Welt : Rettungsaktion: Operation "Ground Zero"

Sibylle Salewski

Hunderte von erschöpften Feuerwehrleuten und Bauarbeitern haben am Sonntag in der Katastrophenzone im Süden Manhattans die verzweifelte Suche nach Überlebenden fortgesetzt. "Wir geben nicht auf", versicherte aber New Yorks Polizeichef Bernard Kerik den Familien der Vermissten. Die grausame Realität am sechsten Tag des Rettungseinsatzes ist jedoch: Seit Tagen wurde kein Opfer des Terroranschlags vom Dienstag mehr lebend aus den Trümmern geborgen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Stattdessen füllen die Retter weiter Leichensack um Leichensack mit zerfetzten Körperteilen, stolpern über Computer-Tastaturen, Stühle, Aktenkoffer und Handtaschen bei ihrer unermüdlichen Suche nach Lebenszeichen. "Alles ist möglich", sagt Bürgermeister Rudolph Giuliani und erinnert daran, dass nach früheren Katastrophen manchmal noch nach einer Woche und später Lebende gefunden worden seien.

Fast 30 000 Tonnen Schutt haben die Mannschaften bislang von den Trümmerbergen des einstigen New Yorker Wahrzeichens abgetragen. Während nur fünf Opfer lebendig unter Stahlträgern, Betonplatten und Glassplittern befreit werden konnten, stieg die Zahl der tot Geborgenen auf 159 und der Vermissten auf 4972. Für 99 Familien wurde die Angst mit der Identifizierung ihrer Angehörigen zur Gewissheit.

Die Arbeit am "Ground Zero", wie die engste Katastrophenzone genannt wird, hat sich zu einer grausamen Suchaktion gewandelt: Von den Toten im World Trade Center werden wohl vor allem Leichenteile gefunden werden, die keinerlei identifizierenden Merkmale mehr tragen außer ihrer DNA. Das Büro des Gerichtsmediziners von New York hat sich darauf vorbereit, von 20 000 Gewebeproben DNA-Tests zu machen, wie die "New York Times" berichtet. Körperteile, die die Helfer aus dem Schutt ausgraben, werden in Eimer gefüllt, in die Lobby eines Finanzbüros gebracht, dort in Leichensäcke verpackt und zu einer der provisorisch eingerichteten Leichenhallen gebracht. Von dort werden sie in die Laboratorien der Gerichtsmediziner transportiert. "Wir bereiten uns darauf vor, täglich zwischen 300 und 700 Gewebeproben zu testen", erklärte Robert Shaler, der Direktor der städtischen Gerichtsmedizin.

Für die Katastrophenarbeiter ist die psychologische Belastung vor Ort noch schlimmer. Direkt am Einsatzort sind Seelsorger, die sich allein um die dort im Einsatz befindlichen Menschen kümmern. Auch Krankenhäuser und das Rote Kreuz haben außerhalb der gesperrten Zone psychologische Betreuungen eingerichtet, an die die Helfer sich wenden können. Die Feuerwehr hat ihr eigenes Krisenzentrum eingerichtet. Eine kleine Gruppe von Psychologen aus verschiedenen Orten der USA warnt in einem offenen Brief an ihre Kollegen allerdings vor falscher psychologischer Betreuung: Kurze Beratungsgespräche, die mitten in der Krisensituation stattfinden, könnten die Bewältigung eines Traumas verzögern. Dies gelte besonders, wenn den Betroffenen das therapeutische Gespräch aufgedrängt werde.

Inzwischen hat die USS Comfort, ein großes Lazarettschiff der Marine, an der Südspitze Manhattans festgemacht. Es sollte ursprünglich die mit Verletzten überfüllten Hospitäler der Stadt entlasten. Doch in Ermangelung weiterer Geretteter dient es jetzt den Bergungsmannschaften für kurze Ruhepausen, zum Duschen und Essen. Die Kliniken New Yorks sind leer. Kurz nach der Katastrophe wurden die meisten Patienten nach Hause geschickt. Doch es gibt kaum Verletzte. Wer in dem Gebäude war, als es zusammenstürzte, ist tot.

Feuerwehrleute und Franziskanermönche sind zusammengekommen, um Pater Mychal Judge, Franziskanermönch und Feuerwehr-Seelsorger zu betrauern. Pater Judge las in den qualmenden Trümmern einem toten Feuerwehrmann die Sterbesakramente, als er einen Herzschlag erlitt und starb.

Die Bundesregierung hat die Meldung des US-Senders CNN als falsch bezeichnet, dass mehr als 500 Deutsche vermisst würden. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin sagte am Sonntag, es handele sich um Zahlen, die auf überholten Angaben beruhten. CNN hatte gemeldet, Deutschland stelle mit vier Toten und 550 Vermissten die größte Zahl der ausländischen Opfer. Die Sprecherin sagte, das Auswärtige Amt habe seit Dienstag 15 000 bis 20 000 Anrufe von besorgten Angehörigen erhalten. Es lasse sich derzeit keine seriöse und belastbare Vermisstenzahl angeben.

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