Rio de Janeiro : Sambagruppe tanzt auf Karneval mit Holocaust als Thema

Die Geschmacklosigkeit ist kaum zu überbieten: Ein Karnevalswagen in Rio soll Skulpturen von KZ-Opfern zeigen. Juden kritisieren das pietätlose Gruselmotiv.

Philipp Lichterbeck

Die Sambagruppe Viradouro will sich beim Karnevalsumzug in Rio de Janeiro mit einem Wagen präsentieren, auf dem Motive aus dem Holocaust zu sehen sind. Er steht unter dem Motto „Gänsehaut erregen“. Zu sehen sind abgemagerte übereinanderliegende Körper, die an Bilder aus Bergen-Belsen nach der Befreiung des Konzentrationslagers erinnern, daneben türmen sich Berge aus Schuhen und Koffern. Aus Respekt vor den Opfern der Nazis würden auf dem Wagen allerdings keine Samba-Tänzer auftreten, sagte eine Sprecherin von Viradouro. Der Karneval, der heute beginnt und bis 5. Februar dauert, wird von Millionen Menschen in Rios Sambadromo oder live am Fernseher verfolgt.

Protest gegen den Holocaust-Wagen kommt bisher nur von der Jüdischen Förderation Rio de Janeiros. Sie droht mit einer Klage. Ihr Präsident Sergio Niskier sagte, Viradouro habe ihn schon vor drei Monaten auf das Projekt hingewiesen, und er sei dagegen gewesen. Daher sei er nun überrascht und pikiert. Der Designer des Wagens verteidigt die Darstellung als „sehr respektvoll“. Er wolle warnen, damit sich der Holocaust nie wiederhole. „Gute Absichten reichen nicht“, erwidert Niskier. Es ist nicht der erste Streit in Rio um die Motivwagen. Schon mehrfach zogen Karnevalsgruppen ihre Wagen nach Protesten der katholischen Kirche zurück.

Die Pietätlosigkeit von Viradouro deutet indes auf die fehlende Sensibilität vieler Brasilianer beim Thema Holocaust hin. Der Völkermord wird als Steinbruch des Gruselns ausgebeutet, obwohl viele Juden während der Nazi-Herrschaft in Brasilien Zuflucht fanden. Darüberhinaus gibt es vor allem in Süd-Brasilien Neonaziorganisationen und einen virulenten Antisemitismus. Hitlers „Mein Kampf“ ist letztes Jahr in einer neuen Pracht-Ausgabe erschienen und findet laut „Deutschlandradio Kultur“ reißenden Absatz. Im Opernhaus von Rio wurde vor wenigen Jahren der brasilianisch-jüdische Theaterregisseur Gerald Thomas nach einer Wagner-Inszenierung als „verdammter Jude“ beschimpft. Aus dem vornehmen Publikum schallte es: „Zurück ins KZ.“ Philipp Lichterbeck

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