Welt : Rewe: Falsch deklariert

Hedwig Rohde

Mit dem schönen Wetter hat die Grillsaison begonnen. Auch die Supermärkte haben sich darauf eingestellt. "Marinierte Hüftsteaks" offerierten die zur Rewe-Handelskette gehörenden miniMal-Märkte in Hessen und Rheinland-Pfalz am 21. Mai. Mancher begeisterte Hobby-Grillmeister mag da erfreut zugegriffen haben. Im Nachhinein hat sich das Sonderangebot allerdings zumindest als zweifelhaft entpuppt. Seit dem 25. Mai ermittelt die Staatsanwaltschaft Gießen gegen die in Köln ansässige Rewe wegen des Verstoßes gegen die Kennzeichnungspflicht von Rindfleisch. Ein Mitarbeiter der Rewe-Zentral-AG im wetterauischen Rosbach v.d.H. (bei Friedberg/H.) wird beschuldigt, den Verkauf von bis zu 30 Tonnen zuvor eingefrorenen Rindfleisches als Frischware angeordnet zu haben. Dies wird von Rewe bestritten.

Zum Thema Online Spezial: BSE Die Anzeige war in Bad Kreuznach eingegangen: Der dortigen Staatsanwaltschaft berichtete ein Zeuge vertraulich von der Aktion, die auf den Mitarbeiter der Zentrale in Rosbach zurückgehen soll. Hintergrund: Auf dem Höhepunkt der BSE-Krise im vergangenen Jahr, als Verbraucherinnen und Verbraucher den Metzgern scharenweise davonliefen, saß auch die Rewe-Handelskette auf großen Mengen Jungbullenfleisch, die sie nicht absetzen konnte. Das Fleisch wurde in einem Tiefkühllager eingefroren. Im Frühjahr soll nun, so der Vorwurf, der Mitarbeiter angeordnet haben, das Fleisch aufzutauen und im April und Mai als Frischfleisch-Sonderangebote über die miniMal-Märkte in Hessen und Rheinland-Pfalz zu verkaufen. Ab dem 23. April wurden die Chargen ausgeliefert: als Rinderrouladen zum Angebotspreis von 13,99 Mark das Kilo, teilweise auch mariniert.

Eine groß angelegte Durchsuchungsaktion am vergangenen Freitag sowohl in der Rewe-Zentrale in Rosbach als auch in verschiedenen miniMal-Märkten in den mittelhessischen Landkreisen Wetterau, Gießen und Lahn-Dill, bei einem Großmetzger in Wetzlar, in mehreren Privatwohnungen sowie bei der Datenzentrale der Rewe in Frankfurt hat den Verdacht der Ermittler erhärtet. Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen, erklärte, in mehreren miniMal-Märkten in den Landkreisen Gießen und Wetterau habe man am Freitag falsch deklariertes Rindfleisch gefunden. Das nicht mehr frische Fleisch hätte mit dem Hinweis "aufgetaut" - sofort verzehren" versehen werden müssen.

Der Sprecher der Rewe in Köln, Wolfram Schmuck, zeigte sich von der Auskunftsfreude der Staatsanwaltschaft Gießen überrascht; es handle sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren. Nach seinen Angaben ist aufgetautes Fleisch nur in einem miniMal-Markt als Frischfleisch verkauft worden; eine Anweisung für dieses Vorgehen habe es nicht gegeben. Zudem habe Rewe das Fleisch in der vergangenen Woche zurückgezogen. Die Staatsanwaltschaft hält indessen an ihrem Verdacht fest, das Fleisch sei nicht "versehentlich", sondern aufgrund einer "zentralen Steuerung" in die miniMal-Märkte gelangt.

Verwirrung stiftete am Dienstagmittag eine Erklärung der hessischen Sozialministerin Marlies Mosiek-Urbahn, wonach es nicht illegal sei, aufgetautes Fleisch ungekennzeichnet zu verkaufen, wenn es mariniert sei. Dies ist, wie Oberstaatsanwalt Hübner bestätigte, lebensmittelrechtlich korrekt. Zudem zerstöre eine Marinade Enzyme im Fleisch; vorheriges Tieffrieren könne danach nicht mehr festgestellt werden. Die Staatsanwaltschaft ermittle gegen Rewe aber nicht wegen des Verkaufs von mariniertem Fleisch, sondern wegen des Verdachts, seit dem 23. April aufgetautes Fleisch unmariniert verkauft zu haben, ohne es zu deklarieren.

Außerdem stamme das Fleisch wahrscheinlich von Rindern, die nicht auf BSE getestet wurden, hieß es von Seiten der hessischen Behörden. Laut Sozialministerium sind aber sämtliche Tiere jünger als 20 Monate gewesen, so dass sie weder vor dem Einfrieren noch jetzt auf BSE getestet werden müssen.

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