Welt : Rettungsarbeiten: Schmerzvolle Wahrheit

Die Entscheidung, die auch die letzte Hoffnung erstickt, rückt unweigerlich näher: Eine Woche nach den Anschlägen stehen die New Yorker vor der quälenden Frage, wann sie die Suche nach Überlebenden in den Trümmern des World Trade Center einstellen sollen. Im Licht der Scheinwerfer gruben sich Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Freiwillige auch am Dienstag vorsichtig durch den Trümmerberg, der von den 110 Stockwerke hohen Zwillingstürmen übrig geblieben ist. "Als ob man mit einem Zahnstocher die Erde aufgraben wollte", beschreibt ein Feuerwehrmann die mühselige und bedrückende Arbeit. Begraben unter Massen von Beton und Stahl werden noch mehr als 5000 Menschen in den Trümmern vermutet. Über 200 wurden bereits tot geborgen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, schwindet von Tag zu Tag. Ein Übergang von den Rettungs- zu Bergungsarbeiten würde den Helfern erlauben, vermehrt schweres Arbeitsgerät zu verwenden. Bürgermeister Rudolph Giuliani, bemüht sich, Angehörige und Freunde der Vermissten auf die traurige Wahrheit vorzubereiten: "Jeder muss sich auf die Tatsache einstellen, dass wir nicht in der Lage sein werden, noch eine große Zahl von Menschen zu retten." Seit Mittwoch voriger Woche, dem ersten Tag nach dem Einschlag von zwei Passagierflugzeugen in den Bürotürmen, ist niemand mehr lebend geborgen worden.

Aber die Helfer setzen ihre Arbeit fort. Der Bürgermeister verweist darauf, dass nach Ansicht von Experten womöglich noch Überlebende in Hohlräumen der Schuttmassen zu finden seien. "Außerdem", ergänzt Giuliani, "wenn ich sie stoppen wollte, würden sie mir gar nicht zuhören." Aber die Zuversicht unter den Helfern schwindet. "Ich schätze, wir haben alle im Grunde begriffen, dass die Chancen praktisch bei null liegen", sagt Polizei-Pensionär Robert Crystal am Ort der Katastrophe.

Den Helfern setzen auch die eigenen Verluste zu. "Es macht mir jetzt mehr zu schaffen", sagt Feuerwehrmann Bruce Jacoby, der beim Einsturz der Zwillingstürme einen Kollegen verloren hat.

Verwandte, die von weit her angereist sind in der Hoffnung auf ein Zeichen von ihren vermissten Angehörigen, machen sich zusehends gefasst auf die traurige Gewissheit. Christine Barton war vor einer Woche den weiten Weg von Florida nach New York gefahren, um ihre Tochter Jeanmarie Wallendorf zu suchen. Sie arbeitete im 88. und 89. Stockwerk des Turms zwei - Etagen, die direkt vom zweiten Flugzeug getroffen wurden. "Falls noch ein kleines - Gott stehe mir bei - Stück von ihr übrig ist, nehme ich meine Tochter mit zurück. Was auch immer", sagt Barton. Andere wollen die Hoffnung nicht aufgeben. "Wunder geschehen", sagt Anthony Gardner, der unentwegt ein Plakat mit Fotos seines Bruders Harvey hoch hält.

Viele Bewohner von Lower Manhattan halten es kaum noch aus. Der Ausblick hatte Richard Mendles einfach fasziniert. "Diese stolzen Türme, die alles überragten", sagt der 36-Jährige. "Mein Gott, es war teuer, aber hier wollte ich unbedingt wohnen." 2800 Dollar ließ er sich die winzige Zweizimmer-Wohnung im Haus River Terrace 22 jeden Monat kosten. Nun will er so bald wie möglich umziehen. "Wer will schon ständig ein Massengrab sehen, wenn er rausguckt?"

So wie Mendles geht es offenbar Hunderten der rund 25 000 New Yorker, die ihrer Häuser in der Umgebung des World Trade Center verwiesen wurden. Unter strengen Auflagen dürfen sie inzwischen in ihre Wohnungen zurückkehren - vorerst allerdings nur für etwa 15 Minuten. Jeder darf eine Begleitperson zur Hilfe beim Koffertragen mitnehmen. In langen Schlangen stehen sie an, um sich Registriernummern geben zu lassen. Dann werden sie, bewacht wie Sträflinge, mit Bussen in das Umfeld von "Ground Zero" gefahren, wie die unmittelbare Katastrophenzone um das von Terroristen zum Einsturz gebrachte World Trade Center genannt wird.

Mit bedrückten Gesichtern kommen die meisten aus ihren Wohnungen zurück, die immer noch keinen Strom haben und erbärmlich nach dem verfaulenden Inhalt der Kühlschränke riechen. "Wir wollen nicht klagen", sagt eine ältere Frau. "Wir leben wenigstens noch." Wegziehen will sie aber auch, sobald es geht.

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