Richard Gere : Sinnsucher und Sexsymbol

Sein Image als Märchenprinz wird Richard Gere nicht los. An diesem Montag feiert er den 60. Geburtstag.

Sonja Pohlmann
Gere Foto: dpa
Seit 30 Jahren spielt Richard Gere mit Vorliebe die Rolle des charmanten Verführers. -Foto: dpa

Als Richard Gere und seine damalige Frau, das Supermodel Cindy Crawford, ein neues Haus suchten, besichtigten sie eine Fünf-Millionen-Dollar-Villa in Bel Air. Während Crawford sofort in die Küche ging, blieb Gere im Wohnzimmer zurück, ließ sich im Lotussitz nieder und versuchte, die Schwingungen des Raumes aufzunehmen. So erzählte Crawford die Geschichte einem US-Magazin und sah darin versinnbildlicht, warum die Ehe nach vier Jahren scheitern musste. Sie die Praktikerin, er der Esoteriker, das konnte nicht gut gehen – doch das Bild erzählt vielleicht noch mehr. Es steht für das, was Gere für viele Frauen so anziehend macht: er bietet Köpfchen und Körper, ist Mann und versponnener Junge zugleich, eine Mischung mit entsprechender Wirkung: Gere ist wohl das einzige Sexsymbol, für das sich Frauen aus drei Generationen gleichzeitig begeistert können.

Wenn Gere an diesem Montag 60 wird, hat er trotz grauer Schläfen, Brille, leichtem Bauchansatz und Falten um die Augen an Anziehungskraft nicht verloren. Er selbst sieht das anders. Für ein Sexsymbol sei er inzwischen zu alt, sagte er kürzlich. Doch eigentlich hat sich Gere ohnehin nie wirklich um sein Image als Frauenschwarm gekümmert. Er, der früher als junger Mann eher depressiv und grüblerisch war, Jean-Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“ las und laut „Spiegel“ mit 21 freiwillig in eine New Yorker Nervenklinik eincheckte aus Angst, sich selbst etwas anzutun, war mitten in der glamourösen Filmwelt immer auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens – bis er die Antwort im Buddhismus fand. Denn Gere ist nicht nur eines der größten männlichen Sexsymbole, sondern gleichzeitig der in der westlichen Welt bekannteste Buddhist nach dem Dalai Lama.

Dabei wurde Gere in eine christliche Familie hineingeboren. Als Sohn eines Versicherungsvertreters und einer Hausfrau wuchs er an der amerikanischen Ostküste auf, sonntags ging er zusammen mit seinen vier Geschwistern in die Kirche. Er begeisterte sich für Musik, lernte Klavier, Gitarre und Trompete. Doch schon damals auf Sinnsuche, begann er zunächst ein Philosophiestudium an der Universität von Massachusetts, das er nach zwei Jahren abbrach. Gere folgte seiner musikalischen Leidenschaft, ging an den Broadway, wo er in mehreren Produktionen mitspielte und dann ans Theater wechselte. Als er in dem Stück „Bent“ einen Homosexuellen in einem deutschen Konzentrationslager spielte, wurde er sogar mit dem jungen Marlon Brando verglichen.

Doch beim Film blieb der Erfolg zunächst aus, mit seiner ersten Rolle in „Report to the Commissioner“ landete er einen Flop. Aber dann gelang ihm 1980 der Durchbruch mit „American Gigolo“. In dem Film, der in Deutschland unter dem Titel „Ein Mann für gewisse Stunden“ bekannt ist, spielt Gere einen 1000-Dollar-Callboy, der einsamen Ehefrauen reicher Männer immer noch ein bisschen mehr als den perfekten Orgasmus bot – er versprach Romantik und Geheimnis, stand für Verführung und die Suche nach der Erlösung.

In „Pretty Woman“, 1990 nach „Ein Offizier und ein Gentleman“ sein dritter Riesenerfolg, lässt er sich als Finanzhai Edward Lewis von der Prostituierten Vivian Ward verführen, holt sie mit Kreditkarten, Privatjet und Limousine aus dem Untergrund in die Upper-Class, und am Ende erlösen sich beide durch ihre gegenseitige Liebe. Ein modernes Märchen, das mädchenhafte Sehnsüchte nach einem Prinzen befriedigt (produziert wurde „Pretty Woman“ übrigens von den Walt Disney Studios).

Gere und Julia Roberts, mit der er 1999 noch einmal in der romantischen Komödie „Die Braut, die sich nicht traut“ einen Hit landete, waren ein Dream-Team, das noch heute gerne für Mädchen-Runden mit DVD und Prosecco auf dem Bildschirm reaktiviert wird. Auch wenn Gere in seinen mehr als 40 Filmen – beispielsweise als betrügerischer Sir Lanzelot in „Der erste Ritter“ oder rampenlichtsüchtiger Anwalt in „Zwielicht“ – immer wieder andere Charaktere verkörperte und 2003 für seine Rolle in der Musical-Komödie „Chicago“ den Golden Globe erhielt, bleibt doch immer die Rolle des einfühlsamen Verführers an ihm kleben.

Gere machte aber auch durch politisches Engagement auf sich aufmerksam. Immer wieder reiste er nach Tibet, setzte sich in Meinungsbeiträgen, die auch im Tagesspiegel veröffentlicht wurden, für die Tibeter und den im Exil lebenden Dalai Lama ein. 1993 nutzte er die Oscar-Verleihung für eine Rede zur Freiheit der unterdrückten Region und machte sich damit in China keine Freunde. „Mir ist es nie um Geld und Ruhm gegangen“, sagte Gere 2002 dem „Spiegel“. „Das Ziel ist, die innere Befreiung zu erreichen.“

Zwar versuchen viele Stars durch Religion eine Berechenbarkeit in der oft unberechenbaren und oberflächlichen Filmbranche zu finden. Doch während viele von Geres Kollegen eine Art Glaubens-Hopping wie die Jagd nach der neuen It-Bag betreiben, bleibt Gere seinem Glauben treu. Köpfchen und Körper eben, das dürfte auch seine jetzige Frau, das Bond-Girl Carey Lowell („Lizenz zum Töten“), begeistert haben, mit der er einen neunjährigen Sohn hat und die seine Spiritualität teilt. Dass es Gere mit seiner Religiosität am Ende nicht übertrieben hat und Mönch geworden ist, wie er tatsächlich einmal überlegte, dürfte sie ebenso froh machen wie seine weiblichen Fans. Ein Sexsymbol im Kloster, das gibt’s noch nicht mal im Märchen.

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