Welt : Rettungsarbeiten: Nur mit Gespür

Gideon Heimann

In der auch gestern Nachmittag noch rauchenden Trümmerhölle Süd-Manhattans geschehen immer wieder Wunder: Agenturen berichten von Handy-Anrufen Verschütteter, die darum flehen, herausgeholt zu werden. Mehrere Personen wurden gestern aus den Trümmern geborgen. Die Suche muss freilich in ebenso fieberhafter Eile wie mit größter Vorsicht stattfinden, um die Personen, die es zu finden und zu bergen gilt, nicht auch noch zusätzlich zu verletzen oder gar zu töten. Aber welche Chancen haben die Menschen, sich aus so einer Situation zu befreien oder befreit zu werden?

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Mit normalen Wohnhäusern, die etwa durch Gasexplosionen zerstört worden sind, lässt sich diese Katastrophe nicht vergleichen. Bei kleineren Gebäuden - vor allem, wenn sie aus großflächigen Betonplatten gegossen sind - bilden sich oftmals Hohlräume durch verkantete Bauteile. Das sind letztlich immer auch Schutzplätze, in denen ein Opfer selbst mit einigen Verletzungen sogar einige Tage überleben kann. Und selbst bei Altbauten können hölzerne Deckenbalken manche nachdrängende Last abfangen, obschon einstürzende Ziegelwände wiederum eine große Gefahr bedeuten, wenn sie alles unter sich begraben.

"Hier jedoch sind Fußbodenplatten und andere Teile mehrere Hundert Meter in die Tiefe gestürzt, haben sich aufgestapelt, sind durch die Wucht des Aufpralls aufeinander vermutlich auch zerbröselt. Schließlich sind diese Teile nie für eine solche Last, für solche Bewegungen berechnet worden." Olaf Kühn von der Berliner Feuerwehr, der vor drei Jahren an der Suche von Überlebenden nach einer Gasexplosion im Haus Nummer 57 in der Steglitzer Lepsiusstraße beteiligt war, kann daher auch nur spekulieren: "Es wird sicher einige Überlebende geben. Das Problem ist nur: Wie kommt man an sie heran?" In Steglitz haben mehr als 150 Retter eine Kette zum Abtransport der Trümmer bilden müssen - und haben gut zwei Tage gebraucht. Erst nach dieser Zeit war alles so weit abgetragen, dass man mit Sicherheit sagen konnte, es sei niemand mehr verschüttet.

Aber das war ein Berliner Wohnhaus mit nur fünf Obergeschossen. Auf Manhattan jedoch sind auf einer vergleichsweise geringen Grundfläche zwei Türme mit jeweils 110 Stockwerken in sich zusammengesackt. Per Hand kommt man da nicht weiter, allein schon, weil sich Stahlträger verbogen und ineinander verwunden haben - das Material muss zeitraubend und mit großem Aufwand zerlegt werden. Grafik: Die Belegung des World Trade Center

Schweres Gerät freilich dürfte kaum herangeschafft werden können - man liefe Gefahr, damit eben jene Hohlräume zusammenzudrücken, die vielleicht noch als Zufluchtsort genutzt werden. Da helfen nur weit hinausragende Kräne oder Hubschrauber, was wiederum in der Enge schwierig wird, gibt Detlef Hermann zu bedenken. Er ist Ausbilder beim Technischen Hilfswerk in Berlin und war ebenfalls bei den Rettungsarbeiten bei dem Unglück in der Lepsiusstraße beteiligt.

Doch selbst in einem solchen, vorerst sicheren Eckchen hängt das Überleben von viel Glück ab. So bestanden die Zwischenwände des Gebäudes aus leichtem Material - vermutlich Gips. Und der hat sich bei dem Zusammensturz zu Staub zermahlen, der nicht nur draußen das Atmen erschwert und die Augen verkleistert, die Schleimhäute ätzt.

So sieht man in den TV-Berichten immer wieder, dass sich auch die Retter - sofern sie keinen schweren Atem- und Gesichtsschutz tragen - immer wieder die Augen spülen, um überhaupt etwas erkennen zu können. Möglichst saubere Atemluft zu finden, dürfte im Inneren der Trümmerwelt also schwer werden - zumal es ja auch einen Brand gegeben hat, bei dem Möbel und Kunststoffe in Flammen aufgegangen sind. Es muss also damit gerechnet werden, dass auch gesundheitsschädliche Dämpfe entstanden sind.

Die zweite Notwendigkeit zum Überleben ist Wasser. So hat zwar eine beim Erdbeben in der Nordwesttürkei Anfang 1999 verschüttete Frau das Ereignis um gut eine Woche überstanden - aber vermutlich nur aufgrund einer ganz außergewöhnlichen Konstitution, schätzen die Fachleute. Denn eigentlich kann der menschliche Organismus nur wenige Tage ohne Getränk auskommen - abhängig von der Umgebungstemperatur. Fast ebenso wichtig wie die körperliche Verfassung des Betroffenen ist die seelische. Es geht dabei um den festen Überlebenswillen, der auch hilft, größere Strapazen zu überleben. Wer sich jedoch aufgibt, der raubt seinem Körper die Kraft, betont Hermann.

Und wie kann man Verletzte, womöglich sogar Ohnmächtige, aufspüren? "Wir haben Hunde, akustische und optische Sonden sowie eine Radartechnik zur Verfügung", berichtet Kühn. Aber es helfen nur alle Verfahren gemeinsam, keines ist allein ausreichend, ergänzt er. Für akustische Sonden muss es ruhig genug sein - was es an einer solchen Unglücksstelle nur selten ist. Für den Einsatz von Radar muss man die Materialien in der sondierten Umgebung kennen, sonst kann es bei der Beurteilung des Bildes zu Fehlinterpretationen kommen.

Aber die Hunde? Geruchssinn und Gehör der Tiere sind bei solchen Aufgaben unverzichtbar, sagt Kühn. Aber die Tiere sind in so schwerer, staubbelasteter Umgebung höchstens eine Stunde lang einsetzbar, danach müssen sie ausruhen.

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