Welt : Revolution auf Chinas stillen Örtchen

NAME

Von Harald Maass, Peking

Toiletten sind in China ein Ort der Völkerverständigung. Irgendwann, wenn zwischen Sommerpalast und Kaiserstadt die Natur ruft, landet jeder Besucher im öffentlichen Klohäuschen. 4700 gibt es allein in Peking – unter Reisenden sind sie berüchtigt. Wer den beißenden Gestank aus Fäkalien und Ammoniak überwindet und mit Mühe die Hockstellung über dem fliegenverseuchten Plumpsklo gefunden hat, sollte ein geselliges Gemüt haben. Da es keine Türen und nur niedrige Seitenmauern gibt, hat man als Ausländer schnell ein paar Zuschauer. Nirgendwo kommen sich die Kulturen so nah.

Die nervenaufreibenden Klobesuche, die manch einen Touristen zur Nahrungsverweigerung trieb, sollen bald der Vergangenheit angehören. Als Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2008 hat Pekings Stadtverwaltung die „Toiletten Revolution“ ausgerufen. Für 240 Millionen Yuan (32 Millionen Euro) sollen 747 öffentliche Bedürfnisanstalten renoviert werden. „Die öffentliche Toilette ist das Fenster zu einer Zivilisation“, heißt es in einem Amtsschreiben. Bis hoch in die Staatsspitze hat man das Problem erkannt: „Wie kann es sein, dass China Satelliten bauen kann, aber keine Toilette, die nicht stinkt“, zürnte Staats- und Parteichef Jiang Zemin.

In den sechziger Jahren hatten Maos Kommunisten die privaten Klos in den Häusern abgeschafft und die Gemeinschaftsklos errichten lassen – Chinas erste Toiletten-Revolution. Die meisten Bewohner der Altstadt haben bis heute kein eigenes Bad. Wenn die Blase drückt, müssen sie auch bei Regen und Schnee durch die Gassen marschieren. Für die Alten gibt es meist nur den „ma tong“ – den Nachttopf.

Als erste Stadt der Welt hat Peking nun seine Toiletten mit Sternen kategorisiert, wie bei Hotels. Eine „Ein-Sterne-Toilette“ müsse mindestens 40 Quadratmeter, Spiegel und Händetrockner haben und für Rollstuhlfahrer zugänglich sein, heißt es in den Bestimmungen. Zwei-Sterne-Einrichtungen haben automatische Duftzerstäuber und eine „Touristen Lounge". Für Besucher aus Übersee, die ihr Geschäft lieber im Sitzen als in der Hocke erledigen, wurde eine tragbare Klobrille erfunden, ein Toilettensitz mit Eisengerüst. Die Chinesen selbst bleiben lieber in der hygienischen Hockstellung – was man in Flugzeug-Toiletten an den Schuhabdrücken auf der Klobrille erkennt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben