"Rita" : Schwächer, aber weiter gefährlich

Meterhohe Flutwellen, abgedeckte Dächer und eingestürzte Häuser: Vier Wochen nach Wirbelsturm "Katrina" hat Hurrikan "Rita" die US-Golfküste von Texas und Louisiana mit voller Wucht getroffen.

Houston/Washington (24.09.2005, 22:46 Uhr) - Dennoch richtete der 17. Hurrikan der Saison weit weniger Schäden an als befürchtet. Angaben über Tote oder Verletzte lagen zunächst nicht vor. Auch die befürchteten Schäden an den Ölraffinerien blieben aus. Im Laufe des Tages schwächte sich «Rita» immer weiter ab und wurde am Abend zum Tropensturm herabgestuft. Wegen der heftigen Regenfälle bleibt er jedoch gefährlich.

Am Abend (MESZ) traf US-Präsident George W. Bush in der texanischen Hauptstadt Austin ein, um sich über das Ausmaß der Schäden zu informieren. Bush kam aus Colorado Springs, wo er in einer militärischen Kommandozentrale die Ereignisse der Nacht verfolgt hatte. Bush war wegen der langsamen Reaktion der Bundesbehörden auf «Katrina» unter schweren Beschuss geraten.

Bei Sabina Pass in Texas war «Rita» am Samstagmorgen (MESZ) mit Windgeschwindigkeiten von 200 Kilometern in der Stunde auf das Festland geprallt. In den US-Bundesstaaten Texas und Louisiana gingen in 1,2 Millionen Haushalten die Lichter aus. Die Katastrophengebiete waren weitgehend evakuiert worden. Um 02.30 Uhr Ortszeit (09.30 Uhr MESZ) hatte «Rita» als gefährlicher Hurrikan der Kategorie 3 das Festland erreicht. Augenzeugen schilderten, der Sturm sei wie eine gewaltige Wasserwand über die Küste hereingebrochen.

«Es ist schwer, überhaupt zu atmen», sagte CNN-Reporter Anderson Cooper in Beaumont in Texas. Die «tödliche Kraft» des Hurrikans werfe einen regelrecht um. In verschiedenen Orten gingen Häuser in Flammen auf. In der Inselstadt Galveston, die ursprünglich im Fadenkreuz des Sturms gelegen hatte, zerstörten Brände mehrere historische Gebäude. Aber auch hier blieben die Schäden bei weitem hinter den Befürchtungen zurück. Große Erleichterung herrschte auch in Houston, das nur kleinere Schäden meldete. In New Orleans, wo bereits am Freitag ein Damm unter der Wucht der Ausläufer von «Rita» gebrochen war und Wasser einen Armen-Stadtteil erneut überflutet hatte, entstanden keine zusätzlichen Schäden.

Lake Charles schwer getroffen

Die Bergungs- und Rettungsarbeiten konzentrierten sich am Samstag auf die Stadt Lake Charles in Louisiana. Nach Angaben von US-General Russel Honoré hat der Wirbelsturm dort «bedeutenden Schaden» angerichtet. Die US-Armee will 500 Soldaten aus New Orleans abziehen und weitere 2400 Nationalgardisten in das Katastrophengebiet verlegen.

Schwere Überflutungen wurden auch aus Port Arthur und Beaumont in Texas gemeldet. In Beaumont ist nach Angaben von CNN ein Appartementgebäude eingestürzt. Dabei könnte es laut CNN Tote und Verletzte gegeben haben.

Am Abend sprach die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, von einem neuen schweren Schlag für ihren Staat und einen Rückschlag für die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten nach «Katrina». Zugleich versicherte sie: «Wir werden aufstehen und weiter machen.»

Lage in New Orleans stabilisiert

In New Orleans stand am Abend das Wasser im bereits von «Katrina» besonders schwer verwüsteten Stadtteil Ninth Ward teilweise bis zu vier Meter hoch. Die anderen Stadtteile blieben bis auf Regenwasser praktisch trocken, wie Bürgermeister Ray Nagin mitteilte. Die Lage habe sich stabilisiert. Nagin kündigte an, wenn alles weiter gut gehe, solle Anfang der Woche mit der Rückführung der ersten von «Katrina» vertriebenen Flüchtlinge begonnen werden.

US-Präsident George W. Bush appellierte an die insgesamt rund 2,7 Millionen Menschen, die vor «Rita» geflohen waren, in Sicherheit zu bleiben. Eine Rückkehr nach Hause sollte erst dann ins Auge gefasst werden, wenn die Behörden dafür grünes Licht geben, sagte der Präsident.

Houstons Bürgermeister Bill White äußerte sich Stunden nach dem Aufprall dennoch zuversichtlich. Es gebe zwar Schäden an Häusern, verstreute Äste auf den Straßen sowie heruntergerissene Stromleitungen, sagte White. Auch könne anhaltender Regen weitere Schäden anrichten. «Aber man kann sagen, wir meistern den Sturm.»

In Lake Charles wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung im Laufe des Samstags deutlich. Teile des Flughafens seien zerstört worden, sagte General Honoré. Häuser ragten wie einsame Inseln aus den überschwemmten Gebieten heraus. Das Wasser stand hoch bis zu den Baumkronen. Eine Brücke der wichtigen Autobahn 10 wurde beschädigt, nachdem sich Schiffe vom Ufer losgerissen hatten. Drei Casino-Schiffe wurden nach Augenzeugenberichten wie Spielzeugbote über das Wasser getrieben. In Port Arthur (Texas) schilderte ein Augenzeuge: «Jeder Baum, den man sehen kann, liegt am Boden.» In Beaumont in Texas verschoben die gewaltigen Windböen selbst Betonbänke.

Nach Angaben des Hurrikanzentrums in Miami wird sich der Sturm voraussichtlich für zwei Tage im Grenzgebiet von Texas, Arkansas und Oklahoma «festbeißen» und möglicherweise weitere massive Überflutungen mit sich bringen. Auch danach sind dem Zentrum zufolge auf dem Zug des Sturms in Richtung Norden noch zum Teil heftige Regenfälle und starke Winde zu erwarten. «Es ist noch nicht vorüber», sagte Direktor Max Mayfield. (tso/dpa)

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