Rio de Janeiro : Samba und Soldaten - oder der politische Karneval

Überschattet von zunehmender Gewalt und Finanzproblemen nach den Olympia begibt sich Rio jetzt in den Karnevalsrausch – und der gestaltet sich durchaus politisch.

Mit mystischen Tänzen haben die sogenannten Baianas das Sambódromo in Rio für die großen Paraden ab Freitag "gereinigt".
Mit mystischen Tänzen haben die sogenannten Baianas das Sambódromo in Rio für die großen Paraden ab Freitag "gereinigt".Foto: AFP

Aus „Bom Dia“ („Guten Tag“) wird dieser Tage „Bom Bloco“ („Guten Umzug“). Es ist fast unmöglich, den Überblick zu behalten, wer beim Karneval wann wo durch Rio de Janeiro zieht. Schon lange vor dem offiziellen Start am Freitag mit der Übergabe des Stadtschlüssels an König Momo, seine Karnevalskönigin und seine Prinzessinnen gibt es seit Tagen Samba-Umzüge. Der Karneval ist dieses Jahr auch eine Ablenkung von großen Problemen in Brasilien – eine Parallelwelt der Freude, aber auch des gesellschaftlichen Protestes.

Die Cariocas, die Bewohner Rio de Janeiros, lieben das Feiern, aber der Kater von der letzten großen Sause ist noch lange nicht verklungen. Das waren die Olympischen Spiele im vergangenen Sommer. 9000 Soldaten patrouillieren schwer bewaffnet durch die Stadt, auch im Polizeiapparat gärt es. Die Stadt hat sich mit den Milliardenkosten für Olympia übernommen: Gehälter wurden, wenn überhaupt, oft erst sehr verzögert gezahlt; die Sicherheitslage etwa in Favelas hat sich stark verschlechtert. Die neu errichteten und gerade noch rechtzeitig fertiggestellten Sportstätten verfallen, das berühmte Maracanã-Stadion ist seit Wochen geschlossen – Katzen streunen herum, der Rasen ist vertrocknet, Sitze herausgerissen.

So sind das Feiern und die prachtvollen Sambaparaden im allabendlich mit über 70.000 Menschen gefüllten Sambódromo auch eine Flucht aus dem tristen Alltag. In Rio gibt es dieses Jahr 452 Blocos, das sind noch einmal 53 Umzüge weniger als im Vorjahr, als wegen finanzieller Engpässe bei vielen Gruppen auch schon gespart werden musste, etwa bei den Kostümen.

Brasilien 2017 ist ein Land in tiefer Krise, auch wenn sich die Wirtschaftsdaten etwas verbessern. Einerseits herzensgute Menschen, heiße Rhythmen, das pralle Leben. Aber dann die Gewalt; allein seit Januar über 120 Tote bei Gefängnismeutereien, die auch das Ergebnis eines verkorksten Strafvollzugs sind. Rund 622.000 Häftlinge sitzen derzeit in Gefängnissen, die eine Gesamtkapazität von nur 372.000 Plätzen haben.

Im benachbarten Bundesstaat Espírito Santo wurden während eines Polizeistreiks gerade innerhalb einer Woche über 130 Menschen ermordet, auch hier mussten tausende Soldaten von der Zentralregierung geschickt werden. Dort wurden wegen der fragilen Sicherheitslage in 16 Städten die Karnevalsumzüge abgesagt. Die aus dem Ruder gelaufene Lage hat sogar den Chef der Streitkräfte zu einer ungewöhnlichen Stellungnahme veranlasst: Brasilien fehle „ein Minimum an sozialer Disziplin“, sagte General Eduardo Dias da Costa Villas Bôas dem Magazin „Valor“.

Bürgermeister Marcelo Crivella verreist während der Sause lieber

Aber die ersten Umzüge zeigen: Jetzt wird das alles mal vergessen, in der Hoffnung, dass die Gewaltwelle nicht auch den Karneval in Rio erreicht. Der gestaltet sich selbst durchaus kritisch: Gruppen verkleiden sich etwa als „Donald Trumps Mauer“, andere treten in Sträflingsuniformen mit den Namen von Prominenten auf. Jüngst erst wurde der einst reichste Brasilianer, Eike Batista, vom Flughafen – wo er aus New York ankam – direkt ins Gefängnis gebracht. Ihm wird Politikerbestechung vorgeworfen.

Ohnehin spielt nicht nur das Vorgehen der Justiz gegen Korruption eine Rolle im Karneval. Er ist nicht nur oberflächliche Parallelwelt, sondern Ausdruck des brasilianischen Lebens – und in diesem Jahr politisch wie lange nicht mehr. Einige allzu frauenfeindliche Lieder wurden verbannt. Eine der großen Sambaschulen inszeniert ihren Auftritt als sattgrüne Hommage an 17 bedrohte indigene Ethnien. Die Schule Imperatriz und ihre mehreren tausend Tänzer wollen damit den durch die Aufweichung von Schutzzonen im Amazonasgebiet bedrohten Völkern eine Stimme geben. Durch den Sojaanbau und die Rohstoffausbeutung werden immer mehr indigene Gemeinschaften ihrer natürlichen Lebensräume dort beraubt.

Einer wird übrigens – entgegen jeder Tradition – nicht beim Karneval dabei sein: der neue Bürgermeister Marcelo Crivella. Seine Wahl hat gezeigt, dass sich viele – gerade weiße – Cariocas wegen der schwierigen Lage des Landes nach einem Heilsbringer mit einfachen Lösungen sehnen. Der Ex-Sektenbischof gehört der „Universalkirche des Königreiches Gottes“ an. In den Favelas will er mit harter Hand durchgreifen, lokale Medien vergleichen ihn schon mit US-Präsident Donald Trump. Über Schwarze sagte Crivella mal, sie würden vor allem Cachaça-Schnaps und Prostitution mögen. Der Bürgermeister scheint kein Freund der Samba-Sause in Brasilien zu sein – er hat angekündigt, während des Karnevals zu verreisen. (dpa)

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