Welt : Riskante Leidenschaft

Beim Kitesurfen fliegt der Mensch über das Wasser. Ein 60-jähriger Berliner verlor dabei sein Leben – kein Einzelfall

Annette Kögel

Göhren-Lebbin - Der Trendsport verschafft einem Glücksgefühle, doch leider kann er tödlich enden. Kitesurfen, das elegante Gleiten an einem Lenkdrachen übers Wasser, macht es dem Menschen möglich, wie ein Vogel zu fliegen. Doch beim Kitesurfen liegen Faszination und Gefahr dicht beieinander: Am vergangenen Mittwochabend ist wieder einer der Wassersportler tödlich verunglückt.

Der Berliner Horst Sch. starb beim Kitesurfen am Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Windböe hatte den Drachen des 60-Jährigen erfasst, der Wilmersdorfer wurde gegen einen Fahnenmast am Ufer geschleudert, erlag seinen inneren Verletzungen. Doch dieser dramatische Unglücksfall, sagen Branchenkenner hinter vorgehaltener Hand, muss dem Kitesport nicht unbedingt schaden. Denn es ist auch ein gewisser Kitzel der Gefahr, der manche der Surfer an dem Sport reizt.

Kitesurfer lieben die Herausforderung. Die Zahl derer, die auf ein kleines Surfbrett steigen und sich in die Lenkstange hängen, mit der sie den Drachen am Himmel bewegen, nimmt in Deutschland ständig zu. Rund 12 000 Sportler kiten, darunter auch viele Frauen , sagt Dirk Muschenich, Lehrteamleiter beim Verband Deutscher Windsurfing- und Wassersportschulen (VDWS). Gerade während des bislang durchwachsenen Sommers haben viele ihre Ausrüstung startklar gemacht.

Wie der Mann aus Berlin. An Mittwoch fegte ein frischer Wind über den Fleesensee – aber sehr, sehr böig. „Das sind Bedingungen, bei denen man besser am Ufer wartet“, sagt Dirk Muschenich. Horst Sch. soll lange Geduld bewiesen haben – doch dann war die Lust zu groß: Gegen 18 Uhr 30 ging er aufs Wasser. „Der Mann ist dicht unter Land gefahren“, sagt Friedhelm Nofz, Leiter der Kripo in Waren. Dann sei eine Böe „in den Schirm gerast“. Sch. verlor die Kontrolle, prallte gegen den Mast. Er starb in der Klinik.

Die Sportindustrie bemüht sich seit Jahren, solchen Unglücksfällen vorzubeugen. „Die Kitefirmen bieten mittlerweile alle ausgereifte Sicherheitstechniken, mit denen man sich in Notlagen vom Schirm lösen kann“, sagt Kitelehrer-Ausbilder Muschenich. Der Sicherheitsstandard sei vergleichbar mit der Qualität eines Airbags beim Auto. Doch man müsse sein Auswurfsystem genau kennen – und Notsituationen immer wieder üben. „Es geht um Bruchteile von Sekunden“, sagt Muschenich. In über fünf der zehn Stunden VDWS-Anfängerschulung werden Sicherheitsfragen behandelt, „so intensiv, dass es vielen schon aus den Ohren raushängt“. Doch das sei nun mal lebenswichtig.

„Kitesurfen sieht so leicht aus, deswegen ist die Gefahr groß, sich zu überschätzen“, sagt Uwe Schröder, Inhaber des Berliner Trendsportladens „360°“ und einer der Geschäftsführer der Silke-Gorldt-Stiftung. Die deutsche Kitesurfmeisterin war 2002 im Alter von 26 Jahren an der Ostsee zu Tode geschleift worden. Jetzt bildet die Stiftung Jugendliche gratis in Kitesicherheitstechniken aus. Und bietet Angehörigen von verunglückten Kitern Beistand. Für Horst Sch. will die Stiftung einen Kranz an der Unglücksstelle ablegen.

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