Risse in Auffangbecken : Giftiger Schlamm: Dorf Kolontar erneut evakuiert

Das Chemieunglück in Ungarn könnte zur Verseuchung der Nahrungsmittelkette führen, warnt Greenpeace. Am Samstag ist das Dorf Kolontar erneut evakuiert. Es droht eine neue Überschwemmung.

Lissy Kaufmann
Aufräumarbeiten. Einsatzkräfte spritzen in Kolontar den Schlamm von den Häusern und Straßen. Zuvor war dort roter Industrieschlamm durch die Straßen geströmt, nachdem am Speicherbecken einer benachbarten Bauxitfabrik ein Damm gebrochen war.Foto: Aaron Taylor/dpa
Aufräumarbeiten. Einsatzkräfte spritzen in Kolontar den Schlamm von den Häusern und Straßen. Zuvor war dort roter Industrieschlamm...Foto: dpa

In Ungarn ist das Dorf Kolontar wegen einer drohenden erneuten Überschwemmung mit giftigem Rotschlamm vollständig geräumt worden. Es sei die Evakuierung des Ortes angeordnet worden, sagte der Leiter des regionalen Katastrophenschutzes, Tibor Dobson, der Nachrichtenagentur AFP am Samstag. In der Einfassung des Auffangbeckens für den Schlamm seinen neue Risse aufgetaucht, der Damm drohe komplett einzustürzen.
Am Montag waren aus dem Auffangbecken der Aluminiumfabrik Ajka etwa 1,1 Millionen Kubikmeter hochgiftiger roter Schlamm ausgelaufen. Kolontar war mit weiteren Ortschaften überflutet worden. Mindestens sieben Menschen starben bei dem Unglück im Westen des Landes.
mt AFP

Der giftige Schlamm ist überall: in den Dörfern, auf den Feldern und in den Flüssen. Wie gefährlich die rote Masse wirklich ist, die am Montag aus dem Rückhaltebecken in der Aluminiumfabrik Ajka, 165 Kilometer westlich von Budapest, geflossen war, wollte zunächst niemand sagen. Nun hat die Umweltorganisation Greenpeace den Schlamm aus dem Ort Kolontar in Laboren in Wien und Budapest untersuchen lassen. Das Ergebnis ist beunruhigend: Im Schlamm in der Umgebung der Aluminiumfabrik befinden sich Arsen und Quecksilber in erhöhter Konzentration. „Es besteht das Risiko einer dauerhaft verseuchten Natur und der Nahrungsmittelkette“, sagte der Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster am Freitag in Wien.

Nach Angaben von Greenpeace sind die gefundenen Werte zum Teil überraschend hoch: 110 Milligramm Arsen haben die Wissenschaftler in einem Kilogramm getrocknetem Schlamm gemessen – normalerweise ist in Rotschlamm gerade einmal die Hälfte dieser Menge üblich. Auch die Menge an Quecksilber – 1,3 Milligramm pro Kilogramm Trockenmasse – sei leicht erhöht. „Quecksilber ist aber grundsätzlich problematischer“, erklärte Greenpeace-Chemiker Schuster. Quecksilber kann sich in der Nahrungskette anreichern, besonders Fische speichern das Schwermetall sehr gut. Arsen wiederum kann bei Menschen nervenschädigend wirken. „Die Schadstoffmengen stellen ein zusätzliches langfristiges Risiko für die Ökosysteme und das Trinkwasser dar“, sagte Schuster.

Giftige Schlammwelle in Ungarn
Die Unglücks-Fabrik: Aus einem Rückhaltebecken der ungarischen Alufabrik MAL laufen Anfang Oktober 750.000 Tonnen Giftschlamm aus und verseuchen 40 Quadratkilometer Land rings um die Ortschaften Kolontar und Devecser aus.Weitere Bilder anzeigen
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16.10.2010 10:21Die Unglücks-Fabrik: Aus einem Rückhaltebecken der ungarischen Alufabrik MAL laufen Anfang Oktober 750.000 Tonnen Giftschlamm aus...

Trotz der Messergebnisse will Greenpeace bei der betroffenen Bevölkerung keine Panik schüren. Schließlich ist der pH-Wert, der die Laugen- oder Säurekonzentration in Flüssigkeiten wiedergibt, bei dem ausgetretenen Rotschlamm hoch. In diesem Fall seien die Giftstoffe nach Angaben der Umweltorganisation noch gebunden und damit weniger gefährlich. Zur Belastung werden Arsen und Quecksilber in saurer oder neutraler Umgebung, also in den Flüssen. Dort werden die Schwermetalle freigesetzt. „Wenn die Schadstoffe mal im Fluss sind, kann man nichts mehr tun“, sagte der Chemiker Schuster.

In der Donau entspannte sich die Lage am Freitag offenbar. Nachdem am Donnerstag noch ein erhöhter pH-Wert von neun gemessen wurde, liege er inzwischen bereits wieder bei 8,34, sagte Philip Weller, Geschäftsführer der internationalen Kommission zum Schutz der Donau, dem Tagesspiegel.

Unklar ist allerdings, was mit den Massen an Industrieschlamm geschehen soll, die sich noch in Ungarn befinden. „Man bräuchte eine Mülldeponie nach neuestem Standard, die gut abgedichtet ist“, sagte Schuster. Doch eine solche Deponie lasse sich weder in Ungarn noch in ganz Osteuropa finden, meinte der Experte. Die Umweltorganisation wirft der ungarischen Regierung vor, ihrerseits mit den Messergebnissen, die über die erhöhte Konzentration von Arsen und Quecksilber Auskunft geben, hinter dem Berg zu halten. „Wieso braucht es Greenpeace, damit die Opfer erfahren, mit welchen Materialien sie es zu tun haben?“, kritisierte Schuster.

Derweil erhöhte sich die Zahl der Todesopfer nach dem Giftschlammunglück auf sieben. Ein 81-Jähriger erlag am Freitag im Krankenhaus seinen Verletzungen, meldete die Nachrichtenagentur FH. Einsatzkräfte bargen zudem in dem westungarischen Katastrophengebiet zwei weitere Leichen, bestätigte ein Sprecher des Katastrophenschutzes.

Ungarn habe die Situation unter Kontrolle, erklärte Regierungschef Viktor Orban in Sofia nach Gesprächen mit seinem bulgarischen Amtskollegen Bojko Borissow. Der Donau-Staat Bulgarien bot seine Hilfe bei der Beseitigung der Folgen der Umweltkatastrophe an. Hilfe ist in den kommenden Tagen auch von anderer Seite zu erwarten. Fünf Experten aus EU-Staaten werden am Montag nach Ungarn reisen, teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin mit. Die Katastrophenschutzexperten und Wissenschaftler würden mit der Regierung die Lage und das weitere Vorgehen besprechen. (mit AFP und dpa)

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