dirk Reinhard von der Münchener-Rück-Stiftung. Als robuste Kettenglieder entpuppten sich am 17. Juli 2006 die unter Federführung des GeoForschungsZentrums (GFZ) in Potsdam installierten technischen Tsunami-Warnsysteme, die an diesem Tag die auf die indonesische Küste zurollenden Riesenwellen erfasst hatten. „Das Problem lag wohl eher auf der so genannten ‚letzten Meile‘, auf der eine Warnung die Menschen erreichen muss“, beschreibt Reinhard die Schwächen, die zur Katastrophe führten.

Um Indonesien vor Tsunamis schneller warnen zu können, hat das GFZ seit Weihnachten 2004 eine neue Messstation auf der Insel Nias vor Sumatra, eine weitere auf Sumatra selbst und zwei Stationen auf der Insel Java installiert. Japanische Forscher haben fünf weitere Stationen aufgebaut. Dieses Netz erfasst in acht Minuten, ob ein Seebeben stattgefunden hat, das Tsunamis auslösen könnte. Weitere Stationen sollen künftig helfen, Ort und Stärke des Bebens bereits nach zwei Minuten zu schätzen. Das erste Glied der Warnkette ist also recht solide.

Allerdings löst nicht jedes Seebeben Riesenwellen aus. Deshalb messen die deutschen Forscher mit zwei Bojen auf dem Meer vor der Insel Sumatra und dem Satellitenortungssystem GPS die Wellenbewegung auch direkt und übermitteln sie per Funksignal via Satellit an eine Zentrale. Unter den Bojen registriert ein Sensor am Meeresgrund den Druck, der Riesenwellen dort unten messbar macht. Die Daten werden an eine in Deutschland entwickelte Warnzentrale in der indonesischen Hauptstadt Jakarta übermittelt.

Am 17. Juli kam also dort bei den Behörden eine allgemeine Tsunami-Warnung an. Für Details fehlt zurzeit noch ein Computersystem, das ausrechnet, wie hoch die Wellen an den verschiedenen Küstenabschnitten auflaufen. Weitergegeben aber wurde wohl auch die allgemeine Warnung nicht. Das dritte Glied der Meldekette entpuppte sich also als Knackpunkt – die „letzte Meile“ zu den Betroffenen wurde nicht überbrückt.

Aber auch die nächsten Kettenglieder werden leicht zu Schwachstellen: So sei ein Problem, wie Katastrophenwarnungen die betroffene Bevölkerung rechtzeitig erreichen, erklärt Dirk Reinhard. Eine Alarm-SMS sei zwar einleuchtend, aber nicht jeder hat ein Handy am indonesischen Strand – oder die eingehende Nachricht bleibt unbemerkt. Lautsprecher könnten zwar eindeutig warnen, werden aber in bestimmten Ländern oft ignoriert, weil darüber oft irreführende Propaganda verbreitet würde. Am besten und schnellsten funktionieren immer noch unüberhörbare oder kaum zu übersehende Warnsysteme wie Sirenen, Warnflaggen oder –lampen an den Stränden.

Danach aber kommt das fünfte Glied der Kette, das Dirk Reinhard „Awareness“ nennt und das oft genug das schwächste Glied ist: Die Menschen müssen auch wissen, wie sie auf die Warnung reagieren sollen. Nur wenn Küstenbewohner, Besucher und Touristen wissen, dass sie sich vor Riesenwellen auf nahe liegende Hügel retten sollen, dann kann eine Tsunami-Warnung auch Menschenleben retten.

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